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Pressemeldung Nr. 65/2004 vom 07.07.2004 | zur Druckfassung | Suche

Neue Datierung der menschlichen Skelettreste vom Vogelherd:

Waren Neandertaler oder moderne Menschen die ersten Künstler?


Veröffentlichung von Tübinger, Kieler und Chicagoer Wissenschaftlern in Nature

Die 1931 ausgegrabenen menschlichen Skelettreste aus der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb sind einer neuen Datierung mit Hilfe der Radiokohlenstoffmethode unterzogen worden. Danach sind sie zwischen 3.900 und 5.000 Jahren vor heute alt. Bisher wurden sie immer im Zusammenhang mit den ebenfalls in der Höhle gefundenen Figuren aus Elfenbein und Werkzeugen aus der Zeit des frühen Aurignacien, der ersten Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit in Europa vor 30. bis 40.000 Jahren vor heute, gesehen. Aufgrund der neuen Datierung kann nun nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden, wer die "ersten Künstler" waren, die Neandertaler oder die ersten modernen Menschen in Südwestdeutschland, die in dieser Zeit nach Europa einwanderten. Diese Ergebnisse werden in der Ausgabe von Nature vom 8. Juli 2004 von Wissenschaftlern der Universität Tübingen, der Universität Kiel und der Loyola University of Chicago veröffentlicht.

Die auf der Schwäbischen Alb in Südwestdeutschland gelegene Vogelherdhöhle ist berühmt für ihr reiches Fundensemble, darunter fast ein Dutzend Figuren aus Mammutelfenbein, die zu den ältesten Zeugnissen figurativer Kunst weltweit gehören. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden die menschlichen Skelettreste aus der Vogelherdhöhle als bester Beweis angesehen, dass anatomisch moderne Menschen die neue Technologie, figürliche Kunst und Musikinstrumente der jüngeren Altsteinzeit vor ca. 30 – 40.000 Jahren herstellten. Radiokohlenstoff-Messungen an fünf der menschlichen Fossilreste vom Vogelherd ergaben nun, dass die Menschenreste tatsächlich in die späte Jungsteinzeit zwischen 3900 und 5000 Jahre vor heute datieren, also viel jünger sind als die restlichen Funde und vermutlich aus späteren Bestattungen stammen. 26 weitere C14 - Datierungen an Tierknochen haben hingegen wie erwartet ein eiszeitliches Alter ergeben. Die neuen Daten der Menschenknochen vom Vogelherd schwächen auch die Argumente für die "Donau-Korridor-Hypothese", die besagt, dass anatomisch moderne Menschen relativ früh über die Donau in unseren Raum einwanderten. Sie unterstützen hingegen die Möglichkeit, dass die Neandertaler wesentlich zur Entwicklung der jungpaläolithischen Kultur beigetragen haben.

Im Sommer und Herbst 1931 wurde die Vogelherd-Höhle unter der Leitung des Tübinger Archäologen Gustav Riek ausgegraben. Die veröffentlichten Informationen sprachen für eine unzweifelhafte Vergesellschaftung der menschlichen Skelettreste und der klassischen Stein-, Knochen- und Elfenbeinwerkzeuge des Aurignaciens. Lange Zeit haben die Forscher deshalb geglaubt, dass auch die Menschenreste aus der Vogelherdhöhle aus dieser Epoche stammen.

Seit der Entdeckung von anatomisch modernen Menschenresten mit Aurignacienwerkzeugen im Felsschutzdach von Cro-Magnon im Jahr 1868, galt das Aurignacien, wie diese Kulturstufe später benannt wurde, als Werk des modernen Menschen. Forscher haben die Cro-Magnon Menschenreste aus Südwestfrankreich immer als sicheren Beleg für diese These betrachtet, bis jüngste Radiokohlenstoffmessungen an dieser Menschenform ebenfalls ein jüngeres Alter ergaben als erwartet.

Mit den neuen Daten vom Vogelherd existieren nun keine menschlichen Fossilreste mehr, die einen zweifelsfreien Zusammenhang früher Aurignacienfunde mit anatomisch modernen Menschen belegen. Die wenigen vorhanden Menschenreste von anderen Fundstellen weisen entweder keine Skelettmerkmale zur eindeutigen Artbestimmung auf oder stammen aus unsicherem Fundkontext. Die kulturelle Entwicklung am Beginn der jüngeren Altsteinzeit wird von vielen Wissenschaftlern als Hinweis auf eine revolutionäre Veränderung der geistigen Fähigkeiten verstanden, in der vollentwickeltes symbolisches und damit modernes Verhalten zur Entfaltung kam. Zu diesem Zeitpunkt haben jedoch sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen in Europa gelebt.

Das junge Alter der menschlichen Skelettreste vom Vogelherd wirft die Frage nach den Trägern der frühen Aurignacien-Kultur erneut auf. Im Moment kann die Hypothese, dass Neandertaler die frühen Aurignacienfunde hergestellt haben, nicht widerlegt werden. Zudem kann die "Donaukorridor-Hypothese" für eine frühe Kolonisierung Zentraleuropas durch den modernen Menschen – obwohl immer noch plausibel – nicht mehr anhand einer Verbindung von modernen Menschen und frühem Aurignacien belegt werden. Mit den neuen Daten vom Vogelherd ist somit eine der meist verbreiteten Annahmen der Paläoanthropologie, nämlich dass die kulturellen Innovationen des Aurignacien ausschließlich mit modernen Menschen zu verknüpfen sind, fraglicher als je zuvor.

Die Autoren des Artikels "Unexpectedly recent dates for human remains from Vogelherd”, Nature July 8, 2004 sind Nicholas J. Conard1 Pieter M. Grootes2 und Fred H. Smith3.

In Verbindung mit der Publikation der Daten vom Vogelherd findet vom 7. bis 10 Juli 2004 in Blaubeuren und Tübingen ein internationaler Workshop unter dem Titel "Neanderthals and Modern Humans Meet?" statt. Bei diesem Workshop werden die neuesten Daten zum Aussterben der Neanderthaler und zur Ankunft des Modernen Menschen in Europa vor ca. 40.000 Jahren diskutiert.

1Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie
Institut für Ur-und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Universität Tübingen, Schloss Hohentübingen, 72070 Tübingen, Germany
nicholas.conard@uni-tuebingen.de
Tel.: (07071) 29-72416
Fax: (07071) 29-5714

2Leibniz Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung
Universität Kiel, Max-Eyth-Str. 11-13
24118 Kiel, Germany
pgrootes@leibniz.uni-kiel.de

3Department of Anthropology
Loyola University of Chicago
6525 North Sheridan Road
Chicago, IL 60626, USA
fsmith@luc.edu

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