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Pressemeldung Nr. 35/2013 vom 08.02.2013 | zur Druckfassung | Suche

Tagung zur jüdischen Philosophiegeschichte


„Zwischen Orientalismus und Moderne“ heißt die Arbeitstagung, zu der das Philosophische Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) vom 14. bis 16. Februar an die Kieler Förde eingeladen hat. Philosophinnen und Philosophen, Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler, sowie Judaistinnen und Judaisten tauschen sich drei Tage lang über die Geschichte jüdischer Philosophie aus. Die Vorträge dieser von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Tagung widmen sich der Auslegung der Philosophiegeschichte als Geschichte jüdischer und judaeo-arabischer Denkströmungen. Moderiert wird die Konferenz von Georges Tamer, Professor für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft an der FAU Erlangen-Nürnberg, und Sina Rauschenbach, Privatdozentin im Fachbereich Geschichte und Soziologie an der Universität Konstanz.


Tagungsprogramm:
www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-035-plakat.pdf

Abendvortrag:
www.philsem.uni-kiel.de/de/termine-und-aktuelles/dateien/westerkamp/Westerkamp_Handzettel.pdf


Das Wichtigste in Kürze:
Datum: 14. bis 16.02.2013
Ort: Internationales Begegnungszentrum der CAU,
Kiellinie 5, 24105 Kiel

Kontakt:
Prof. Dr. Dirk Westerkamp
Philosophisches Seminar der CAU zu Kiel
Tel.: 0431/880-2236
E-Mail: westerkamp@philsem.uni-kiel.de



Hintergrund:



Mit dem Aufschwung philosophischer Historiographie in der Frühaufklärung wird auch die Frage nach der Integration außereuropäischer Denktraditionen erhoben. Strittig ist von Anbeginn, ob in die Geschichte der philosophia perennis jüdische Philosophen ein- oder ausgeschlossen werden sollten. Zunächst noch belastet mit den klassischen Topoi des „Orientalismus“ verwandelt sich diese Historiographie radikal, seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend jüdische Denker die Historiographie ihrer philosophischen Traditionen selbst in die Hand nehmen und die Paradigmen ihrer Geschichtsschreibung verwandeln. Dieser Selbstreflexion sind die Leistungen der philosophischen Historiographie jüdischen Denkens im 20. Jahrhundert zu verdanken, deren verschiedene Ansätze schließlich auch zur Zentralisierung des zuvor Marginalisierten, insbesondere der Kabbala, geführt haben. „Die dramatische Expansion des Detailwissens und der materialen philologischen Neuerkenntnisse über die Jüdische Philosophie im letzten Jahrhundert lohnt deshalb einen metahistoriographischen Rück-, Über- und Seitenblick auf vergangene, gegenwärtige und alternative Tendenzen der Erforschung jüdischer Philosophie“, beschreibt der Organisator und Kieler Professor Dirk Westerkamp den Ausgangspunkt der Tagung.

Programm:



Frederek Musall, Juniorprofessor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg:
„Juden denken! Einige Überlegungen zur Neudefinition der Kategorien ‚Jüdische Philosophie’ und ‚Jüdisches Denken’.“
Der Vortrag widmet sich der Frage, mit welchen Begriffen wir die Akteure jüdischer Geistesgeschichte einordnen und ob Begriffe wie „Jüdisches Denken“ oder „Jüdische Philosophie“ ihnen gerecht werden können.

Karl Erich Grözinger war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 Lehrstuhlinhaber am Institut für Religionswissenschaft / Jüdische Studien der Universität Potsdam und ist seit 2012 Seniorprofessor am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg: „‚Jüdische Philosophie’ oder ‚Jüdisches Denken’? Von der Unmöglichkeit einer Begriffsbestimmung.“
„Es gibt Juden und es gibt Philosophen; aber es gibt keine jüdischen Philosophen und es gibt keine jüdische Philosophie.“ Dieses Verdikt der bedeutsamen „History of Medieval Jewish Philosophie“ von Isaac Husik zeigt das grundlegende Dilemma, das weder durch Sichtung der einschlägigen Historiographie noch durch systematische Überlegungen wirklich aufgelöst werden kann. Der Vortrag wird offen die Frage nach einem Ausweg aus dieser dilemmatischen Situation diskutieren.

Thomas Meyer ist zurzeit Humboldt-Stipendiat an der Vanderbilt University in Nashville, USA, und Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Die Geschichte der jüdischen Philosophie: Von Neumark bis zur ‚Cambridge history of jewish philosophy’.“
Der Vortrag widmet sich wesentlichen historischen Erzählungen zu „Jüdischer Philosophie“ und den wichtigsten Variationen dieser Formation im 20. und frühen 21. Jahrhundert. Versucht werden soll eine Art Bestandsaufnahme dessen, was in den letzten 110 Jahren an Vorschlägen unterbreitet wurde.

Dirk Westerkamp ist Professor für Theoretische Philosophie an der CAU: „Die mosaische, die philonische und die spinozische Unterscheidung.“
Philosophisch lassen sich Epochenunterscheidungen nicht einfach durch historiographische Gewohnheiten rechtfertigen. Umgekehrt setzen sich prinzipientheoretisch begründete Topologien dem Verdacht der Willkür aus. Der Vortrag wird für eine moderat „logotektonische“ Historiographie plädieren, die sich im Falle des jüdischen Denkens an drei seiner prinzipiellen Unterscheidungen orientiert.

Christoph Schulte ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Jüdische Studien/Institut für Philosophie an der Universität Potsdam: „Kabbala: Von der esoterischen Philosophie im 17. Jahrhundert zur modernen Mystik-Forschung.“
Seit Pico della Mirandola haben christliche Kabbalisten die Kabbala als jüdische Philosophie gesehen. Diese Taxinomie wurde von der Philosophie-Geschichtsschreibung des 17. Jahrhunderts als Unterscheidung von Kabbala als esoterische Philosophie der Juden und deren exoterischer Philosophie weitergeführt. Die spätere Exklusion der Kabbala aus dem Kanon der jüdischen Philosophie markiert den Zustand, den Gershom Scholem vorfindet, als er nach dem Ersten Weltkrieg die moderne Kabbala-Forschung inauguriert. Der Vortrag wird den zentralen Paradigmenwechseln in der Historiographie der Kabbala nachgehen.

Gerold Necker ist Privatdozent am Seminar für Judaistik / Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Zur Kabbala und ihrer Hermeneutik.“
Kabbalistische Literatur konstituiert sich im Wesentlichen durch Textinterpretation. Ihre wichtigste Gattung ist der Kommentar, ihr Verständnis gründet auf der Heiligkeit der hebräischen Buchstaben. Anhand von Beispielen aus der kabbalistischen Literatur, die den vielschichtigen Umgang mit den
Offenbarungsquellen illustrieren, wird ein methodischer Ansatz vorgestellt, der eine Historiographie kabbalistischer (Eigen-)Wahrnehmung unter philosophischen Vorzeichen perspektiviert.