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Pressemeldung Nr. 109/2014 vom 16.04.2014 | zur Druckfassung | Suche

Dickes Osterei – Titanwurz geht im Botanischen Garten Kiel in Blüte

Größte Stink-Blume der Welt aus Sumatra


Foto/Copyright: Botanischer Garten

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Mit einer Webcam kann die Entwicklung der Blüte live verfolgt werden.

Die größte Blume der Welt wird sich voraussichtlich binnen einer Woche im Botanischen Garten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) öffnen. Die Titanwurz (Amorphophallus titanum) treibt bereits eine kräftige Blütenstandsknospe. Das ist dreifach selten: Erstens verliert die Pflanze in den heimischen Regenwäldern Sumatras, einer Insel in Südostasien, ihren Lebensraum. Zweitens ist sie in Botanischen Gärten selten anzutreffen und drittens ist ein Blühereignis quasi die olympische Gold­medaille nach langer, guter Kultivierung und kaum vorhersagbar. Die gigantische Blume der Titanwurz ist eine der spektakulärsten Erscheinungen in der Pflanzenwelt und eine große Seltenheit. Das eigentliche Blühspektakel wird aber nur drei Tage dauern. Täglich aktualisierte Informationen zur Titanwurzblüte werden unter www.botanischer-garten-kiel.de und über Twitter (@kieluni) veröffentlicht. Das tropische Gewächs aus Indonesien ist aktuell im großen Victoriahaus des Botanischen Gartens der CAU zu bestaunen. Am Tag der Blüte ist der Botanische Garten bis 24 Uhr (letzter Einlass 23 Uhr) geöffnet.

Was wird während der Blütezeit zu sehen und zu riechen sein?


Nachdem die Titanwurz nach 15 Jahren in Kultur im Jahr 2012 zum ersten Mal im Botanischen Garten Kiel erblühte, erstaunt es alle, dass dieselbe Pflanze nach nur einer Vegetationsperiode mit Blatt erneut blühen wird. Das Gewicht der Knolle betrug nach dem Einziehen des baumgroßen Blattes im September 2013 rund 43 Kilogramm. Das ist mehr als doppelt so viel, wie sie nach dem Blühereignis noch wog. Das eigentliche Blühspektakel wird lediglich drei Tage währen: Die Pflanze ist meist ein Nachtblüher und im Laufe eines Nachmittags wird sich ein großes Hochblatt (die Spatha) öffnen, das den großen Kolben (den Spadix), einem hochfliegenden Plissee-Rock gleichend, umgibt. Die Titanwurz gibt besonders am ersten Tag in Wellen einen intensiven Duft nach verrottendem Fisch und Aas ab. Im Laufe des zweiten Blühtages schließt sich das Hochblatt allmählich. Im Laufe des dritten Tages geht das botanische Schauspiel zu Ende: Der Blütenstand beginnt zu welken und der Kolben knickt um.

Genaue Voraussage der Blumenöffnung


Eine genaue Vorhersage, wann sich der Blütenstand entfaltet und die Blüten sich öffnen, ist bei diesem Tropengewächs sehr schwierig. Dies wird frühestens am Morgen des Blühtages möglich sein. Gärtnerinnen, Gärtner sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Botanischen Gartens Kiel nehmen an, dass sich der spektakuläre Blütenstand an Ostern oder unmittelbar danach öffnen kann. Aktuell ist der Blütenstand bereits 142 Zentimeter hoch (Stand 16. April) und wächst täglich über zehn Zentimeter. Da die Titanwurz in dieser Phase sehr empfindlich ist, bleibt es bis zur letzten Minute ungewiss, ob sich der Blütenstand wirklich öffnet. Es wird also für Botanikerinnen, Botaniker, Gärtnerinnen, Gärtner und Gäste sehr spannend.

Übler Geruch nach Aas


Mittels Aasgeruch werden in Sumatra Aaskäfer, Aasfliegen und vielleicht Bienen in den Blütenstand gelockt, die für ihre Eiablage einen verwesenden Tierkadaver suchen. Im Blütenstand der Titanwurz finden die Fliegen keinen geeigneten Brutplatz – aber sie bestäuben bei ihrem Besuch die Blüten, wenn sie zuvor ein anderes Exemplar besucht haben. Während der ersten Nacht öffnen sich nämlich die weiblichen Blüten, die in der zweiten Nacht, wenn die männlichen Blüten ihren Pollen abgeben, bereits verwelken. So vermeidet die Pflanze Selbstbestäubung – macht aber in Kultur ihre Vermehrung nicht leichter. Damit die Bestäuber im dunklen, dichten Regenwald die Riesenblumen entdecken, wird deren Geruch durch einen Trick weiter verstärkt. Die Pflanze erhöht die Temperatur im Kolben gegenüber der Umgebung um über 10 Grad Celsius und der Blütenstand gleicht einer stinkenden Riesenfackel. Während der ersten Nacht ist der Geruch am intensivsten – dann müssen die Blüten, aus denen Früchte werden sollen, bestäubt werden.

Riesenblume aus den Regenwäldern Sumatras


Die Titanwurz, Amorphophallus titanum, ist eine mehrjährige Pflanze aus der Familie der Aronstabgewächse (Araceae). Sie bildet eine unterirdische Knolle aus, die über 100 Kilogramm Gewicht erreichen kann. Erst nach mehreren Jahren kann aus der Knolle ein Blütenstand mit einer Größe von bis zu drei Metern hervorgehen. Die größte jemals vermessene Blume erreichte 2005 in der Wilhelma in Stuttgart 2,94 Meter.

Die Pflanze wurde in Sumatra (Indonesien) 1878 durch den florentinischen Botaniker Odoardo Beccari (1843-1920) entdeckt. Sie ist in der Natur stark gefährdet, da ihr etwa 300 x 100 Kilometer großer Lebensraum in den Barisan-Bergen im Westen Sumatras zunehmend genutzt wird.

Schwierige Kultur


Die Pflanze, die jetzt in Kiel einen Blütenstand hervorbringt, stammt aus einer Nachzucht der Botanischen Gärten Bonn, wo die Mutterpflanze 1996 blühte und bestäubt werden konnte. Der Botanische Garten Kiel steht mit über 400 anderen Botanischen Gärten weltweit im „Internationalen Saatguttausch” in Verbindung, um seiner wichtigen Aufgabe des Arterhalts gerecht zu werden und Pflanzen für Forschung und Lehre bereitzustellen. Aus dem kleinen Samen wuchs eine im Verlaufe von fünfzehn Jahren immer größer werdende Knolle heran, die ihr Gewicht binnen einer Vegetationsperiode verdoppeln kann. Jährlich bildet die Pflanze lediglich ein Blatt, das allerdings wie ein kleiner Baum aussieht. Im August 2013 zog sich nach über zwölf Monaten das letzte Blatt, das zahlreiche Gäste im Victoria-Haus bestaunt hatten, binnen vier Wochen komplett ein. Das Gewicht der Knolle wird beim Umtopfen der Pflanze im Ruhestadium festgestellt. Sie wog zuletzt 43,6 Kilogramm (2012: 21 Kilogramm; 2010: 4,6 Kilogramm), so dass in Kiel erstmals eine Vervierfachung des Gewichtes in einer Vegetationsperiode festgestellt worden war.

Während des Blühereignisses 2012 erforschten Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viele Einzelheiten. „In diesem Jahr werden die neu aufgeworfenen Fragen engagiert weiter verfolgt, weshalb es auch hier ein Glücksfall ist, so schnell dasselbe Individuum weiter untersuchen zu können“, erklärt Martin Nickol, Kustos des Botanischen Gartens. „Die Kultur der Titanwurz ist sehr schwierig und eine Blüte in relativ rascher Folge ausgesprochen bemerkenswert.“

Was wird nach der Blütezeit zu sehen sein?


Die Pflanze entwickelt nur ein einziges großes Laubblatt, das mehrere Meter Höhe erreichen kann und einem kleinen Baum ähnelt. Nach 9 bis 24 Monaten wird das Blatt eingezogen und die Knolle macht eine Ruhepause, bevor sie erneut ein Laubblatt oder – höchst selten – einen Blütenstand austreibt. Es ist ungewiss, ob eine Pflanze die Anstrengung einer Blütenstandsbildung überlebt. Sofern der Blütenstand unter Kulturbedingungen nicht bestäubt wurde, leben die Pflanzen manchmal weiter. Werden jedoch nach künstlicher Bestäubung rote Beerenfrüchte ausgebildet, die über acht Monate zur Reifung brauchen, sterben die Pflanzen danach häufig ab. „Da es für jeden Gärtner und für jede Gärtnerin eine unwiderstehliche Herausforderung ist, eine Titanwurz zur Blüte zu bringen, werden wir natürlich versuchen, die Kultur fortzusetzen“, so Nickol.

Kommt das im Botanischen Garten öfter vor?


Der Botanische Garten Kiel hat viele Aronstabgewächse in Kultur, die auch regelmäßig blühen. Dass nach der Blüte 2012 nun erneut ein Blühereignis stattfindet, ist überraschend. Optimale Kulturbedingungen und der sehr sonnige Sommer 2013, in dem die Pflanze viel Stärke in ihrer Knolle speichern konnte, sind zwei wichtige Faktoren für dieses neuerliche Ereignis. Nickol: „Dass in Schleswig-Holstein ein Blütenstand der größten Blume der Welt, Amorphophallus titanum, zu sehen sein wird, ist ein sehr erhebender Moment.“ Nach der Entdeckung 1878 dauerte es elf Jahre, bis das erste Exemplar außerhalb Sumatras – aus Saat gezogen – zur Blüte kam, 1889 in den Kew Gardens, London. Seither kam es in Botanischen Gärten weltweit zu etwa 150 weiteren Blühereignissen, in Norddeutschland nach 1929 in Hamburg, 2012 in Kiel, 2013 in Hamburg und nun wiederum im Botanischen Garten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Blume und Blüte – das ist doch dasselbe?


Eine Blüte besteht, grob gesprochen, aus Blütenblättern, Staubblättern und Fruchtblättern. Eine Blume ist im botanischen Sinne eine Bestäubungseinheit. Und exakt so verhält sich die Titanwurz. Sie ist die größte Blume der Welt, in der viele kleine Einzelblüten, dazu noch getrennt in reine Staubblatt- und reine Fruchtblattblüten mit dem Rüschenrock, genannt Spatha, und dem Riesenstinkkolben, genannt Spadix, in zwei Nächten in einer bestens koordinierten Aktion zusammenwirken, um einen Bestäubungserfolg zu erzielen. Die Blüten der Titanwurz sind recht klein, mehrere hunderte männliche und weibliche Blüten sind in einem großen Blütenstand angeordnet. Dieser Blütenstand wird – als Bestäubungseinheit – insgesamt als Blume bezeichnet.

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Foto/Copyright: Botanischer Garten

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Titanwurz im Botanischen Garten der Kieler Universität


Ort:
Haupteingang am Ende der Leibnizstraße (Bus 81) oder – tagsüber – Eingang Westring (Brücke vom Neufeldtpark über den Olof-Palme-Damm) Standort: Schaugewächshausanlage, Victoria-Haus

Öffnungszeiten, Eintritt:
Freiland täglich von 9 bis 18 Uhr, Gewächshäuser von 9.30 bis 17.30 Uhr Sobald die Blüte einsetzt ist der Botanische Garten bis 24 Uhr (letzter Einlass 23 Uhr) geöffnet. Eintritt während der Blühphase: Erwachsene 3 €, Schüler und Studenten 2 €, bis 14 Jahre freier Eintritt.

Weitere Informationen:
www.botanischer-garten-kiel.de

Hinweis für Medien:
Bereits jetzt ist die Titanwurz spektakulär und steht ab sofort für Film- und Fotoaufnahmen im Victoriahaus bereit. Wir werden Sie umgehend informieren, sobald die Öffnung des Blütenstandes beginnt. Da die Blüte am Abend oder in der Nacht stattfinden könnte, teilen Sie uns bitte den Kontakt Ihrer Nachtdienste mit, sollten Sie sofort informiert werden wollen.



Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Dr. Boris Pawlowski, Redaktion: Claudia Eulitz
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Text / Redaktion: Dr. Martin Nickol