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Pressemeldung Nr. 273/2014 vom 12.09.2014 | zur Druckfassung | Suche

Expeditionen in die Südsee

Südseesammlung der Universität geht als Dauerleihgabe an das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum – wissenschaftliche Kooperation vereinbart


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Foto/Copyright: Dr. Boris Pawlowski/CAU


130 Jahre lang prägte das Museum für Völkerkunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) den Walter Gropius-Bau in der Kieler Hegewischstraße 3. Am Freitag, 12. September, unterzeichneten CAU-Präsident Professor Lutz Kipp und der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel, Dr. Ulf Kämpfer, im Kieler Wissenschaftspark einen Vertrag über die Dauerleihgabe der ethnologischen Südseesammlung der Universität an das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum. Die Sammlung umfasst umfangreiche Bestände an Waffen, Geräten und Muschelschmuck, außerdem Kleidung, Schnitzereien, Masken und Bootsmodelle. Viele Ausstellungsstücke sind Reiseerwerbungen Kieler Marineangehöriger, die Ende des 19. Jahrhunderts zu Handels- und Militärexpeditionen in der Südsee unterwegs waren. Die etwa 800 Exponate sollen zukünftig als Zeugnisse der Kieler Marinegeschichte gemeinsam erforscht und im Warleberger Hof präsentiert werden.

Kipp und Kämpfer bezeichneten die geplante Zusammenarbeit „als Ausdruck der engen Verbindung zwischen Stadt- und Universitätsgeschichte.“ Beide würden in Kiel an vielen Stellen eine natürliche Einheit bilden: „Insofern machen wir heute sichtbar, was eigentlich schon lange da ist, im Laufe der Zeit aber in Vergessenheit geriet“. Derartige Themen gebe es mehr. „Wir denken dabei an Namen wie Max Planck, die historische Verortung der Universität in der Stadt über die Jahrhunderte oder Möglichkeiten, aktuelle Kieler Forschung öffentlich zu präsentieren“, skizzierten der Präsident und der Oberbürgermeister im Depot des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums weitere mögliche gemeinsame Vorhaben.

In den vergangenen Jahrzehnten war die Südseesammlung in der Völkerkundlichen Abteilung des Zoologischen Museums der Universität untergebracht und ausgestellt. Da die Universität seit geraumer Zeit keinen Lehrstuhl für Völkerkunde mehr vorhält, die über 50 Jahre alte Präsentation nicht mehr zeitgemäß war und das Zoologische Museum aktuell andere thematische Schwerpunkte setzt, wurde nach einer alternativen Unterbringungs- und Präsentationsmöglichkeit für die Exponate gesucht. Der Leiter des Zoologischen Museums, Dr. Wolfgang Dreyer, bezeichnete die jetzt gefundene Lösung als „bestdenkbare“. „Jetzt ist die Südseesammlung endlich dort angekommen, wo sie immer hingehörte: in das historische Archiv der Landeshauptstadt Kiel. Denn sie liefert wertvolle Zeugnisse der Kieler Stadt- und Kolonialgeschichte“, so Dreyer.

„Dass die mitgebrachten Objekte in Kiel präsentiert und der Universität geschenkt wurden, lässt Rückschlüsse auf die Bedeutung der Kolonien im frühen 20. Jahrhundert zu. Anhand der Mitbringsel lassen sich die Reisen der Kieler Marineangehörigen und deren koloniales Selbstverständnis rekonstruieren sowie ihre Vorstellungen von der Südsee, die vielfach als unberührtes Paradies empfunden wurde“, ordnete die Leiterin des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums die stadtgeschichtliche Bedeutung der Sammlung ein. Nun gelte es, die wertvolle Kollektion an ihrem authentischen Ort angemessen aufzuarbeiten und zu präsentieren. Dazu strebe man mit dem Historischen Seminar der CAU ein gemeinsames Forschungsprojekt zur Kolonialgeschichte an. „Dass das überhaupt so möglich ist, ist nicht zuletzt auf die gute Zusammenarbeit im Verbund ‚Museen am Meer‘ zurückzuführen. Hier ist wertvolles Vertrauen entstanden, das jetzt weitere interdisziplinäre Forschungsprojekte ermöglicht“, betonte die Historikerin.

Die Sammlung wird künftig im städtischen Museumsdepot im Kieler Wissenschaftspark gelagert, wo sie zur weiteren Erforschung zur Verfügung steht und langfristig im Schaumagazin zu sehen sein wird. Unter dem Titel „Die Kieler Südseesammlung und die Kaiserliche Marine. Neue Fragestellungen an die deutsche Kolonialgeschichte (1884 – 1914)“ führt die Ausstellung vom 28. September an in die Geschichte der „deutschen Südsee“ ein und fragt nach der Rolle der Marine, die dort bis 1914 aktiv, aber nie stationiert war. Sie erzählt Geschichten von friedlichen und feindlichen Begegnungen und formuliert viele offene Fragen, die von den Sammlungsstücken ausgehen. Etwa: Warum und wie kamen sie nach Kiel? Wer erwarb sie unter welchen Bedingungen? Die Ausstellung bringt dafür erstmalig die Marine- und Südseesouvenirs der stadtgeschichtlichen Sammlung mit den ethnologischen Sammlungsstücken aus den „Schutzgebieten“ in der Südsee zusammen.

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Präsident und Oberbürgermeister: Professor Lutz Kipp (rechts) und Dr. Ulf Kämpfer unterschreiben den Vertrag über die Dauerleihgabe der Südseesammlung. Weitere gemeinsame Projekte sollen folgen.
Foto/Copyright: Dr. Boris Pawlowski/CAU

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Rund 800 Exponate umfasst die Südseesammlung der Kieler Universität, die jetzt als Dauerleihgabe an das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum geht. Eines davon ist diese Maske.
Foto/Copyright: Dr. Boris Pawlowski/CAU

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Historischer Hintergrund:



Zwischen 1884 und 1899 hisste die kaiserliche Reichsmarine auf mehreren pazifischen Inseln und über einem Teil Neuguineas die deutsche Flagge. Diese entlegenen und wirtschaftlich unbedeutenden „Schutzgebiete“ in der Südsee gehörten zu den wenigen noch nicht von anderen Kolonialmächten beanspruchten Territorien, wo der Traum Kaiser Wilhelms II. von einem „Platz an der Sonne“ Wirklichkeit werden sollte. In Deutschland entstanden zugleich mit dem Transfer materieller Kulturgüter aus diesen Kolonien völkerkundliche Sammlungen und Museen. Darunter befand sich das ebenfalls 1884 als Einrichtung der Universität Kiel gegründete Museum für Völkerkunde.

Die Südseesammlung umfasst etwa 800 wissenschaftlich herausragende und teils einzigartige Exponate der Jahre 1884 bis 1914, darunter Kultgegenstände (Masken, kultische Figuren), Waffen, Gerätschaften, Kleidung, Modelle von Booten sowie auch ein großes Auslegerboot. Im Gegensatz zu anderen ethnografischen Sammlungen, die in der Regel auf die Aktivitäten von Handelshäusern in Übersee zurückgehen, wurden diese Stücke von Marineangehörigen teilweise in offiziellem Auftrag zusammengetragen. Sie stammen von namentlich bekannten Kieler Offizieren und Matrosen, die mit der kaiserlichen Flotte in der Südsee unterwegs waren. Teilweise waren die Exponate auch private Reiseandenken der Seeleute, die diese nach einem Aufruf des Museums dort einlieferten. Einige Stücke brachte Prinz Heinrich von Preußen von seiner Weltreise mit nach Kiel. Erster Ausstellungsort war der Warleberger Hof, damals noch Museumsgebäude für die verschiedenen Universitätssammlungen.

Die kolonialpolitischen Bestrebungen des Kaiserreiches sind zugleich ein stadtgeschichtlicher Schlüssel für die Entwicklung Kiels als Reichskriegshafen. Von hier starteten Exkursions-, Versorgungs- und Einsatzschiffe der Marine mit jeweils etlichen hundert Mann Besatzung. Die Exponate sind somit auch Sachzeugnisse der Kieler Seefahrtsgeschichte und fügen sich nahtlos in die Sammlung des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums ein. Zu den entsprechenden Beständen des städtischen Museums gehören Schiffsmodelle, Dokumente, Fotos und andere Souvenirs von den Reisen in die Kolonien, die sich mit dem ethnologischen Material verknüpfen lassen.

Die über 100 Jahre alten Exponate der Südseesammlung sind neben ihrem rein ethnologischen Hintergrund Dokumente der kulturellen Begegnung und des Austausches; sie halten den Moment des Zusammentreffens der Marinematrosen mit den Bewohnern der pazifischen Inselwelt fest. Die Sammlungsbestände bieten daher große Potenziale für neue interdisziplinäre Forschungsfragen, die über ihre völkerkundlichen Aspekte weit hinausgehen. Die Verknüpfung des ethnologischen Materials mit Exponaten zur Kieler Marinegeschichte eröffnet einen innovativen methodischen Ansatz für die historische Forschung und bietet neue, für das Publikum spannende Perspektiven im Ausstellungswesen. Hier verbindet sich die Exotik der Südsee mit der Regionalgeschichte Kiels auf faszinierende Weise.


Kontakt:
Dr. Doris Tillmann
Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum
Telefon: 0431/901-3487
E-Mail: Doris.Tillmann@kiel.de

Dr. Wolfgang Dreyer
Zoologisches Museum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Telefon: 0431/880-5175
E-Mail: drdreyer@zoolmuseum.uni-kiel.de



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E-Mail: ► presse@uv.uni-kiel.de
Text / Redaktion: ► Dr. Boris Pawlowski