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Pressemeldung Nr. 208/2015 vom 12.06.2015 | RSS | zur Druckfassung | Suche

Expertinnen und Experten empfehlen deutlich mehr Klimaschutz


Ende des Jahres wird auf der UN-Klimakonferenz über den Klimaschutz verhandelt. Foto/Copyright: Jürgen Haacks, CAU

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Unsere Generation sollte deutlich mehr in die Zukunft investieren, als das in der globalen Klimapolitik aktuell der Fall ist. Das hat eine Umfrage eines Forschungsteams der London School of Economics und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) unter fast 200 der weltweit führenden Ökonominnen und Ökonomen ergeben. Konkret empfehlen die Fachleute: Um einen Ertrag von 1000 Euro in 100 Jahren zu erzielen, zum Beispiel in Form vermiedener Klimaschäden, sollten wir heute 140 Euro investieren. Dieses klare Signal für höhere Zukunftsinvestitionen unterstützt die jüngsten Beschlüsse des G7-Gipfels und ist eine wichtige Entscheidungshilfe für die Regierungen, die auf der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris über die globalen Klimaschutzanstrengungen verhandeln werden.

Um bessere Empfehlungen nicht zuletzt für die globale Klimapolitik geben zu können, befragte das Forschungsteam um Moritz Drupp von der Universität Kiel 197 Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der langfristigen Kosten-Nutzen-Analyse. Die Arbeit ging der Frage nach, wie viel uns die Zukunft wert sein sollte. Sie liefert sowohl eine repräsentative Schätzung des Gegenwartswertes von zukünftigen Erträgen als auch Aufschlüsse über das Ausmaß und die Hintergründe der vorausgehenden Kontroverse.

Zeit ist Geld. Aber wie viel genau? Für langfristige Politikprobleme, allen voran den Klimaschutz, ist das eine zentrale Frage. „Es geht um die richtige Balance zwischen heutigem und zukünftigem Wohlbefinden und somit darum, was unsere Generation für die künftigen Generationen zu geben bereit ist“, sagt Moritz Drupp. Fachleute machen das an den sogenannten sozialen Diskontraten fest, die eine ähnliche Funktion wie Zinssätze haben. Bisherige Empfehlungen klafften weit auseinander. Sie reichten in einer früheren Umfrage des Harvard Professors Martin Weitzman von minus 3 bis 27 Prozent. Das entspricht einer Investitionsspanne von einem Bruchteil eines Cents bis hin zu 20.000 Euro für einen Ertrag von 1000 Euro in 100 Jahren.

Auch die Berechnungen der prominentesten Fachleute gingen bisher stark auseinander. Der britische Ökonom Lord Nicholas Stern argumentierte im Sinne stärkerer Zukunftsgerechtigkeit für eine Diskontrate von 1,4 Prozent und einen sehr ambitionierten Klimaschutz. Demnach wären für einen Ertrag von 1000 Euro in 100 Jahren heutige Investitionen von 250 Euro gerechtfertigt. Yale Professor William D. Nordhaus argumentierte hingegen auf Basis von erwarteten Zinssätzen von 4,5 Prozent, dass Investitionen von lediglich 10 Euro ausreichend seien und die Klimapolitik nur graduell verschärft werden sollte. Aktuell liegt der effektive globale Steuersatz auf den Ausstoß von Treibhausgasen sogar unter dem von Professor Nordhaus empfohlenen Wert. Dies wollen die Regierungschefs auf der UN-Klimakonferenz in Paris ändern.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir deutlich mehr für die Zukunft investieren sollten“, fasst Moritz Drupp die Ergebnisse zusammen. 140 Euro sollte uns demnach heute ein Ertrag von 1000 Euro in 100 Jahren wert sein. Dies entspricht einer sozialen Diskontrate von 2 Prozent pro Jahr. „Auch wenn die Expertinnen und Experten weiterhin uneins über die genaue Bewertung bleiben, zeigen unsere Daten einen deutlich breiteren Konsens als bisher vermutet“, sagt Drupp. Dreiviertel der Befragten finden 140 Euro gerechtfertigt, während 92 Prozent Investitionen von mindestens 50, aber nicht mehr als 370 Euro empfehlen.

Als Grund für höhere Investitionen in die Zukunft geben viele Fachleute unter anderem an, dass Regierungen nachfolgende Generationen nicht durch bloße Ungeduld diskriminieren dürften. Die meisten denken, dass Zinssätze auf den Finanzmärkten nicht die Hauptgrundlage für Entscheidungen der Staaten sein sollten. Viele Expertinnen und Experten stellen des Weiteren das Standardmodell infrage, das von vielen Regierungen zur Bewertung von langfristigen Projekten genutzt wird. Es findet sich beispielsweise auch in den Richtlinien des Umweltbundesamtes wieder. Laut Expertenmeinung sollte die Bewertung knapper öffentlicher Güter, Unsicherheit sowie alternative Maßstäbe von Wohlbefinden und Nachhaltigkeit mitberücksichtigt werden.

Die Ergebnisse der Umfrage liefern wichtige Informationen für staatliche Bewertungsrichtlinien, wie jene des Umweltbundesamtes. Sie beseitigen auch eine Hürde für die anstehenden Klimaverhandlungen: Fast alle internationalen Expertinnen und Experten stimmen überein, dass uns das Wohl unserer Nachkommen mehr wert sein sollte, als sich dies in der aktuellen globalen Klimapolitik widerspiegelt.

Originalpublikation
Moritz A. Drupp, Mark C. Freeman, Ben Groom and Frikk Nesje (2015). “Discounting Disentangled: An Expert Survey on the Determinants of the Long-Term Social Discount Rate”, Grantham Research Institute Working Paper No. 172, London School of Economics.
www.lse.ac.uk/GranthamInstitute/publication/discounting-disentangled

Kontakt
Moritz A. Drupp,
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Tel: 0431-8804986
Mobil: 0151-21221557
E-Mail: Drupp@economics.uni-kiel.de



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Text / Redaktion: Denis Schimmelpfennig