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Pressemeldung Nr. 321/2016 vom 10.10.2016 | RSS | zur Druckfassung | Suche

Sieben Bausteine für die Hochschulentwicklung

Kiels Uni-Präsident Professor Lutz Kipp schlägt Aktionsplan vor


Die Hochschulen des Landes stehen weiter vor großen Aufgaben. Der Präsident der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) Professor Lutz Kipp schlägt deshalb mit Blick auf die kommende Landtagswahl einen Aktionsplan für die künftige Hochschulentwicklung des Landes vor. „Wir hoffen und erwarten, dass alle Parteien im Land in ihren Programmen formulieren, dass Wissenschaft und Forschung Schlüsseltechnologien für gesellschaftliche Teilhabe, die Modernisierung des Landes und Wohlstandssicherung sind. Ein solches Bekenntnis wäre die Voraussetzung dafür, dass die Hochschulen und Universitäten ihre Potentiale für die wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Schleswig-Holsteins in der Zukunft voll entfalten können“, sagte der Physiker am Montag, 10. Oktober, in Kiel.

Kipp formulierte „sieben systemisch wirkende Bausteine“, die in ihrer Wechselwirkung substantielle Fortschritte bei der Weiterentwicklung und Profilbildung der schleswig-holsteinischen Hochschullandschaft ermöglichen würden. „Dazu gehören unter anderem eine bessere Grundfinanzierung, höhere Curricularnormwerte, Bundeslizenzen für wissenschaftliche Zeitschriften, mehr Investitionen in Digitalisierung und Gebäudeinfrastrukturen, mehr günstiger Wohnraum, mehr Plätze in Studentenwohnheimen, ein landesweit gültiges Semesterticket sowie ein mit dem Land abgestimmtes Standortmarketing, mit dem wir uns national und international als Wissenschaftsstandort profilieren können.“

1. Erhöhung der Grundhaushalte
Bildung rechnet sich: Der 6. Bericht „Bildung in Deutschland 2016“ und der jüngste OECD-Bildungsbericht bieten eine umfassende Darstellung der Lage des deutschen Bildungswesens. Demnach erbringen Investitionen in Bildung mittel- bis langfristig hohe Renditen. Im Bereich der tertiären Bildung, zu dem Hochschulen und Universitäten gehören, beläuft sich dieser Steuernutzen, also die Verzinsung des eingesetzten Steuerkapitals, auf mindestens 7,5 Prozent. CAU-Präsident Kipp betonte, dass die Uni Kiel noch immer nicht ausfinanziert sei. Sie leide nach wie vor unter einem strukturellen Defizit von derzeit rund 10 Millionen Euro. Die aktuelle Lage bezeichnete er als „stabil, aber nicht rosig“.

Höhere Grundhaushalte auf norddeutschem beziehungsweise bundesdeutschem Durchschnittsniveau würden Investitionen in die Digitalisierung und den akademischen Mittelbau sowie bessere Lösungen bei studienvorbereitenden und -begleitenden Strukturen ermöglichen, so der Präsident weiter. Eine strukturierte Studienbegleitung und -beratung könnte zum Beispiel dabei helfen, Fehlentscheidungen bei der Studienfachwahl zu vermeiden und die Zahl der Studienabbrüche zu vermindern.

2. Höhere jährliche Bauunterhaltsetats
Um die ihnen zur Verfügung gestellten Gebäude und Infrastrukturen in Stand halten und ggf. neue Lehr- und Forschungsgebäude kofinanzieren zu können, benötigen die Hochschulen höhere Bauunterhaltungsetats. Diese sollten an die übliche Instandhaltungspauschale für Gebäude in der Privatwirtschaft (ca. 2,5 Prozent des Wiederbeschaffungswertes des Gebäudes per anno) angelehnt sein.

3. Höhere CNW-Werte
Klasse statt Masse: Höhere Curricularnormwerte (CNWs) würden die Lehre verbessern. Akademische bzw. wissenschaftliche Ausbildung beruht neben der Vermittlung von Fachwissen wesentlich auf dem kritisch-konstruktiven Diskurs von Lehrenden und Lernenden. CNWs regeln dabei die Aufnahmekapazität für einen Studiengang pro Semester/Studienjahr. Sie bilden den Betreuungsaufwand ab und errechnen sich aus der Einschätzung der Gruppengröße der in den Prüfungs- und Studienordnungen angegebenen Lehrveranstaltungen. Ohne eine Erhöhung der CNWs und einen Kulturwandel von großen Veranstaltungen hin zu solchen in kleineren Gruppen könne die Lehre nur schwer qualitativ verbessert werden. Höhere CNWs verbessern die Betreuung und sind die Voraussetzung für echte akademisch-wissenschaftliche Bildung. Digitalisierung ersetzt nicht die zwischenmenschliche Dimension demokratisierter Forschung und Lehre.

4. Mehr Masterstudienplätze
Der Anteil von jungen Erwachsenen mit einem sogenannten Tertiärabschluss stieg in Deutschland von 22 Prozent im Jahr 2005 auf 30 Prozent im Jahr 2015. Die Quote liegt damit aber noch immer unter dem OECD-Durchschnitt von 42 Prozent. Gemäß nationalem Bildungsbericht 2016 gehen inzwischen zwei Drittel der Bachelorabsolventinnen und -absolventen in ein Masterstudium über. An den Universitäten wird der Masterabschluss zum neuen Regelabschluss, die Übergangsquote liegt hier bei 80 Prozent. Dies rechtfertigt den Aufbau von mehr Masterstudienplätzen an Hochschulen und Universitäten und damit den zweckgebundenen Aufwuchs der Grundhaushalte.

5. Mehr Wohnheimplätze
Die Mieten für studentisches Wohnen steigen bundesweit an allen Hochschulstandorten. Studierende konkurrieren dabei mit anderen gesellschaftlichen Gruppen um günstigen Wohnraum. Seit 2007 ist die Zahl der Studienanfänger um 50 Prozent gestiegen, die Zahl der staatlich geförderten Wohnheimplätze dagegen nur um 5 Prozent (Quelle: Deutsches Studentenwerk). Mit derzeit 5,6 Prozent hat Schleswig-Holstein bundesweit die geringste Wohnheimquote (bundesweit 7,84 Prozent). Es müssen deshalb mehr Wohnheimplätze entstehen.

6. Landesweit gültiges Semesterticket
Mobilität und Digitalisierung sind wesentliche Momente der Studierendengewinnung und Fachkräftebindung. Parallel zum Neu- und Ausbau von Wohnheimen sollte deshalb ein landesweit gültiges, einfach zu nutzendes Semesterticket eingeführt werden. Dies ermöglicht die stärkere Nutzung, Verzahnung und Förderung des Öffentlichen Nahverkehrs in Schleswig-Holstein. In Umlandgemeinden und -Städten ist oft günstiger Wohnraum verfügbar. Studierende könnten mit einem solchen Semesterticket für Bus und Bahn in Umlandgemeinden und nahe gelegenen Städten wohnen und zum Studium an die Hochschul-/Universitätsstandorte pendeln. Denkbar wäre in diesem Kontext die Einrichtung von Bauingenieursschulen in Umlandgemeinden und -Städten als Außenstellen bestehender Fachhochschulen und/oder Universitäten. Ein solches Ticket erleichterte zudem die Fahrt zu Praktikums- und Referendarstationen. Überdies wäre es ein attraktives Werbeinstrument für ein Studium in Schleswig-Holstein und ein Beitrag zum Umweltschutz.

7. Bundeslizenzen für wissenschaftliche Zeitschriften
Das deutsche Bibliothekswesen in der Wissenschaft wird gegenwärtig von einigen wenigen Großverlagen dominiert (Elsevier, Springer Nature und Wiley). Dies führt zu immer weiter steigenden Lizenzgebühren für Magazine und für die Nutzung derartiger Publikationen. Für einzelne Hochschulen/Universitäten kann das eine finanzielle Belastung von bis zu 1 Million Euro im Jahr bedeuten. Das Land Schleswig-Holstein sollte deshalb die Verhandlungen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit diesen Verlagen über den Abschluss von Bundeslizenzen für E-Journals in Bibliotheken unterstützen. Sinnvoll wäre darüber hinaus eine Bundesratsinitiative, die die Übernahme der Kosten für derartige Bundeslizenzen durch den Bund vorsieht (gemäß 91b).

„Mithilfe eines solchen Aktionsplanes sehe ich gute Chancen, die schleswig-holsteinischen Hochschulen und Universitäten so aufzustellen, dass sie in den kommenden Jahren ihre Aufgaben gut erfüllen, ihre Profile schärfen und national und international konkurrenzfähig bleiben“, sagte Kipp. Dabei müsse die Kooperation untereinander und mit Wirtschaft, Kommunen und Politik derart ausgestaltet werden, dass komplementär Konzepte und Strategien für die Digitalisierung, die Fachkräftesicherung, den Ressourcenschutz oder den Demografischen Wandel entwickelt und umgesetzt werden. Mit Blick auf die sieben Bausteine erwarte er klare Kante der Politik, sagte Kipp. „Wir brauchen jetzt die Rückendeckung und das Bekenntnis der Politik zur Wissenschaft. Ansonsten wird es für uns absehbar schwer, unsere Aufgabe als Ausbildungsstätten für Fach- und Führungskräfte sowie als Innovations- und Technologietransfergeber weiter erfüllen und ausbauen zu können.“

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Wirbt für einen Aktionsplan zur Hochschulentwicklung in Schleswig-Holstein: Kiels Uni-Präsident Professor Lutz Kipp.
Foto: Axel Schön

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