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Pressemeldung Nr. 23/2017 vom 03.02.2017 | english version | RSS | zur Druckfassung | Suche

Neue Therapie für ADHS und Autismus

EU fördert internationales Projekt zur Hirnstimulation


Chronische psychische Störungen wie die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) sind häufig vorkommende Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Die traditionelle Behandlung dieser Erkrankungen sieht den Einsatz von Medikamenten und Psychotherapie vor. Unter Leitung von Professor Michael Siniatchkin, Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), geht jetzt ein internationales Konsortium einer alternativen Behandlungsmethode nach, bei der das Gehirn mit schwachem elektrischen Gleichstrom stimuliert werden soll. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen außerdem ein Gerät entwickeln, das die Behandlung auch zu Hause erlaubt. Mit insgesamt 6 Millionen Euro fördert die Europäische Kommission das Forschungsprojekt STIPED (STImulation in PEDiatrics) im Programm „Horizon 2020“ über fünf Jahre. Rund 2 Millionen Euro davon gehen an die Kieler Universität. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler starteten gestern (Donnerstag, 2. Februar) das Forschungsprojekt mit einem Auftakttreffen in Kiel.

Chronische psychische Störungen verringern nachweislich die Lebensqualität von Betroffenen mit ADHS oder ASD, da sie die Familien sozial und auch finanziell stark belasten können. Auf die bisher verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten wie Arzneimittel- oder Verhaltenstherapie sprechen viele Kinder und Jugendliche allerdings nicht ausreichend an. „Unser Projekt sieht eine einfache Behandlungsmethode vor, die sich leicht in den Alltag von Kindern und Jugendlichen integrieren lässt. Bei dieser Methode werden die mit Mechanismen von ADHS und ASD verbundenen Hirnareale mit einem sehr schwachen elektrischen Strom stimuliert, um ihre Funktion zu verbessern“, erklärt Projektleiter Professor Michael Siniatchkin vom Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. Dabei kommt die nicht-invasive Transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, tDCS) zum Einsatz. „Die Technik hat sich seit 15 Jahren bei der Behandlung von Erkrankungen wie Depressionen, chronische Schmerzen, Tinnitus, Psychosen oder in der Rehabilitation bei Folgen eines Schlaganfalls als gut verträglich, leicht durchführbar und kosteneffektiv erwiesen“, betont Siniatchkin. „Wir sind sehr optimistisch, dass die Hirnstimulation auch eine sichere Alternative zu bisherigen Behandlungen von neuropsychiatrischen Störungen wie ADHS und ASD sein kann“, so der Projektleiter weiter. Im Projekt STIPED erforscht das Wissenschaftsteam erstmals die Effekte dieser Art von Hirnstimulation bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS und ASD.

Insgesamt fünf klinische Studien sind im Zuge des Forschungsprojektes geplant. Neben den Kindern und ihren Familien werden auch Betreuungspersonen und Lehrkräfte in die jeweilige Fragestellung der Studien mit eingebunden. Damit wird sichergestellt, dass sich die neue Behandlungsmethode gut in das Leben der Betroffenen einfügt und mögliche Bedenken und Anforderungen hinreichend bedacht werden. Begleitet wird dies durch ethische Forschung, erklärt Alena Buyx, Professorin für Medizinethik am Institut für Experimentelle Medizin: „Kinder mit Störungen wie ADHS und ASD sind eine besonders zu schützende Gruppe. Daher achten wir in STIPED ganz besonders strikt auf ethisch korrektes Vorgehen in der Forschung. Zusätzlich wollen wir in einer Befragungsstudie herausfinden, wie die Beteiligten die neuen Methoden bewerten und welche ethischen und sozialen Implikationen diese haben können.“

Parallel zu den Studien arbeitet das Konsortium auch an der Entwicklung einer speziellen Elektronenkappe, mit der Betroffene direkt zu Hause behandelt werden können – unterstützt durch einen persönlichen Teleservice. Über diese medizinische Betreuung aus der Ferne wird eine sichere, fortlaufende Überwachung der Symptome und der Stimulationsparameter ermöglicht. Arzttermine und Gesundheitskosten können dadurch reduziert und gleichzeitig die Akzeptanz der Behandlung erhöht werden. Neben der Behandlung von ADHS und ASD wird das Projekt zudem neue Wege für die Therapie einer Vielzahl anderer chronischer psychischer Störungen erschließen.

Interessierte können sich ab Juni 2017 für die Teilnahme an den Studien zu ADHS und ASD anmelden.

Über das Konsortium:
Das Konsortium besteht aus den folgenden Organisationen: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Institut für Experimentelle Medizin, Institut für Medizinische Informatik und Statistik und Zentrum für Klinische Studien), Goethe-Universität Frankfurt am Main, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universität Coimbra, Universität Lissabon, Universitätsklinikum Tours (CHU), Zentrum für Integrative Psychiatrie Kiel, Neuroelectrics SLU, Starlab Barcelona, ARTTIC.

Über das Forschungsrahmenprogramm Horizont 2020
Horizont 2020 ist das bisher größte EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation mit Fördermitteln in Höhe von knapp 80 Milliarden Euro, die dem Programm über einen Zeitraum von 7 Jahren (2014 bis 2020) zur Verfügung stehen. Es verspricht mehr Durchbrüche, Entdeckungen und Weltneuheiten, indem es neue Ideen vom Labor auf den Markt bringt. Das Projekt STIPED wird im Rahmen des Schwerpunkts Gesellschaftliche Herausforderungen (Aufruf: neue Therapien für chronische Krankheiten) gefördert. Chronische Krankheiten stellen eine erhebliche Belastung für den Einzelnen und die Gesundheitssysteme der Europäischen Union und darüber hinaus dar. Innovative und effektive Therapieansätze sind deshalb erforderlich, um die qualitativ beste Versorgung zu leisten, wenn Präventionsstrategien versagen. Obwohl die biomedizinische Forschung in den letzten Jahren ein beträchtliches Grundwissen erlangt hat, stagniert die Entwicklung neuer Therapien, was zum Teil auf eine fehlende klinische Validierung zurückzuführen ist.

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Eine Probandin bearbeitet eine einfache Reaktionszeit-Aufgabe während sie mit Gleichstrom stimuliert wird.
Foto/Copyright: Uwe Niederberger/IMPS

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Die Probandin trägt die Stimulationshaube. Auf dem Bildschirm sieht man eine Visualisierung der Elektrodenposition.
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Die EEG-Haube wird für die Messung der Hirnströme vorbereitet.
Foto/Copyright: Uwe Niederberger/IMPS

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Pressekontakt:
Karolin Waschull
E-Mail: waschull@med-psych.uni-kiel.de
Tel.: 0431 500 30813

Kontakt für Interessierte Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer:
Dr. Vera Moliadze
Telefon: 0431/ 500 30835
E-Mail: studienimps@med-psych.uni-kiel.de
Web: www.stiped.eu



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Text / Redaktion: ► Raissa Nickel