Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Pressemeldung Nr. 338/2017 vom 03.11.2017

Quallen: Ekelig? Nützlich!

Europäisches Forschungsprojekt „GoJelly“ zur Nutzung von Quallenblüten gestartet


Foto: Thiomir Makovec

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Der globale Wandel und menschliche Eingriffe in das Ökosystem Meer führen dazu, dass sich die Zahl der Fische in unseren Ozeanen immer weiter verringert. Da so die Nahrungskonkurrenten und Fraßfeinde von Quallen verschwinden, treten diese immer häufiger massenweise auf. Bisher gelten sie vor allem als lästig, wenn nicht sogar gefährlich. Das am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordinierte Projekt GoJelly möchte das ändern und eine Eignung der Organismen als Mikroplastikfilter, Dünger oder Fischfutter untersuchen. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ist gleich mit zwei Arbeitsgruppen an dem Projekt beteiligt. Die Europäische Union bewilligte dafür jetzt die Förderung in Höhe von insgesamt sechs Millionen Euro.

Manche Kinder finden den Glibberkram am Strand ja sehr spannend, die meisten Menschen finden Quallen aber einfach nur ekelig. Einige Arten sind auch noch giftig, einzelne tropische Arten gehören zu den giftigsten Tieren überhaupt. Zu allem Überfluss scheinen steigende Wassertemperaturen, Ozeanversauerung und Überfischung die Entwicklung von Quallen auch noch zu begünstigen. Immer häufiger treten sie in riesigen Schwärmen auf. So haben Quallen schon ganze Fischfarmen an europäischen Küsten vernichtet und Kühlsysteme von küstennahen Kraftwerken verstopft. Wie kann man dieser Umweltveränderung begegnen?

Ein Konsortium von 15 wissenschaftlichen Institutionen aus acht europäischen Ländern unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat eine innovative Idee. In dem von der Europäischen Union mit sechs Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren geförderten Projekt GoJelly wollen sie erforschen, wie man die Organismen zukünfitg sinnvoll nutzen kann. „Alleine die eingeschleppte amerikanische Rippenqualle kommt in europäischen Gewässern auf eine Biomasse von einer Milliarde Tonnen. Wir neigen dazu, die Quallen so weit möglich zu ignorieren. Doch es muss andere Lösungen geben“, sagt Dr. Jamileh Javidpour vom GEOMAR, Initiatorin und Koordinatorin von GoJelly.

Zunächst steht für alle Partner Grundlagenarbeit an, denn die Lebensweise vieler Quallenarten ist nur ungenügend erforscht. Wann es wo zu einer großen Quallenblüte kommt, kann deshalb bislang kaum vorhergesagt werden. „Das wollen wir ändern, damit große Quallenschwärme abgefischt werden können, bevor sie die Küsten erreichen“, sagt Dr. Javidpour. Parallel arbeiten die Projektpartner aber schon an dem zweiten Schritt: Was tun mit der abgefischten Biomasse? Zum Beispiel gegen eine andere, menschengemachte Plage einsetzen. „Erste Studien haben gezeigt, dass Schleim von Quallen Mikroplastik binden kann. Wir wollen also ausprobieren, ob aus Quallen Biofilter hergestellt werden können. Die könnten dann in Klärwerken oder in Fabriken eingesetzt werden, in denen Mikroplastik anfällt“, erklärt Dr. Javid.

Weitere Verwendungsmöglichkeiten sind Dünger und Quellstoffe als Bodenwasserspeicher für die Landwirtschaft auch in Trockengebieten oder auch Futter für die Aquakultur. „Derzeit werden Zuchtfische meist mit gefangenem Wildfisch gefüttert, was das Problem der Überfischung nicht mindert, sondern vergrößert. Futter aus Quallen wäre deutlich nachhaltiger und würde die Wildfischbestände schonen«, betont die Biologin. Auch an Nahrungsmittelproduktion für den menschlichen Verzehr haben die Forscherinnen und Forscher gedacht. „In einige Kulturen stehen Quallen bereits auf dem Speiseplan. Wenn das Endprodukt nicht mehr glibberig ist, könnte es auch allgemein eine größere Akzeptanz erlangen“, ist sich Dr. Javidpour sicher. Zu guter Letzt enthalten Quallen auch Collagen, ein in der Kosmetikindustrie sehr begehrter Stoff.

Die Christian-Albrechts-Universität ist gleich mit zwei Arbeitsgruppen an dem Projekt beteiligt. Die Arbeitsgruppe Grünland und Futterbau um Professor Friedhelm Taube und Dr. Thorsten Reinsch wird näher erforschen, inwieweit die in den Quallen vorhandenen Nährstoffe, wie z.B. Stickstoff und Phosphat, für die Nahrungsmittelproduktion an Land nutzbar gemacht werden können. Insbesondere für landwirtschaftliche Betriebe in Küstennähe wäre dies attraktiv, hierbei sei interessant wie eine Verfahrenskette „von der Qualle zum Pflanzendünger“ aussehen könne, so Taube und Reinsch. Diese Untersuchung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Partnern aus der Praxis.

Die Arbeitsgruppe Umwelt-, Ressourcen- und Ökologische Ökonomik um Professor Martin Quaas wird sich an der Bearbeitung der gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen beteiligen. Neben der Durchführung einer Fragebogenstudie zur Wahrnehmung von Quallen und Mikroplastik beschäftigt sich Dr. Jörn Schmidt aus Quaas‘ Team vor allem mit der Entwicklung eines Spiels, das die Problematik von Quallenblüten und Mikroplastik spielerisch erfahrbar machen soll: „Spiele eignen sich sowohl sehr gut für die Vermittlung von Wissen in die Öffentlichkeit hinein, als auch als Werkzeug zur Diskussion mit Interessenvertretern“, so Schmidt. Konkret könnte den Spielerinnen und Spielern so die Problematik aufgezeigt werden. Zudem hätten sie die Möglichkeit, Lösungsansätze aus verschiedenen Blickwickeln beispielsweise aus Sicht der Fischereiindustrie, Aquakulturbetriebe oder Tourismusmanagement zu erforschen.

„Quallen können Rohstoffe für verschiedenste Verwendungszwecke liefern. Es wäre unsinnig, dieses Potenzial nicht zu nutzen, zumal uns die zugrundeliegende Biomasse immer wieder direkt vor die Haustür schwimmt“, fasst Dr. Javid den Ansatz von GoJelly zusammen.

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