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Pressemeldung Nr. 149/2018 vom 18.05.2018 | zur Druckfassung | Suche

Nomen lassen uns langsamer sprechen

Internationales Forschungsteam veröffentlicht sprachwissenschaftliche Studie


Die Sprechgeschwindigkeit von gesprochener Sprache ist nicht konstant – sie unterliegt verschiedenen Verlangsamungseffekten. So sprechen wir manche Wörter unbewusst langsamer aus als andere, halten im Gespräch auch mal inne oder verwenden bedeutungslose Pausenfüller wie „ähm“. Diese Verlangsamungen geben Aufschluss darüber, wie viel Planungszeit unser Gehirn während des Sprechens für bestimmte Sprachbausteine benötigt. Ein internationales Forschungsteam der Sprachwissenschaft mit Beteiligung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat herausgefunden, dass insbesondere die Verwendung von Nomen die Geschwindigkeit des Sprechens reduziert. Die Ergebnisse veröffentlichte das Forschungsteam im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Bisher war in der Sprachforschung wenig darüber bekannt, was Sprecherinnen und Sprecher kulturübergreifend dazu veranlasst, schneller oder langsamer zu sprechen. Die Sprachforschung ging allerdings bislang davon aus, dass Verben durch ihre komplexe Struktur den größten Einfluss darauf haben. Diese Annahme veranlasste ein internationales Forschungsteam aus den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, Russland und der Schweiz unter der Leitung von Dr. Frank Seifart (Universität von Amsterdam) dazu, den Einfluss von Substantiven und Verben auf das Sprechen global zu überprüfen.

Substantive brauchen mehr Planungszeit als Verben

Das überraschende Ergebnis der Studie zeigt: Obwohl Verben komplizierter aufgebaut sind, haben Nomen einen entscheidenden Einfluss auf die Sprechgeschwindigkeit. Warum das so ist, hat Professorin Alena Witzlack-Makarevich vom Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft (ISFAS) an der CAU gemeinsam mit Ihrem Team herausgefunden: „Substantive kommen im Sprachgebrauch eher zum Einsatz, wenn neue Informationen verkündet werden. Bei Wiederholung können sie entweder durch Pronomen (er, sie, es) ersetzt oder ganz weggelassen werden. Solche Ersatzmöglichkeiten gibt es beim Verb nicht“, so die Sprachwissenschaftlerin. Das werde zum Beispiel an dem Satz deutlich:

Ich sah *einen Mann*, *er* (der Mann) kam herein und *./.* (der Mann) setzte sich.

Das Verb muss eingesetzt werden, egal ob es neue oder alte Informationen beinhaltet. „Der Informationsstatus des Gesagten führt zu sprachübergreifenden Mustern, die entweder eine Verlangsamung oder Beschleunigung des Sprechens bewirken. Durch die Möglichkeit, Nomen zu ersetzen oder wegzulassen, setzt ihre Anwendung einen größeren Denkprozess voraus, dieser führt eindeutig zur Verlangsamung“, so Witzlack-Makarevich. Damit konnten sie und das Team die bisherige Annahme widerlegen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammelten Aufnahmen von neun Sprachen, die sich auf fünf Kontinente erstrecken. Um ein umfassenderes Verständnis von menschlicher Sprache zu erhalten, wählten die Forschenden sieben kleine, teilweise als gefährdet eingestufte, Sprachen aus. Die Sprachdaten wurden zunächst transkribiert, also in eine Lautschrift übertragen, und anschließend mit Anmerkungen versehen. Die daraus entstandene Sprachdatenbank diente als Datengrundlage für das Forschungsprojekt. Zu den untersuchten Sprachen zählten: Englisch, Niederländisch, Bora und Baure (Amazonas-Regenwald), Texistepec (Mexiko), Hooc?k (mittlerer Westen der USA), Ewenisch (Sibirien), Chintang (Himalaya) und N?ng (Kalahari-Wüste). Um das Sprechtempo der Probandinnen und Probanden bestimmen zu können, hat das Team die Anzahl gesprochener Buchstaben pro Sekunde sowie die Sprechpausen ermittelt. So wertete beispielsweise Witzlack-Makarevich die Daten der Sprache N?ng aus, die nur in der Kalahari-Wüste im Süden Afrikas zu finden ist.

Internationale Zusammenarbeit

Neben Hauptautor Dr. Frank Seifart und Co-Autorin Witzlack-Makarevich waren außerdem Jan Strunk (Universität zu Köln), Dr. Swintha Danielsen (Universität Leipzig), Iren Hartmann (Universität Leipzig), Brigitte Pakendorf (Universität Lyon I Claude Bernard, Frankreich), Søren Wichmann (Universität Leiden, Niederlande, und Kasaner Föderale Universität, Russland), Nivja H. de Jong (Universität Leiden) und Balthasar Bickel (Universität Zürich, Schweiz) an der Untersuchung beteiligt.

Unterstützt wurde das Forschungsprojekt vom Programm Dokumentation bedrohter Sprachen der Volkswagen Stiftung, dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, vom Europäischen Forschungsrat, der russischen und französischen Regierungen sowie vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Das Team um Seifart plant, das Forschungsprojekt auszuweiten und weitere Sprachen zu untersuchen. Dabei wollen die Forschenden auch herausfinden, inwieweit die Häufigkeit einzelner Wörter oder eine bestimmte Position im Satz auf die Sprechgeschwindigkeit einwirken.

Originalpublikation:
„Nouns slow down speech: evidence from structurally and culturally diverse languages. Proceedings of the National Academy of Sciences”. Frank Seifart, Jan Strunk, Swintha Danielsen, Iren Hartmann, Brigitte Pakendorf, Søren Wichmann, Alena Witzlack-Makarevich, Nivja de Jong & Balthasar Bickel.
https://doi.org/10.1073/pnas.1800708115

Kontakt:
Professorin Dr. Alena Witzlack-Makarevich
Allgemeine Sprachwissenschaft am ISFAS
Tel.: +49 431 880 3319
E-Mail: awitzlack@isfas.uni-kiel.de
www.isfas.uni-kiel.de/de/linguistik

Weitere Informationen:
Universität von Amsterdam: www.uva.nl/en
Universität zu Köln: www.uni-koeln.de
Universität Leipzig: www.uni-leipzig.de
Laboratoire Dynamique du Langage, CNRS & Universität Lyon: www.ddl.cnrs.fr
Universität Leiden: www.universiteitleiden.nl/en
Kasaner Föderale Universität: https://kpfu.ru/de
Universität Zürich: www.uzh.ch/de.html



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Text / Redaktion: Farah Claußen