CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseiteUniversitätGeschichteGroße Forscher und Forscherinnen

Zur Druckversion  |  english version

Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Oskar Anderson


Der Volkswirt und Statistiker gilt als einer der Impulsgeber für die empirische Wirtschaftsforschung in Deutschland. 1942 bis 1947 arbeitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft. In diesem Jahr wäre er 120 Jahre alt geworden.


Oskar Anderson zählte zu den meistrespektierten Ökonomen und Statistikern seiner Zeit. Professor Hans Kellerer (1902 – 1976), der Nachfolger auf seinem Lehrstuhl in München, beschrieb ihn in seinem Nachruf als markanteste Persönlichkeit unter den Vertretern der Statistik an den deutschen Hochschulen. »Die Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten verdanken Anderson, dass der statistische Unterricht in Deutschland wieder Anschluss an das allgemeine internationale Niveau gefunden hat«, so Kellerer.

Die Leistung Andersons wirke immer noch nach, sagt Professor Roman Liesenfeld, Direktor am Institut für Statistik und Ökonometrie in Kiel: »Er hat Methoden der mathematischen Statistik in die Wirtschaftsforschung eingeführt, die wir heute noch verwenden. Sie helfen etwa dabei, Konjunkturforschung zu betreiben oder zum Beispiel den Erfolg arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen einzuschätzen. Vor allem hat Anderson in Deutschland und speziell auch in Kiel den Boden bereitet für die empirische Wirtschaftsforschung.

Anderson, geboren am 2. August 1887 in Minsk, Weißrussland, und Sohn eines Universitätsprofessors, schlug eine wissenschaftliche Laufbahn ein, die ihn in verschiedene osteuropäische Staaten und Universitäten führte, etwa die renommierte Nationalökonomische Fakultät in Sankt Petersburg. Er studierte Volkswirtschaft und arbeitete anschließend zunächst als Lehrer an einem Handelsgymnasium in St. Petersburg. Doch schon bald setzte man ihn in bedeutenden Projekten ein, etwa der staatlichen Kraftstoff-Bewirtschaftung. 1918 habilitierte sich Anderson für mathematisch- statistische Forschungsmethoden an der Handelshochschule Kiew. Der staatspolitische Umbruch in Russland zwang ihn, im Jahr 1920 auszuwandern. »Konstantinopel in der Türkei und Budapest in Ungarn waren Stationen auf einer schwierigen Strecke seines Lebensweges, auf der er – noch während der Flucht in Russland – seine einzige Tochter verlor«, schreibt Slawtscho Sagoroff 1960 im Nachruf auf Oskar Anderson. Ein Sohn Andersons starb später an den auf der Flucht erlittenen Verletzungen.

In Budapest gründete er eine höhere Schule, nahm dann 1924 einen Ruf an die Handelshochschule Warna, Bulgarien, an und lehrte dort zehn Jahre lang theoretische Statistik, seit 1929 als Ordentlicher Professor für Volkswirtschaft und Statistik. 1935 wurde Anderson hauptamtlicher Direktor des Statistischen Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität Sofia, Bulgarien.

Im Jahr 1942 wurde Anderson als Ordinarius für Statistik an die Universität Kiel berufen. Gleichzeitig leitete er am Weltwirtschaftlichen Institut die Abteilung für Ostforschung. Über die Zeit in Kiel schreibt Sagoroff: »Die Verwüstungen des Luftkrieges in Kiel und der Tod einer seiner Söhne auf dem Schlachtfeld in Tunis erschütterten ihn seelisch und schwächten ihn körperlich ungemein. Daher verließ er im Jahre 1947 Kiel mit dem Gefühl der Erlösung, um einem Ruf an die Universität München zu folgen.« Dort blieb er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1956. Anderson starb am 12. Februar 1960 in München.

Sein wissenschaftliches Interesse galt neben der Ökonometrie vor allem der Indextheorie, Zeitreihenanalyse, Stichprobentheorie und -technik, Korrelationstheorie, statistischen Kausalforschung sowie Wirtschaftsstatistik. Anderson war eines der Gründungsmitglieder der Econometric Society und war lange Zeit Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft. Er schuf ein umfangreiches wissenschaftliches Werk, das – einschließlich der Buchbesprechungen – über 150 Titel umfasst. Er war einer der Herausgeber des »Mitteilungsblattes für mathematische Statistik« beziehungsweise der Zeitschrift »Metrika«.

Als akademischer Lehrer führte Anderson seine Studenten in die moderne statistische Methodenlehre ein und erklärte die Anwendung in den Wirtschaftswissenschaften. Er baute in jahrelanger Kleinarbeit eine Spezialbibliothek auf und nahm bis ins hohe Alter am Statistischen Seminar teil. Noch kurz vor seinem Tod verfasste er ein Exposé über die Bedeutung und die Zweckmäßigkeit der statistischen Ausbildung in Deutschland, in dem er eine Änderung des Prüfungswesens vorschlug.

Siebels/Nees



Zum Weiterlesen:

  • Kellerer, H.: Zum Tode von Oskar Anderson, Allgemeines Statistisches Archiv, 1960, Band 44
  • Sagoroff, S.: Nachruf für Oskar Anderson, Metrika, Zeitschrift für theoretische und angewandte Statistik, Volume 3, 1960

►  Zum Seitenabfang
Zuständig für die Pflege dieser Seite: Stabstelle Presse, Kommunikation und Marketing:
Tel. +49 (0)431 880-2104, e-Mail ► presse@uv.uni-kiel.de