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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Felix Jacoby


Historiker, 1907 bis 1935 Professor für Klassische Philologie in Kiel


Felix Jacoby (19. März 1876 – 10. November 1959) hatte von 1907 bis 1935 einen der beiden Lehrstühle für Klassische Philologie am Philologischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität inne und war in dieser Zeit auch Direktor dieser Einrichtung. Auf seiner Stelle war er Nachfolger des Gräzisten Paul Wendland (1864-1915). Nicht zuletzt in seiner langen Kieler Zeit verfasste Felix Jacoby das Werk, das ihn für alle Zeiten in den Altertumswissenschaften »unsterblich« machen wird und das ihm später, von Seiten eines seiner Oxforder Kollegen (Robert Dundas), die Wertschätzung als »the most learned man in Europe« einbringen sollte: ›Die Fragmente der Griechischen Historiker‹ (FGrHist), eine Sammlung der Fragmente – d.h. der Zitate bei späteren Autoren – der unvollständigen oder gar gänzlich verlorenen griechischen Historiker der Antike. Es erscheint heute unvorstellbar, dass ein einzelner Gelehrter ein solches Mammutunternehmen (in 17 Bänden) allein bewerkstelligen können sollte, und es verwundert nicht, dass dieses Werk inzwischen als internationales Kooperationsprojekt (nicht zuletzt auf der Grundlage der Jacoby'schen Unterlagen) fortgesetzt wird. Neben dieser Sammlung legte Felix Jacoby – in Kiel und Oxford, in das er 1939 hatte fliehen müssen (s.u.) – noch zahlreiche umfangreiche Monographien und Aufsätze vor, nicht zuletzt Beiträge für die ›Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft‹ (RE). Aus dem diesbezüglichen sonstigen Oeuvre ragen die ›Atthis‹ (1949), ein Werk zur athenischen Lokalgeschichtsschreibung nach Herodot, und der Artikel ›Herodot‹ für die RE heraus. Weiterhin edierte Jacoby ein Buch zu Hesiod und verfasste zahlreiche Artikel zur griechischen Literatur und zur lateinischen Poesie.

Jacoby wurde in Magdeburg als Sohn jüdischer Eltern geboren und besuchte in seiner Heimatstadt seit dem Jahre 1885 das Pädagogium zum Kloster Unserer Lieben Frauen, eines der bedeutenden humanistischen Gymnasien Norddeutschlands; an ihm legte er 1894 auch seine Abiturprüfung ab. Bereits im Alter von elf Jahren wurde der Schüler in der St. Johanniskirche evangelisch getauft, die Konfirmation folgte daselbst 1891. Das Studium der Klassischen Philologie begann Jacoby 1894 in Freiburg, legte es, wie sein »Studien- und Sittenzeugnis« beweist, jedoch ungewöhnlich breit an: So hörte er neben den engeren Fachveranstaltungen auch solche in Mittelalterlicher Deutscher Literatur, in Sanskrit, Gotisch und Neuerer Deutscher Geschichte. Bereits ein Semester später wechselte Felix Jacoby – unter Wahrung seiner transdisziplinären Interessen – nach München, schließlich 1896 nach Berlin, das nicht zuletzt wegen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Hermann Diels als Mekka der deutschen Altphilologie galt; bei Hermann Diels wurde er schließlich auch im Dezember 1900 mit einer Dissertation zum Thema ›De Apollodori Atheniensis chronicis‹ zum Doktor der Philosophie promoviert. 1901 heiratete Felix Jacoby Margarethe Johanne von der Leyen, die zeit ihres Lebens die wichtigste Mitarbeiterin ihres Mannes bei der Herausgabe seiner wissenschaftlichen Arbeiten werden sollte. Dem Ehepaar wurden zwei Söhne, Hans und Georg, geboren. Zum Wintersemester 1903/04 übernahm Jacoby in Breslau eine Hochschulassistentur und habilitierte sich bereits ein Jahr später bei Eduard Norden mit einer Arbeit über das ›Marmor Parium‹, eine in Fragmenten erhaltene hellenistische Chronik von der Insel Paros, eine Schrift, die er Wilamowitz widmete und die er später als FGrHist 239 neu edierte. Von Breslau aus erfolgte dann, wie bereits erwähnt, die Berufung nach Kiel, die nicht zuletzt durch den Einsatz von Wilamowitz zustande kam, als dessen Schüler sich Jacoby zeit seines Lebens verstand. In Kiel blieb Felix Jacoby bis zu seinem Ausscheiden aus dem Lehrkörper der Universität im Frühjahr 1935, wobei er 1927 einen ehrenvollen Ruf nach Hamburg ablehnte. Wohnhaft war er in Kitzeberg, jenseits der Förde, und er nahm zumeist die Fähre, um zur Universität zu gelangen. Wenn das Wetter schlecht war oder ihn unaufschiebbare Arbeit von den Lehrverpflichtungen abhielt, pflegte Jacoby seine Assistentin, Marie Wünsch, anzurufen und anzukündigen: »Das Schiffchen fährt heute nicht«. Diese »unzuverlässige « Navicula Chiloniensis wurde auch im Titel seiner Festschrift im Jahre 1956 verewigt.

Im Oktober 1934 suchte Felix Jacoby, obgleich er anfänglich der »Machtergreifung « nicht gänzlich ablehnend gegenüberstand, angesichts der nationalsozialistischen Maßnahmen gegen »nichtarische« Beamte um Entbindung von den amtlichen Verpflichtungen nach. Seine Begründung ist noch heute lesenswert und nötigt Respekt ab:

»Zu fragen habe ich allein, ob die Arbeits- und Gesinnungsgemeinschaft, die bisher zwischen meinen Studenten und mir bestanden hat und die m.E. die Vorbedingung für einen sinn- und zweckvollen Unterricht ist, aufrecht erhalten werden kann. Es besteht zumindestens in den Geisteswissenschaften und, wie ich glaube, vor allem in der klassischen Altertumswissenschaft keine Möglichkeit, Erziehung und Unterricht von einander zu trennen und sich, wie es jetzt von dem nichtarischen Lehrer verlangt wird, auf die Übermittlung von Kenntnissen oder auf Einführung in die Methoden der Wissenschaft zu beschränken. Ein so gestalteter Unterricht würde, selbst wenn er denkbar wäre, jeden Sinn verlieren, weil er auf das Wesentlichste, die Charakterbildung durch den Geist großer Autoren der Antike, verzichten müßte und dadurch zu einem äußerlichen Betriebe werden würde, wie ihn grade jetzt nicht nur die besten, sondern die große Mehrzahl der Studenten überhaupt mit Entschiedenheit ablehnt. Ansprüche in dieser Richtung sind denn auch von meinen Schülern an mich nicht gestellt worden; ich habe im Gegenteil durchaus das Gefühl, daß das Band zwischen ihnen und mir in den letzten beiden Semestern eher noch enger geworden ist als es schon früher war. Aber die persönliche Bindung an einen nichtarischen Dozenten mag im Einzelfalle und für den Moment noch zu stark sein, es ist m.E. unausbleiblich, daß auf die Dauer zwischen solchen persönlichen Bindungen und der Grundanschauung des neuen Geistes eine unüberwindliche Antinomie entsteht. Passiv abzuwarten bis diese Antinomie sich geltend gemacht und zu nachweisbarer Schädigung der Ausbildung geführt hat, scheint bei dem steten und schnellen Nachwuchs einer unter neuen Voraussetzungen erzogenen Jugend wenig zweckvoll. Vor allem aber steht einem Entschluß, die Entwicklung abzuwarten, die Tatsache entgegen, daß schon jetzt meine Schüler durch die Haltung und Tätigkeit der maßgebenden Studentenschaft in einen inneren Konflikt zwischen persönlicher Anhänglichkeit und grundsätzlicher Überzeugung getrieben werden, der entweder einen sinnvollen d.h. einen erzieherisch wirksamen Unterricht unmöglich machen muß oder die einzelnen Studenten Gefahren aussetzt, denen sie ihr eigener Lehrer m.E. nicht aussetzen darf.«1


Diesem Gesuch wurde zum 1. April 1935 stattgegeben. Seit diesem Jahr bei seinem Sohn Hans in Finkenkrug bei Berlin wohnhaft, wurde Jacoby am 9. November 1938 persönlich von dem Pogrom betroffen und betrieb daraufhin seine Emigration nach Großbritannien, die glücklicherweise im Frühjahr 1939 – dank des Einsatzes zahlreicher Kollegen und Institutionen – auch zustande kam. Die beiden wichtigsten Betreiber der Immigration (und damit der Rettung) Jacobys waren der berühmte britische Philologe Theodore Wade-Gery und Jacobys früherer Kieler Kollege Eduard Fraenkel, der selbst einige Jahre zuvor seinen Lehrstuhl in Freiburg verloren hatte. Im April 1939 erreichte das Ehepaar Jacoby Oxford, 1948 wurde es dort eingebürgert. Kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland, die erst durch die 1956 erfolgte Bewilligung seiner Emeritenbezüge ermöglicht worden war, verlieh ihm die Universität Oxford den Doktortitel honoris causa; die Christian-Albrechts-Universität ehrte ihn mit einer Festschrift und ernannte ihn zum Ehrensenator, ohne allerdings dabei das Verhalten der Alma Mater im Dritten Reich wirklich kritisch zu reflektieren.2 Unmittelbar nach der Rückkehr nach Berlin, am 21. März 1956, verstarb Jacobys Frau. Ihr folgte Felix Jacoby drei Jahre später, am 10. November 1959, nach.

Felix Jacoby übte viele Jahre großen Einfluss auf die Klassische Philologie seiner Kieler Alma Mater aus und bewog zahlreiche herausragende Studenten, wenigstens vorübergehend nach Kiel zu wechseln. Die dortigen gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit Eduard Fraenkel Ende der 1920er Jahre oder dem Philosophen Julius Stenzel sowie die intensiven, auch nichtwissenschaftlichen Kontakte zwischen den akademischen Lehrern und der Studentenschaft – darunter das Theaterstück »Zukunfts-Philologie« – haben in den Erinnerungen der Schüler einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Allerdings lagen ihm theoretische Diskussionen innerhalb seines Faches, wie sie mit der Historismuskritik der zwanziger Jahre aufkamen, nicht allzu sehr; damit war er, wenn man so will, »the most traditional of Wilamowitz' great Berlin students« (W.M. Calder). Ihm ging es um konkrete Verbesserungsvorschläge für die Organisation des Studiums, sein Feld war die Praxis, nicht die Theorie. Felix Jacoby war dabei Repräsentant einer deutschen Gelehrtentradition mit ihren Wurzeln im wilhelminischen 19. Jahrhundert: »weitgehend unpolitisch und diszipliniert in der wissenschaftlichen Arbeit, scharf im Urteil und hingebungsvoll bei der Unterstützung der Studenten«3. Was den Austausch mit den Kollegen vor Ort oder im Fach angeht, so fallen einerseits enge Freundschaften, andererseits aber auch dezidierte, nicht selten polemische Urteile auf. Diplomatie war Jacobys Sache nicht, »vielmehr zog er dieser die offene und von seiner Seite meist konstruktiv gemeinte Kritik vor«4.

Nachdem Jacoby bereits 1908 in einer programmatischen Rede in Berlin sein Vorhaben, die Fragmente der griechischen Historiker zu publizieren, angekündigt hatte, veröffentlichte er ein Jahr später einen ausführlichen Text, in dem er die Entwicklung der griechischen Historiographie skizzierte und sein Arbeitsprogramm darlegte, an das er sich auch im großen und ganzen später hielt: Prinzip seiner Auswahl und Reihung waren die historische Entwicklung der Geschichtsschreibung und die Ausrichtung der Werke (I. Genealogie und Mythographie; II. Universal- und Zeitgeschichte. Chronographie; III. Ethnographie und Horographie; IV. Antiquarische Geschichte und Biographie; V. Geographie; VI. Unbestimmbare Autoren. Theorie der Geschichtsschreibung). Der erste Band seiner Sammlung (FGrHist Nr. 1-63) erschien 1923 und enthielt als wichtigste Autoren den Geographen und Historiker Hekataios von Milet (1) sowie den Logographen Hellanikos von Lesbos (4). Die Texte, unterteilt in ‚T(estimonia)', d.h. Hinweise späterer Autoren auf die edierten Autoren selbst, und ‚F(ragmente)', nach dem Vorbild der Fragmente der Vorsokratiker des Lehrers Diels, besitzen alle einen textkritischen Apparat. Schon in diesem ersten Band ist auch Jacobys Methode zu beobachten, gleichsam synoptisch die Fragmente nebeneinander zu drucken, die von mehr als einem Autor zitiert werden. Der zweite Teil des monumentalen Werkes erschien im übrigen bereits zwischen 1926 und 1930.

Als ihm die Nationalsozialisten ein Publikationsverbot auferlegten und »Nichtariern« sogar den Besuch öffentlicher Bibliotheken untersagten, die Weiterarbeit an den Fragmenten damit gleichsam unmöglich geworden war, bestärkte dies offensichtlich Jacoby in dem Wunsch, Deutschland zu verlassen. Für wie grundlegend seine Arbeit für die Altertumswissenschaften angesehen wurde, beweist ein Schreiben des Dean and Governing Body of Christ Church (College), Oxford, der Jacoby mitteilte, man wünsche sich »to enable you to continue your important work on the fragments of the Greek historians as soon as possible here in Oxford where conditions seem to be particularly favourable for carrying on such an undertaking«5. Unter finanziell nicht eben günstigen Bedingungen arbeitete Felix Jacoby in Oxford weiter an den Fragmenten; nur selten sah man ihn außerhalb seines Colleges oder seiner Wohnung in St Margaret's Road. Welchen Eindruck Jacoby auf seine Umgebung machte, verdeutlicht eine Bemerkung des Philologen Mortimer Chambers: »Jacoby was a man of immense inner strength, short of stature but a dynamo, and as determined as any Prussian general (a type that many people saw in him).«6 In der Oxforder Zeit entstand auch der »massive crowning stone of the whole structure «7, der als zweibändiges Supplement zu FGrHist IIIb angelegte Kommentar zur Atthidographie (der Athener Lokalgeschichtsschreibung) – »What a book!« urteilte der berühmte englische Historiker A.W. Gomme.8

Die Fragmente sind Jacobys Lebenswerk; nichts wird sich im Bereich der Forschungen zur antiken Geschichtsschreibung je mit ihm messen können. Leider werden über diesem monumentalen Werk allzu oft Jacobys grundlegende Arbeiten zu anderen philologischen bzw. literarhistorischen Themen vergessen, so etwa die zu den römischen Elegikern. Diesbezüglich ist von Jacoby selbst der Satz überliefert: »Why do these people in Oxford think I'm a historian?«

Der große Schüler von Wilamowitz und Diels, der Freund von Eduard Norden und Julius Stenzel, schrieb einmal den Kindern seines Kieler Freundes: »es vergeht thatsächlich kaum ein tag, an dem ich mich nicht mit ihnen [Wilamowitz und Stenzel] unterhalte, und alle lebenden (...) treten völlig zurück; doch wohl weil jene beiden die einzigen sind (nicht waren), von denen ich mich innerlich immer von neuem gefördert fühle.«

Prof. Josef Wiesehöfer



Erstveröffentlicht in: Christiana Albertina, Forschungen und Berichte
aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ausgabe 61

Wichtigste Werke Felix Jacobys

  • Apollodors Chronik. Eine Sammlung der Fragmente, Berlin 1902 (ND New York 1973).
  • Das Marmor Parium herausgegeben und erklärt, Berlin 1904.
  • Die Fragmente der Griechischen Historiker. Teil I-Teil IIIC, Berlin/Leiden 1923-1958.
  • Hesiodi Carmina. Pars I. Theogonia, Berlin 1930.
  • Atthis. The Local Chronicles of Ancient Athens, Oxford 1940 (ND New York 1973).
  • Griechische Historiker, Stuttgart 1956.
  • Abhandlungen zur griechischen Geschichtsschreibung, ed. H. Bloch, Leiden 1956.
  • Kleine philologische Schriften, hg. v. H. J. Mette, 2 Bde., Berlin 1961. Festschrift: Navicula Chiloniensis. Studia Philologa Felici Jacoby Professori Chiloniensi emerito octogenario oblata, Leiden 1956.

Archivmaterial und Sekundärliteratur

  • Landesarchiv Schleswig-Holstein, Schleswig, Abt. 399 (Nachlässe):
    Nr. 1069 Nachlaß Jacoby.
  • M. Chambers, Felix Jacoby. In: Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia,
    eds. W. W. Briggs/W.M. Calder III, New York/London 1990, S. 205-210.
  • A. Wittram, Fragmenta. Felix Jacoby und Kiel, Frankfurt 2004 (Kieler Werkstücke, A 28).

Anmerkungen

1  Zit. nach Wittram, S. 105f.
2  Dies geschah erst kürzlich in der Dissertation von A. Wittram.
3  Wittram S. 157.
4  Wittram S. 155.
5  Chambers, Felix Jacoby, S. 208.
6  Chambers, The Genesis of Jacoby's Atthis, »Owls to Athens«,
    Essays on Classical Subjects, ed. E. M. Craik, Oxford 1990, S. 389
7  Chambers, Felix Jacoby, S. 208
8  Ebd.


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