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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Hermann Kantorowicz


Hermann Kantorowicz zählt zu den bedeutendsten Rechtswissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Auf den Gebieten der Rechtstheorie, der Rechtsgeschichte und des Strafrechts leistete er bahnbrechende Beiträge, die teilweise bis heute fortwirken. Gleichwohl behinderten lange Zeit sein politisches Engagement und seine jüdische Herkunft seine akademische Laufbahn. So wie es der Kieler Universität zur Ehre gereicht, dass sie ihm 1929 den ersten Ruf auf ein Ordinariat erteilte, so sehr gehört seine Entlassung nach der Machtergreifung Hitlers nur vier Jahre später zu ihren dunkelsten Kapiteln.


Von Hans Hattenhauer stammt das Aperçu, dass sich Schleswig-Holstein bis heute immer jenen gegenüber als großzügig erwiesen habe, die andernorts nicht in die jeweils herrschende Meinung passten: Man sei hier eher als im übrigen Deutschland in der Lage, die jeweils politisch in Verlegenheit Lebenden mitund überleben zu lassen und nicht nach den Sünden der Vergangenheit zu fragen.1 Diesem genius loci ist es zu verdanken, dass Kantorowicz als Nachfolger seines Freundes Gustav Radbruch an die hiesige Rechtswissenschaftliche Fakultät berufen wurde.2 Wie nur wenige andere Hochschullehrer engagierte sich Kantorowicz für die Weimarer Republik und exponierte sich damit an den mehrheitlich konservativ geprägten Universitäten als Außenseiter. Er war – so der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann – »für das kleine Häuflein entschieden republikanisch und demokratisch gesinnter Studenten … einer der Wegweiser durch eine wirre Zeit, eine der wenigen Stützen in einer nicht genügend fundierten Demokratie zumal im akademischen Bereich«.3 Auch wenn es nur vier Jahre waren, die Kantorowicz in Kiel tätig sein konnte, so sind es doch die einzigen Jahre, die er in Deutschland als Ordinarius wirkte.


I. Kantorowiczs wissenschaftliches Debüt als Rechtshistoriker


Die ersten Schritte Kantorowiczs auf seiner via dolorosa zur Professur lesen sich zunächst wenig spektakulär und lassen nur bei genauerem Hinsehen das Ziel erkennen, grundsätzliche Fragen klären zu wollen. Kantorowicz, am 18. November 1877 in Posen geboren, absolvierte die Gymnasialzeit und das Studium der Rechtswissenschaft in Berlin, wohin sein Vater, ein bekannter und angesehener Kaufmann, mit seiner Familie gezogen war. An der Berliner Universität prägten ihn vor allem Franz von Liszt, der Begründer der soziologischen Strafrechtsschule, und der Rechtshistoriker Emil Seckel; zwei kürzere Studienaufenthalte führten ihn nach Genf und München. Nach der Promotion bei Karl von Lilienthal, einem Liszt-Schüler in Heidelberg, im Juli 1903 mit je einer Exegese auf dem Gebiet des römischen Privat- und des deutschen Strafrechts folgte ein Jahr später die erste rechtshistorische Publikation: "Goblers Karolinen-Kommentar und seine Nachfolger: Geschichte eines Buches‹. Von 1904 bis 1906 führte Kantorowicz Forschungen in Italien durch und bereitete seine Habilitationsschrift über "Albertus Gandinus und das Strafrecht der Scholastik" vor. Die Arbeit wurde von Richard Schmidt in Freiburg angenommen und erschien 1907. Die Beschäftigung mit Justinus Gobler, der im 16. Jahrhundert eine Übersetzung der Constitutio Criminalis Carolina von 1523 ins Lateinische besorgt hatte, und Albertus Gandinus, einem Zeitgenossen Dantes, lassen eher an einen Gelehrten denken, der auf dem besten Wege ist, seinen Platz im Elfenbeinturm zu finden. Auf den politischen »troublemaker«4, als der Kantorowicz später bezeichnet werden sollte, wiesen diese beiden wissenschaftlichen Erstlinge sicher noch nicht hin. Vielmehr begründeten sie Kantorowiczs bis heute bestehenden Ruf, einer der wenigen exzellenten Kenner der mittelalterlichen Strafrechtsgeschichte und der Geschichte der Rechtswissenschaft zu sein.

Studiert man die beiden Werke genauer, findet man jedoch schon erste Hinweise auf das außergewöhnliche Entrée Kantorowiczs in die juristische Fachwelt, das ihm 1906 mit seiner Schrift »Der Kampf um die Rechtswissenschaft« gelingen sollte. Seine Arbeit über Gobler widmete er einer damals völlig unbekannten »Gesellschaft für Rechtswissenschaftslehre«. Dahinter verbarg sich ein zwangloser Kreis von fünf Juristen, darunter Theodor Sternberg, Gustav Radbruch und Kantorowicz selbst. Kantorowicz und Radbruch hatten sich 1903 in Liszts Seminar kennengelernt, und es entwickelte sich eine lebenslange, enge Freundschaft, die später auch wesentlich zur Berufung Kantorowiczs nach Kiel beitragen sollte. In diesem Kreis wurde nun weniger über mittelalterliche Rechtsgeschichte diskutiert als vielmehr über grundsätzliche Fragen des Rechts und der Rechtsanwendung: die starren Strukturen des aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Rechts, die Lückenhaftigkeit der Gesetze und die Notwendigkeit von Wertungen bei der Rechtsanwendung.

Auch die Habilitationsschrift lässt trotz ihres auf den ersten Blick eng begrenzten historischen Gegenstandes einige dieser zentralen Fragestellungen erkennen. Sie wurde nicht lediglich von einem antiquarischen Interesse am italienischen Strafverfahren des 12. Jahrhunderts geleitet, vielmehr lag ihr ein überaus anspruchsvolles Programm zugrunde, das einer allgemeinen, auch für die Gegenwart wesentlichen Fragestellung folgte: In welchem Verhältnis stehen Theorie und Praxis des Rechts? Die Praxis des mittelalterlichen italienischen Strafverfahrens unterschied sich wesentlich von der Theorie: Die Praxis war zu wenig wissenschaftlich, die Wissenschaft zu wenig praxisbezogen. In den Worten Kantorowiczs: »Das Hauptproblem … ist es nun, den Gegensatz zwischen den Schriften des Theoretikers Gandinus, der diese am liebsten als lauter Corpus-Juris-Brocken zusammensetzen möchte, und den Handlungen des Richters Gandinus, der Justinians Werk nur vom Hörensagen zu kennen scheint, in seiner ganzen Größe vor Augen zu führen und als notwendiges Ergebnis einer Zeit zu erklären, in welcher die Praxis unmöglich wissenschaftlich sein konnte, weil die Wissenschaft noch so wenig praktisch war.«5 Dieser Befund kennzeichnete nach Kantorowiczs Ansicht auch die Situation der Rechtswissenschaft in seiner Zeit: Die an den tradierten Begriffen des 19. Jahrhunderts ausgerichtete Jurisprudenz war zu wenig praxisorientiert, die Praxis war von der Rechtswissenschaft zu weit entfernt.


II. Kantorowicz als Autor des Gründungsmanifests der Freirechtsbewegung


Die Diskussionen in der »Gesellschaft für Rechtswissenschaftslehre« und die allgemeinen Einsichten, zu denen Kantorowicz bei der Arbeit an seiner Habilitationsschrift gelangt war, veranlassten ihn, 1906 eine Schrift zu veröffentlichen, die heute als das epochemachende Manifest der Freirechtsbewegung angesehen wird: »Der Kampf um die Rechtswissenschaft«. Für diese Publikation wählte Kantorowicz das Pseudonym Gnaeus Flavius, also den Namen des Römers, der den Plebejern die bis dahin von den Patriziern und Priestern geheim gehaltenen Klageformeln und Gerichtstage mitgeteilt haben soll. Auch Kantorowicz ging es um eine größere Transparenz und einen stärkeren Realitätsbezug der Rechtsfindung. Mit der Wahl des Titels knüpfte er an Rudolf von Jherings berühmte Schrift »Der Kampf ums Recht« aus dem Jahr 1872 an.

Kantorowicz leitete seine Streitschrift mit der Beschreibung der damals vorherrschenden Idealvorstellung vom Juristen ein: »Ein höherer Staatsbeamter mit akademischer Ausbildung, sitzt er, bewaffnet bloß mit einer Denkmaschine, freilich einer von der feinsten Art, in seiner Zelle. Ihr einziges Mobiliar ein grüner Tisch, auf dem das staatliche Gesetzbuch vor ihm liegt. Man reicht ihm einen beliebigen Fall, einen wirklichen oder nur erdachten, und entsprechend seiner Pflicht, ist er imstande, mit Hilfe rein logischer Operationen und einer nur ihm verständlichen Geheimtechnik, die vom Gesetzgeber vorherbestimmte Entscheidung im Gesetzbuch mit absoluter Exaktheit nachzuweisen.«6 Attackiert wird damit – kurz nach dem Inkrafttreten des BGB am 1. Januar 1900 – der Gesetzespositivismus, vor allem dessen These von der Lückenlosigkeit des Gesetzes. Kantorowicz vergleicht die Rechtswissenschaft mit der Theologie und die Freirechtsbewegung mit der Reformation: »Wohl spricht deutlich aus den Idealen unserer Bewegung der Geist der deutschen Reformation, die den Buchstaben überwand, das Individuum befreite, dem Gefühl sein Recht zu geben begann und auf die innere Stimme des Gewissens lauschen lehrte; aber vergebens harrte bisher die Jurisprudenz des Mannes, der die Kraft in sich fühlte, ihr Luther zu werden.«7

Dem begriffsjuristischen und positivistischen Rechtsdenken stellt Kantorowicz die Freiheit des Juristen bei der Rechtsfindung entgegen. Diese Freiheit ist zuerst eine Freiheit vom Gesetz. Da das Gesetz lückenhaft sein muss und die formaljuristische Subsumtionslogik oft unfruchtbar ist, muss sich der Richter bei der Rechtsfindung von ihnen lösen. Seine Rechtsanwendung soll sich an dem sogenannten »freien«, also nicht staatlich erlassenen Recht orientieren. Dazu gehören etwa Kriterien wie das Gewohnheitsrecht, die Verkehrssitte, die Natur der Sache, das Gewissen, Billigkeit, Gerechtigkeit oder auch das Rechtsgefühl. Der Richter soll das Leben und die Interessen der Beteiligten berücksichtigen, er soll auch psychologische, soziologische oder ökonomische Aspekte in seine Urteilsfindung mit einbeziehen. Damit werden an den Richter besondere Anforderungen gestellt. Die Freirechtler, gerade auch Kantorowicz, orientierten sich dabei an einem Idealbild eines Richters, des sogenannten Richterkönigs, das sie in England weitgehend verwirklicht sahen. Kantorowicz wurde später – und wird bis in die Gegenwart hinein – vorgehalten, er habe in seiner Kampfschrift von 1906 sogar für die Möglichkeit einer freien richterlichen Entscheidung gegen das Gesetz plädiert. Diesen Vorwurf hat Kantorowicz immer wieder zurückgewiesen, er sprach später davon, dass »manche in der Hitze des Gefechts gefallene Uebertreibung« Schuld an diesem Missverständnis trage.

Der Kampf um die Rechtswissenschaft erregte großes Aufsehen und löste in den Fachzeitschriften heftige Debatten aus. Man vermutete hinter dem Pseudonym einen der bekannten Ordinarien. Umso größer war die Überraschung, als sich herausstellte, dass ein bis dahin praktisch namenloser Privatdozent der Urheber der Schrift war. Dabei muss man bedenken, dass Kantorowicz – ebenso wie Radbruch und Sternberg – damals erst am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn stand und auf das Wohlwollen der Ordinarien, die überwiegend von der Begriffsjurisprudenz und dem Gesetzespositivismus des 19. Jahrhunderts geprägt waren, angewiesen war, um selbst einen Lehrstuhl zu erhalten. Es spricht für Kantorowiczs Mut, seine Überzeugungen ohne Rücksicht auf Karriereüberlegungen formuliert zu haben.


III. Die »Freiburger Hölle« – Die Tätigkeit als Privatdozent und außerordentlicher Professor für juristische Hilfswissenschaften


Kantorowicz hatte sich nun – als ausgewiesener Spezialist der mittelalterlichen Rechtsgeschichte und zugleich als einer der Hauptrepräsentanten der Freirechtsbewegung – einen Namen gemacht. Dennoch blieb ihm in den folgenden gut 20 Jahren ein Ruf an eine auswärtige Universität versagt. Auch insofern weist sein Lebenslauf eine signifikante Parallele zu Radbruchs Biographie auf, dessen »Privatdozentenkrankheit« etwa 15 Jahre dauerte. So blieb er in Freiburg, wo ihm 1913 lediglich eine Titularprofessur und ein Jahr später ein besoldeter Lehrauftrag für Rechtsphilosophie und Geschichte der Rechtswissenschaft erteilt wurden. Erst 1923 wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Professors für juristische Hilfswissenschaften verliehen.9 Diese ungewöhnliche Benennung lässt den unbefriedigenden Status, in dem sich Kantorowicz damals befand, unschwer erkennen. Die Jahre an der Ludwig-Albert-Universität erschienen ihm später, nachdem er nach Kiel gewechselt war, als die »Freiburger Hölle«.10

Hauptgrund dafür, dass er in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg als berufungsunfähig galt, war sein politisches Engagement. Kantorowicz, der im Jahr 1903 kurze Zeit Mitglied der SPD gewesen war, betätigte sich in den zwanziger Jahren gutachterlich und publizistisch entsprechend seinen linksliberalen und pazifistischen Überzeugungen. 1921 veröffentlichte er einen Beitrag mit dem Titel »Bismarcks Schatten« in den »Basler Nachrichten«, in dem er die Ansicht vertrat, dass die Demokratie in Deutschland so lange nicht gedeihen könne, wie Bismarcks Schatten auf sie falle. Dieser Artikel stieß bei nationalkonservativen Kreisen auf erbitterte Kritik und führte in Freiburg zu einem Universitätsskandal, der letztlich Kantorowiczs weitgehende Isolation in der dortigen Rechtswissenschaftlichen Fakultät bewirkte.

Von 1923 bis 1929 arbeitete er im Auftrag des Untersuchungsausschusses des Reichstages an einem Gutachten über die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg. Dabei gelangte er zu dem politisch unerwünschten Ergebnis, dass in erster Linie die Mittelmächte die Kriegsschuld treffe. Die politischen Entscheidungsträger bestanden darauf, dass dieses Gutachten – entgegen dem ausdrücklichen Willen von Kantorowicz – nicht veröffentlicht werden durfte. Das Gutachten wurde erstmals 1967 publiziert. Auch für den heutigen Leser ist leicht nachvollziehbar, weshalb sein Inhalt in der Weimarer Zeit Anstoß erregen musste. Kantorowicz behandelt die Kriegsschuldfrage im Rahmen eines strafrechtlichen Gutachtens, prüft also bestimmte Tatbestände – wie die »Friedensgefährdung« und den »Friedensbruch« –, Handlungen, Rechtfertigungsgründe, das Verschulden und die Verwerflichkeit. Er gelangt zum Ergebnis, dass Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich, Russland und Serbien sich einer fortgesetzten »Friedensgefährdung« schuldig gemacht hätten. In einem ausführlichen Kapitel billigt er allerdings Kaiser Wilhelm II. lediglich verminderte Zurechnungsfähigkeit zu. Des »Friedensbruches« hätten sich Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Russland schuldig gemacht, wobei die beiden Mittelmächte als »hauptschuldig« zu erklären seien.11 Er vertritt im Übrigen die Ansicht, dass es 1914 weder eine »Einkreisung Deutschlands in kriegerischer Absicht« noch ein deutsches »Weltherrschaftsstreben« gegeben habe.

Kantorowicz exponierte sich außerdem auch als Kritiker der politischen Justiz der zwanziger Jahre und als Anhänger der pazifistischen Bewegung und des Völkerbundsgedankens. Doch lässt er sich nicht undifferenziert in einem »linken« Spektrum verorten. Er war – insofern wohl auch durch seine Herkunft geprägt – ein entschiedener Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Auch hinderte ihn seine pazifistische Einstellung nicht, sich 1914 – wenn auch ohne Begeisterung – als Kriegsfreiwilliger zu melden.

In den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg war Kantorowicz auch weiterhin wissenschaftlich tätig. Er setzte sich dabei kritisch mit den bedeutendsten Juristen des 19. Jahrhunderts auseinander, vor allem mit Savigny, aber auch mit Jhering und Mommsen. Neben seinen Beiträgen zur Freirechtsbewegung stehen rechtshistorische Arbeiten im Vordergrund. Besondere Beachtung verdient dabei der 1914 erschienene Artikel »Die Epochen der Rechtswissenschaft«, in dem Kantorowicz in sehr prägnanter Weise die beiden Pole beschreibt, zwischen denen sich die historischen Wandlungen der Rechtswissenschaft vollziehen. Er unterscheidet zwischen einer formalistischen und einer finalistischen Richtung: »Die formalistische Richtung in der Rechtswissenschaft geht aus von einem formulierten Rechtssatz, meist einem Gesetzestexte; sie fragt: "wie muss ich diesen Text auslegen, damit ich dem Willen entspreche, der einstens diesen Text formuliert hat?"; diesem Willen entnimmt sie dann – scheinbar rein logisch verfahrend – ein geschlossenes System von Begriffen und Sätzen, aus denen sich die Entscheidung jeder wirklichen oder erdenklichen Rechtsfrage mit Notwendigkeit ergeben soll. Die finalistische Richtung geht – ...statt vom Buch, von dem "Sinn" der Wirklichkeit aus, von den als wertvoll erachteten Zwecken und Bedürfnissen des sozialen, geistigen, sittlichen Lebens; sie fragt: "wie muss ich das Recht handhaben und gestalten, um den Lebenszwecken zu genügen?"; diesen Zwecken gemäß löst sie nun die unzähligen Zweifel des förmlichen Rechts, füllt sie seine unzähligen Lücken aus. Jene Richtung also sucht zu einer gegebenen Formel einen Sinn, diese zu einem "aufgegebenen" Sinn die Formel.«12 Die formalistische Richtung charakterisiert Kantorowicz als »theoretisch, passiv, rezeptiv und konservativ«, die finalistische als »realistisch, praktisch, kritisch, produktiv und fortschrittlich«.13 Beide Richtungen seien zu allen Zeiten anzutreffen, doch setze sich bald die eine, bald die andere durch. In der von ihm propagierten Freirechtsbewegung sieht Kantorowicz ein wichtiges Instrument, um in seiner Zeit dem Finalismus wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Die Bipolarität zwischen Formalismus und Finalismus ist später wiederholt aufgegriffen worden, nicht zuletzt in Franz Wieackers grundlegendem Werk »Privatrechtsgeschichte der Neuzeit«, in dem er davon spricht, dass Kantorowicz in seiner Schrift von 1914 »ein erster genialer Versuch geistesgeschichtlicher Stilcharakteristik« gelungen sei, um den »Taktschlag der europäischen Rechtswissenschaft« treffend zu beschreiben.14


IV. Das »Paradies« in Kiel


Trotz seiner unbestrittenen ausgezeichneten fachlichen Qualifikation belastete Kantorowiczs politisches Engagement auch seine Berufung nach Kiel. Als Gustav Radbruch seinen Kieler Lehrstuhl für Strafrecht im Herbst 1926 verließ, um an die Universität Heidelberg zu wechseln, brachte er Kantorowicz als seinen Nachfolger ins Gespräch. Neben Radbruch setzte sich auch der Staats- und Verwaltungsrechtler Walter Jellinek mit Nachdruck für eine Berufung Kantorowiczs ein.15 Mit Walter Schücking und Werner Wedemeyer teilten zwei weitere Angehörige der Fakultät Kantorowiczs Sympathie für die demokratische Verfassung der Weimarer Republik. Auf der anderen Seite gehörte der Fakultät seit 1928 der Rechtshistoriker Karl August Eckhardt an, der später gerade auch in Kiel zu einem der Hauptprotagonisten des Umbaus der Hochschulen im nationalsozialistischen Sinne avancierte. Auch war Gerhard von Beseler, der temperamentvolle Vertreter des Römischen Rechts, damals an der Fakultät tätig, der 1919 bereits mit Kantorowiczs Freund Radbruch eine heftige und polemisch geführte Kontroverse über den Stellenwert des Römischen Rechts im akademischen Unterricht ausgetragen hatte. So überrascht es nicht, dass einige Fakultätsmitglieder die Gefahr sahen, dass eine Berufung Kantorowiczs zu Unruhe in der – überwiegend nationalkonservativ eingestellten – Studierendenschaft führen könnte. Diese Möglichkeit wollten auch die beiden auswärtigen Gutachter, Fritz Schulz und Wilhelm van Calker, die beide selbst der Kieler Fakultät angehört hatten, nicht ausschließen. Trotz dieser Bedenken setzte die Fakultät Kantorowicz auf den ersten Platz ihrer Vorschlagsliste für die Nachfolge Radbruchs und hielt an diesem Votum – nahezu einstimmig – auch in der Folgezeit fest. Nach Karlheinz Muscheler, der die detaillierteste Biographie Kantorowiczs verfasst hat, stellt die Berufung Kantorowiczs »der Kieler juristischen Fakultät ... ein umso schöneres Zeugnis poltischer Vorurteilslosigkeit aus, als das Auswärtige Amt in Berlin sie anfangs vehement zu verhindern suchte«.16

Außenminister Stresemann hatte sich gegenüber dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker 1927 ausdrücklich gegen die Berufung Kantorowiczs nach Kiel ausgesprochen. Grund dafür war das Kriegsschuldgutachten. Becker fühlte sich der Kieler Universität besonders verbunden, was in der Bemerkung zum Ausdruck kam, dass Kiel unter den zwölf preußischen Universitäten die Stellung einnehme, die der Apostel Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, unter den zwölf Jüngern gehabt habe17, und setzte sich weiterhin bei Stresemann für Kantorowicz ein. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Kantorowicz wiederholt die hochschulpolitischen Anliegen Beckers öffentlich verteidigt hatte. Erst im Dezember 1928, nachdem die SPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Heilmann und Rudolf Breitscheid, der mit Kantorowicz persönlich bekannt war, damit gedroht hatten, den Fall öffentlich zu machen, nahm Stresemann seinen Einspruch zurück.

In Kiel fühlte sich Kantorowicz sehr wohl. In einem Brief an Radbruch schrieb er, dass »hier in akademischer Hinsicht alles aufs Vortrefflichste« gehe und dass er sich »nach der Freiburger Hölle wie im Paradies vorkomme«18. Die Kieler Fakultät akzentuierte nach dem Ersten Weltkrieg in besonderer Weise die Berücksichtigung der Rechtswirklichkeit, der Rechtsphilosophie und der Rechtsgeschichte, auch und gerade in der Lehre. Der strafrechtliche Unterricht wurde durch Veranstaltungen zur Kriminologie und zur forensischen Psychiatrie ergänzt. Neben den eigentlichen Vertretern der Rechtsphilosophie boten auch die Rechtshistoriker Richard Maschke und Gerhart Husserl rechtsphilosophische Lehrveranstaltungen an. Umgekehrt hielten in den zwanziger Jahren Kollegen wie Werner Wedemeyer, Walter Schücking, Eberhard Schmidt, Gustav Radbruch oder Theodor Niemeyer auch Veranstaltungen zu rechtshistorischen Themen ab. Diese Ausrichtung der Fakultät entsprach einigen Forderungen der Freirechtsbewegung, vor allem kam sie dem fachlichen Profil von Kantorowicz entgegen. Er hatte einen Lehrstuhl für Strafrecht inne, bot daneben aber auch Veranstaltungen zur mittelalterlichen Rechtsgeschichte und zur Rechtsphilosophie sowie Kollegs zu sozialwissenschaftlichen Themen an. Sein für das Sommersemester 1933 angekündigtes Seminar über Probleme der Rechtsquellenlehre konnte allerdings nicht mehr stattfinden.

Erstmals in seinem Leben konnte sich Kantorowicz nun auch im Kreis einer Fakultät als Ordinarius und Kollege entfalten. Im Jahr 1931/32 war er ihr Dekan. Er gehörte, was nicht überrascht, sehr schnell zu den prägenden Gelehrten der Fakultät. Schon kurz nach seinem Umzug nach Kiel spricht er von einem engeren Kreis, »bestehend aus Wedemeyer, Harms, Husserl, Eckhardt und mir, der die Fakultätsgeschäfte leitet«19. Nach seinem Dekanat hielt sich Kantorowicz im Rahmen eines Forschungssemesters in Florenz auf und konnte so an seine überaus fruchtbaren Italien-Aufenthalte zu Beginn seiner akademischen Laufbahn anknüpfen. In Kiel enthielt sich Kantorowicz jeder öffentlichkeitswirksamen politischen Tätigkeit und konzentrierte sich auf seine wissenschaftlichen Interessen. Mit »Tat und Schuld« entstand sein strafrechtliches Hauptwerk. Darin entwickelte er den Gedanken, dass die Schuld – entgegen der damals ganz überwiegenden Meinung – kein tat-, sondern ein täterbezogenes Merkmal sei. Daraus ergeben sich vor allem Konsequenzen für die Teilnahmelehre: Selbst wenn der Täter nicht schuldhaft handelt, kann der Teilnehmer an einer rechtswidrigen Tat bestraft werden (so auch die heutige Regelung in § 29 StGB).

Kiel und die Kieler Universität waren allerdings in diesen Jahren keineswegs eine »Insel der Seligen«. Von den politischen Veränderungen legt das Vorwort zu »Tat und Schuld« Zeugnis ab: »Das Buch, dessen Manuskript im Frühjahr 1933 abgeschlossen wurde, hat dem Verfasser in die Fremde folgen müssen: es ist in Italien gedruckt, in England korrigiert, in der Schweiz verlegt worden.«20 Die Vorboten der NS-Zeit waren auch und gerade in Kiel nicht zu übersehen. Seit 1925 agitierten an der Universität, aber auch in der Stadt die nationalsozialistischen Studentenführer Joachim Haupt und Reinhard Sunkel, die gleich nach der Machtergreifung 1933 steile Karrieren im Reichsministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung machen sollten, ehe sie aufgrund parteiinterner Intrigen aus dem Ministerium verdrängt wurden. Die Aktivitäten des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes fielen in der Studentenschaft auf einen fruchtbaren Boden. Haupt wurde schon 1927 der erste nationalsozialistische Vorsitzende einer Studentenvertretung in Deutschland.


V. Vertreibung und Emigration in die USA und nach England


Die Machtergreifung der Nationalsozialisten erlebte Kantorowicz in Florenz. Nur gut zwei Wochen, nachdem das sogenannte »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« am 7. April 1933 in Kraft getreten war (RGBl. I, S. 175), wurde er bereits in den einstweiligen Ruhestand versetzt, im September 1933 folgte die endgültige Entlassung. An seine Stelle trat Georg Dahm.21 Dahm war ein Schüler Radbruchs und hatte sich bei ihm mit einer Arbeit über »Das Strafrecht Italiens im ausgehenden Mittelalter« habilitiert, mit einem Thema also, das gerade auch zu den Forschungen Kantorowiczs enge Bezüge aufwies. Dahm hatte sich mit Radbruch überworfen und gehörte zu den Hauptverantwortlichen einer Umgestaltung der Kieler Universität nach den nationalsozialistischen Vorstellungen. An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten neun von zehn Ordinarien durch Professoren ersetzt, die den neuen Machthabern politisch nahestanden. Dass diese personelle Erneuerung in Kiel mit besonderer Gründlichkeit durchgeführt wurde, hängt damit zusammen, dass bereits Anfang 1933 mit den bereits erwähnten Joachim Haupt und Reinhard Sunkel sowie dem Kieler Bankierssohn Wilhelm Ahlmann gleich drei Referenten in das Wissenschaftsministerium gelangten, die sehr eng mit Kiel verbunden waren. Maßgeblichen Einfluss auf die politisch motivierten Neubesetzungen nahmen auch die Professoren Karl August Eckhardt und Jens Jessen, die beide schon vor 1933 Mitglieder der NSDAP geworden waren. Eckhardt hatte von 1928 bis 1930 sowie von 1933 bis 1935 den Lehrstuhl für Deutsche Rechtsgeschichte inne, Jessen war 1933/34 Direktor des Instituts für Weltwirtschaft. War die Fakultät in den zwanziger Jahren von einem hohen Maß an Toleranz gekennzeichnet, veränderte sich ihr Bild nun vollständig: Sie wurde zur nationalsozialistischen »Stoßtrupp-Fakultät«, in der für Gelehrte wie Kantorowicz kein Platz mehr war.22 Zwar wollte Kantorowicz nach der Machtergreifung noch nach Kiel zurückkehren, doch gelang es seiner Ehefrau, ihn von diesem Plan abzubringen.

Wie sehr Kantorowicz dem nationalsozialistischen Feindbild entsprach, zeigte sich am 10. Mai 1933, als Ferdinand Weinhandl, damals außerordentlicher Professor für Philosophie in Kiel, in der Universitätsaula eine Rede anlässlich der an diesem Tag in ganz Deutschland durchgeführten Bücherverbrennungen hielt. Darin wies er darauf hin, dass zwar kein Buch aus einer wissenschaftlichen Bibliothek verbrannt werde, gleichwohl forderte er dazu auf, die Unterscheidung »undeutsch« – »deutsch« auch auf wissenschaftliche Werke anzuwenden: »Ja, es gibt wissenschaftliche Werke, die im einzelnen wichtige wissenschaftliche Ergebnisse enthalten und dennoch in ihrer Gesamthaltung undeutsch sind und undeutsch wirken.« Konkret nannte Weinhandl zwei Namen, nämlich Freud und Kantorowicz: »Ich brauche Sie nur an die Psychoanalyse Freuds zu erinnern. Der wissenschaftliche Wert einzelner Ergebnisse ändert nichts daran, dass sie sich für unser Volkstum als schädigend und destruktiv erwies, als sich ihre geistige Gesamthaltung in breiteren Kreisen und Schichten durchzusetzen begann. Auch brauchen wir in diesem Kreis keine Begründung zu geben, dass wir den Namen Kantorowicz heute nicht vergessen wollen, auch wenn seine rein wissenschaftlichen Schriften der Benutzung freigegeben sind«.23 Weinhandl, der aus Österreich stammte, wurde übrigens 1935 – als Nachfolger des von seinem Lehrstuhl vertriebenen, hochangesehenen Hegel-Spezialisten Richard Kroner – zum ordentlichen Professor in Kiel befördert und war von 1944 bis 1965 an der Universität Graz tätig, seit 1958 wiederum als ordentlicher Professor.

In dieser prekären Lage kamen Kantorowicz seine bereits frühzeitig gepflegten Kontakte in den englischsprachigen Raum zugute. 1924, 1926 und 1931 hatte er längere Vortragsreisen nach England durchgeführt, 1927 war er – als erster deutscher Jurist nach dem Ersten Weltkrieg – Visiting Professor an der Columbia University in New York. Zudem hatte er 1929 ein umfangreiches Buch mit dem Titel »Der Geist der englischen Politik und das Gespenst der Einkreisung Deutschlands« veröffentlicht, das zwei Jahre später auch in englischer Sprache erschienen war. Im September 1933 zog Kantorowicz mit seiner Familie nach Cambridge. Trotz eines Angebots, an der London School of Economics tätig zu werden, entschied er sich, 1934 an der New School for Social Research in New York zu arbeiten und die dort entstandene neue, nur aus Emigranten bestehende Fakultät zu unterstützen. Im April 1934 hielt er im Seminar von Karl N. Llewellyn seinen berühmten Vortrag »Some Rationalism about Realism«, in dem er sich kritisch mit dem amerikanischen »legal realism«, einer Forschungsrichtung, die für eine stärkere Einbeziehung der Wirklichkeit und der Rechtstatsachen plädierte, auseinandersetzte. Obwohl Rechtsrealismus und Freirechtsbewegung in vieler Hinsicht ähnliche Postulate aufstellten, fällt auf, dass Kantorowicz in diesem Referat vor einer allzu einseitigen Bezugnahme auf die Tatsachen warnt. Im selben Jahr hielt er im Rahmen eines Symposiums einen Vortrag zum Thema »Has Capitalism failed in Law?«, in dem er seine wirtschaftsliberale Grundposition und sein Bekenntnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem in klaren Worten präsentierte.

Im Sommer 1934 kehrte er nach Großbritannien zurück, wo er in London, Cambridge, Oxford und Glasgow mittelalterliches Recht lehrte. Damit kehrte er thematisch zu seinen akademischen Anfängen zurück. 1938 erschienen seine »Studies in the Glossators of the Roman Law«, die als wichtigste Publikation zur juristischen Mediävistik seit Savignys »Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter« angesehen werden. Das Werk enthält in einer ausführlichen Einleitung eine Zusammenfassung der Ergebnisse von Kantorowiczs Forschungen zur Rechtsschule von Bologna und ihrer Rezeption des Römischen Rechts im Mittelalter. Die von Kantorowicz vorbereitete und ebenfalls 1938 angekündigte »Oxford History of Legal Science« konnte nicht mehr vollendet werden, da Kantorowicz 1940 im Alter von 62 Jahren in Cambridge starb. Lediglich die Einleitung zum ersten Band wurde 1948 unter dem Titel »The Definition of Law« veröffentlicht.


VI. Nachwirkung


Kantorowicz hat mit »Der Kampf um die Rechtswissenschaft« die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl am häufigsten zitierte juristische Schrift veröffentlicht. Die Freirechtsbewegung wirkt mit ihren Einsichten bis heute nach. In seinem Traktat wies Kantorowicz bereits auf die Bedeutung des »freien Rechts« für die Schiedsgerichtsbarkeit hin. Gegenwärtig findet im Bereich der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit eine ähnlich engagierte Debatte wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts statt: Gibt es eine lex mercatoria, ein internationales Handelsgewohnheitsrecht, das sich frei und unabhängig von staatlichem Recht im Welthandel entwickelt? Die heutige Diskussion verläuft in ähnlichen Bahnen wie die damalige, bezieht sich aber nun auf die internationale Ebene. Wollte man Kantorowicz allein mit der Freirechtsbewegung verbinden, würde man allerdings seinem vielfältigen Wirken nicht gerecht. Er war darüber hinaus vor allem ein herausragender Rechtshistoriker, der – wie nur wenige andere – das mittelalterliche Recht, dabei vor allem das Strafrecht, erforschte.

Seine Lebensgeschichte ist lehrreich für das Verständnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt auch der Geschichte der Christiana Albertina. Seine Vertreibung stellte einen schweren Verlust für Kiel, aber auch insgesamt für die Rechtswissenschaft in Deutschland dar. Kantorowicz zählt zu der nicht sehr zahlreichen Gruppe der Emigranten, denen es auch im Ausland gelang, bedeutende wissenschaftliche Leistungen zu erbringen. Er hat so den Dialog zwischen dem kontinentaleuropäischen Recht und dem Common Law intensiv gefördert. Mit seinem »von sprühendem Witz« und »von unverwüstlichem Frohsinn«24 getragenen akademischen Stil, wie er eher in England und in den USA als in Deutschland beheimatet war (und ist), war er wie kaum ein zweiter dazu prädestiniert, zwischen den beiden Rechtskulturen zu vermitteln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in Deutschland im Allgemeinen nur ein sehr geringes Interesse daran, den Kontakt mit den emigrierten Kollegen wieder aufleben zu lassen oder das Andenken der verstorbenen Emigranten zu pflegen. Dies gilt im Besonderen für die Kieler Rechtswissenschaftliche Fakultät, in der auch nach 1945 eine Reihe von Professoren den Ton angaben, die in den dreißiger Jahren die Lehrstühle vertriebener Kollegen eingenommen hatten. So wurde sogar Georg Dahm – nach einer zwischenzeitlichen Tätigkeit an der Universität Dacca im damaligen Ost-Pakistan – Mitte der fünfziger Jahre wieder Professor in Kiel. Erst mit der deutlich später einsetzenden Aufarbeitung der Fakultätsgeschichte, die sich vor allem mit den Arbeiten von Hans Hattenhauer und Jörn Eckert verbindet, wuchs auch das Interesse am Schicksal der Emigranten. Die Kantorowicz-Forschung hat aber immer noch einige Aufgaben zu bewältigen. So stellt die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Radbruch und Kantorowicz – nicht zuletzt aus Kieler Sicht – ein Desiderat dar. An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät erinnert heute nicht nur ein Seminarraum am Lehrstuhl für Rechtsphilosophie, der Hermann-Kantorowicz-Raum, an den bedeutenden Gelehrten; sein Leben und sein Werk sind auch Gegenstand etlicher Lehrveranstaltungen des Schwerpunktbereichs »Historische und philosophische Grundlagen des Rechts«.

Prof. Dr. Rudolf Meyer-Pritzl



Erstveröffentlicht in: Christiana Albertina, Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ausgabe 65

Anmerkungen


1  Hans Hattenhauer, Rechtswissenschaft im NS-Staat. Der Fall Eugen Wohlhaupter, Heidelberg 1987, S. 10.

2  Zu Radbruch vgl. Robert Alexy, Gustav Radbruch (1878 – 1949). In: Christiana Albertina 58, 2004, S. 47 – 51.

3  Gustav W. Heinemann, Geleitwort. In: Hermann Kantorowicz, Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914, aus dem Nachlass hrsg. von Imanuel Geiss, Frankfurt am Main 1967, S. 5.

4  David Ibbetson, Hermann Kantorowicz (1877 – 1940) and Walter Ullmann (1910 – 1983). In: Jack Beatson/Reinhard Zimmermann (Hg.), Jurists Uprooted. German-Speaking Émigré Lawyers in Twentieth-century Britain, Oxford 2004, S. 269 (274).

5  Hermann U. Kantorowicz, Albertus Gandinus und das Strafrecht der Scholastik, Erster Band: Die Praxis, Berlin 1907, S. VII.

6  Gnaeus Flavius (= Hermann Kantorowicz), Der Kampf um die Rechtswissenschaft, Heidelberg 1906, mit einer Einführung hrsg. von Karlheinz Muscheler, Baden-Baden 2002, S. 5.

7  Gnaeus Flavius (= Hermann Kantorowicz) (wie Anm. 6), S. 32.

8  Hermann Kantorowicz, Tat und Schuld, Zürich/Leipzig 1933, S. 30.

9  Karlheinz Muscheler, Hermann Ulrich Kantorowicz. Eine Biographie, Berlin 1984, S. 33. Zu Kantorowiczs Leben und Werk außerdem Imanuel Geiss, Einleitung, in: Hermann Kantorowicz, Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914 (wie Anm. 3), S. 11 – 50; Monika Frommel, Hermann Ulrich Kantorowicz (1877 – 1940). Ein streitbarer Relativist. In: Kritische Justiz (Hg.), Streitbare Juristen, Baden-Baden 1988, S. 243 – 252; dies., Hermann Ulrich Kantorowicz (1877 – 1940). Ein Rechtstheoretiker zwischen allen Stühlen. In: Helmut Heinrichs/Harald Franzki/Klaus Schmalz/Michael Stolleis (Hg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993, S. 631 – 641; Ibbetson (wie Anm. 4), S. 269 – 298; Carola Schulze, Hermann Kantorowicz (1877 – 1940). In: Eckart Klein/Stefan Chr. Saar/ Carola Schulze (Hg.), Zwischen Rechtsstaat und Diktatur. Deutsche Juristen im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2006, S. 35 – 48.

10  Brief an Gustav Radbruch vom 15. Mai 1929, zitiert nach: Muscheler, Hermann Ulrich Kantorowicz (wie Anm. 9), S. 101.

11  Kantorowicz, Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914 (wie Anm. 3), insbes. S. 422 f.

12  Hermann Kantorowicz, Die Epochen der Rechtswissenschaft. In: Die Tat 6, 1914, S. 345 f. (= Rechthistorische Schriften, Karlsruhe 1970, S. 1 f.).

13  Kantorowicz, Die Epochen der Rechtswissenschaft (wie Anm. 12), S. 346 (= Rechthistorische Schriften, Karlsruhe 1970, S. 2).

14  Franz Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. Aufl. Göttingen 1967, S. 20.

15  Erich Döhring, Geschichte der juristischen Fakultät 1665 – 1965, Neumünster 1965, S. 192.

16  Karlheinz Muscheler, Ein Klassiker der Jurisprudenz: ›Der Kampf um die Rechtswissenschaft‹ von Hermann Kantorowicz. In: NJW 2006, S. 565 (567).

17  Döhring (wie Anm. 15), S. 185.

18  Brief an Gustav Radbruch vom 15. Mai 1929 (wie Anm. 10).

19  Ebd.

20  Kantorowicz, Tat und Schuld (wie Anm. 8), S. IX.

21  Jörn Eckert, Georg Dahm (1904 – 1963). In: Eckart Klein/Stefan Chr. Saar/Carola Schulze (Hg.), Zwischen Rechtsstaat und Diktatur. Deutsche Juristen im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2006, S. 131 – 150.

22  Jörn Eckert, »Hinter den Kulissen«. Die Kieler Rechtswissenschaftliche Fakultät im Nationalsozialismus. In: Christiana Albertina 58, 2002, S. 18 – 32.

23  Ferdinand Weinhandl, Undeutscher Geist – Deutscher Geist. In: Schleswig-Holsteinische Hochschulblätter 9, 1933, S. 9 (10).

24  Gustav Radbruch, Hermann Kantorowicz †. In: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht 60, 1946, S. 262 (275).


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