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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Gustav Radbruch


Der Jurist und SPD-Politiker war Justizminister in der Weimarer Republik. An der Kieler Universität lehrte er von 1919 bis 1926. Professor Robert Alexy stellt den bedeutenden Rechtsphilosophen vor.


Gustav Radbruch ist der erste deutsche Jurist, dem als Jurist, also nicht, wie Goethe als Dichter oder Max Weber als Soziologe, die Ehre einer Gesamtausgabe zuteil geworden ist. Die 20 Bände dieser Ausgabe, der eine elf Bände umfassende japanische Ausgabe vorangegangen ist, zeigen, wie breit die Interessen Radbruchs gestreut waren. Dabei wird deutlich, dass die Rechtsphilosophie das Zentrum bildet. Entfiele sie, verlöre das Ganze seine Größe.

Radbruch wurde am 21. November 1878 in Lübeck als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren. Er studierte ab 1898 Rechtswissenschaft in München, Leipzig und Berlin, wo er 1902 promoviert wurde. Nur ein Jahr später habilitierte er sich in Heidelberg. Diesem rasanten Gang folgte eine Stagnation: Von 1904 bis 1910 blieb Radbruch Privatdozent, von 1910 bis 1914 war er nicht beamteter außerordentlicher Professor. Dem äußeren Stillstand korrespondierte eine lebendige innere Entwicklung. Radbruch sog den Heidelberger Neukantianismus in sich auf. Besondere Anregungen erhielt er von dem Soziologen Max Weber (1864 –1920) und dem Philosophen Emil Lask (1875 –1915). 1910 erschien die »Einführung in die Rechtswissenschaft«, die 1980 ihre 13. Auflage erlebte. 1914 folgten die »Grundzüge der Rechtsphilosophie«, aus denen sein Hauptwerk, die 1932 erschienene »Rechtsphilosophie« hervorgehen sollte. Neben den Grundelementen seiner Rechtsphilosophie entwickeln sich in dieser Zeit auch Radbruchs politische Neigungen: Er engagierte sich zunächst für die Fortschrittliche Volkspartei und dann zunehmend für die Sozialdemokratie.

Anfang 1914 erhielt Radbruch, wenn auch nur auf eine außerordentliche Professur, endlich einen Ruf, und zwar nach Königsberg. Wegen seiner Teilnahme an dem bald danach ausbrechenden 1. Weltkrieg konnte er das neue Amt nur sehr sporadisch wahrnehmen. Ende 1918 trat er der SPD bei. 1919 erhielt er einen Ruf nach Kiel, zunächst gegen den Willen der Fakultät auf eine außerordentliche Professur für Öffentliches Recht, was in der Tat nicht Radbruchs Gebiet war, kurz darauf dann, diesmal mit Zustimmung der Fakultät und parallel zu einem Ruf nach Köln, auf einen Lehrstuhl für Strafrecht. Radbruch war nun, 15 Jahre nach seiner Habilitation, wie er durchaus ironisch in seiner Autobiographie vermerkt, endgültig von seiner »Privatdozentenkrankheit« erlöst. Seine sieben »Kieler Jahre« brachen an.

Das dramatischste Ereignis dieser Zeit waren für Radbruch die Wellen, die der Putsch rechtsradikaler Kräfte unter Führung von Wolfgang Kapp gegen die Berliner Reichsregierung in Kiel schlugen. Nachdem er am 13. März 1920 von dem Putsch in Berlin gehört hatte, begab er sich zusammen mit Hermann Heller, der später einer der bedeutendsten Staatsrechtslehrer der Weimarer Republik werden sollte, zu den in den Generalstreik getretenen Arbeitern, die die Kieler Reichswerft besetzt hatten und sich zu bewaffnen versuchten. Radbruch und Heller wollten mit dem Militärbefehlshaber in Kiel, Konteradmiral von Levetzow, über einen Waffenstillstand verhandeln, wurden aber festgenommen und vorübergehend in Haft genommen. Nach dem Zusammenbruch des Putsches bemühte sich Radbruch, die sich nunmehr entladende Wut der Arbeiter einzudämmen. Am 24. März hielt er für 25 Opfer des Putsches auf dem Friedhof Eichhof die Grabrede. Durch sein Verhalten während des Putsches hatte Radbruch sich bei den Sozialdemokraten ein so hohes Ansehen erworben, dass er einen sicheren Platz auf der sozialdemokratischen Reichsliste erhielt. So zog er von 1920 bis 1924 in den Reichstag ein. Während dieser Zeit war er zweimal Reichsminister der Justiz. Nach 1924 überwog das Verlangen, in die Wissenschaft zurückzukehren. Radbruch widmete sich wieder ganz seinem Kieler Universitätsamt. Im Sommersemester 1926 war er Dekan der juristischen Fakultät.

Die Kieler Jahre fanden 1926 durch einen Ruf nach Heidelberg ihr Ende. Wieder in Heidelberg, schrieb Radbruch in den letzten Jahren der Weimarer Republik die dritte und endgültige Auflage seiner Rechtsphilosophie. Rufe nach Hamburg und Berlin lassen die steigende Wertschätzung erkennen. Er lehnte die Rufe jedoch ab. Am 9. Mai 1933 wurde er aufgrund des berüchtigten Gesetzes »zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« (RGBl I 1933, S. 175) als erster Universitätsprofessor nicht aus rassischen, sondern aus politischen Gründen entlassen. Radbruch blieb in Deutschland, musste jedoch vorwiegend im Ausland publizieren. Die Annahme von Rufen an die Universitäten Kaunas in Litauen und Zürich wurde ihm verwehrt. Er konnte aber 1935/36 einen einjährigen Studienaufenthalt am University College in Oxford wahrnehmen, der sich vor allem in seinem 1945 erschienenen Buch »Der Geist des englischen Rechts« niederschlug.

1945 änderte sich wiederum alles. Radbruch kehrte als erster Heidelberger Nachkriegsdekan auf seinen Lehrstuhl zurück. Es entstanden die berühmten Arbeiten des Radbruchschen Spätwerkes, vor allem der 1946 erschienene Aufsatz »Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht«. Am 23. November 1949 starb Radbruch in Heidelberg im Alter von 71 Jahren.

Robert Alexy



Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Artikels von Robert Alexy über Gustav Radbruch, den er in der »Christiana Albertina« (Heft 58) 2004 veröffentlicht hat. Professor Alexy ist Inhaber des Kieler Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie am Juristischen Seminar.

Radbruchsche Formel


Die dauernde Bedeutung von Radbruchs Rechtsphilosophie beruht wesentlich auf seiner These zum Verhältnis von Gerechtigkeit, Rechtssicherheit und Zweckmäßigkeit, die ihren endgültigen Ausdruck in der »Radbruchschen Formel« aus dem Jahr 1946 findet. Sie lautet: »Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, dass das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, dass der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, dass das Gesetz als ›unrichtiges Recht‹ der Gerechtigkeit zu weichen hat. Es ist unmöglich, eine schärfere Linie zu ziehen zwischen den Fällen des gesetzlichen Unrechts und den trotz unrichtigen Inhalts dennoch geltenden Gesetzen; eine andere Grenzziehung aber kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: Wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewusst verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ›unrichtiges Recht‹, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur.«

Diese einflussreichste rechtsphilosophische These des 20. Jahrhunderts lässt sich auf die Kurzfassung bringen: Extremes Unrecht ist kein Recht. Sie liegt der Rechtsprechung der deutschen Gerichte zur Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts zugrunde und ist zwecks Beurteilung des DDR-Unrechts in den Mauerschützenprozessen wieder aufgegriffen worden. Aber sie wird auch heftig kritisiert. Diese Diskussion hat eine Breite wie kaum eine andere rechtsphilosophische Debatte.

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