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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Heinrich von Treitschke


Der Historiker und Politiker warb im dänisch geprägten Kiel zwei Semester lang für preußische Interessen


»Die dreizehnjährige Dänenherrschaft hat offenbar entsitt­lichend auf das wackre Land gewirkt, die Einen stumpf und freßlustig, die Anderen gemein gemacht, Alle aber dem Vater­lande – das heißt dem Deutschtum sans phrase – entfremdet.« So urteilte der Freiburger Professor Heinrich von Treitschke im November 1864 in einem Brief. Kurz zuvor hatte Dänemark die Herzogtümer an Preußen und Österreich abtreten müssen. Ihr künftiger Status beschäftigte als »Schleswig-Holsteinische Frage« die Gemüter.
In zwei Aufsätzen in den »Preußischen Jahrbüchern« sprach sich der 30-jährige Treitschke klar für eine Annexion durch Preußen aus. Ein Kleinstaat mit dem Haus Augustenburg als Herrscher widerspräche dem preußischen Interesse an einer Seemacht in der Nordsee. Dafür wurde der Historiker vom preußischen Gesandten in Baden ausdrücklich gelobt, und 1866 stellte ihm die preußische Regierung eine Professur in Kiel in Aussicht.

Die Philosophische Fakultät sperrte sich gegen Treitschkes Berufung. Er hatte in seinen Aufsätzen nicht nur die Schleswig-Holsteiner geschmäht, sondern auch einzelne Professoren. Vier von elf sprachen sich daher vehement gegen ihn aus. Der Rest bevorzugte einen anderen Kandidaten, konnte aber auch Treitschke akzeptieren. Preußen setzte sich durch: Zum Wintersemester 1866/67 trat Treitschke seine Professur für Geschichte und Politik an.

Erstmals sah er das vieldiskutierte Schleswig-Holstein mit eigenen Augen. In seiner ersten öffentlichen Vorlesung sprach er über die »Geschichte Europas 1848–1850«. Unter den Zuhörern waren der Oberpräsident in Schleswig, Carl von Scheel-Plessen, Militärs, Kollegen und Kieler Bürger. Der Erfolg öffnete Treitschke Türen – besonders gut verstand er sich mit der einflussreichen Mäzenin und Salon-Gastgeberin Lotte Hegewisch. Im Sommersemester wählte Treitschke ein Vorlesungsthema, das die neuen Verhältnisse in Schleswig-Holstein deutlich machte: »Preußische Geschichte«.

Doch Treitschke hatte Probleme mit der Mentalität der Schleswig-Holsteiner und den Anhängern des Hauses Augustenburg. So ergriff er die Chance, als ihm die Universität Heidelberg einen Lehrstuhl anbot. Der Oberpräsident bedauerte in einem Brief den »schwer zu ersetzenden Verlust«: Treitschke habe »manches Vorurteil verscheucht«.

Obwohl Heinrich von Treitschke nur zwei Semester in Kiel lehrte, war seine Professur mehr als ein Zwischenspiel. Treitschke profilierte sich als politisch streitbarer Historiker und bekam engen Kontakt zur preußischen Regierung. Die wiederum untermauerte mit Treitschkes Berufung ihren neuen Machtanspruch in den Herzogtümern. Mit seinen Vorlesungen warb Treitschke in intellektuellen Kreisen für die reichsdeutschen Interessen, die Kiel in den folgenden Jahren so grundlegend verändern würden.

Eva-Maria Karpf



Preuße und Antisemit


Heinrich Gotthardt von Treitschke wurde am 15. September 1834 in Dresden geboren. Er studierte Geschichte und Staatswissenschaft in Bonn und Leipzig. 1863 wurde er Professor für Staatswissenschaft in Freiburg. Er verließ Baden 1866, um Herausgeber der Preußischen Jahrbücher in Berlin zu werden. Zum Wintersemester 1866/67 wurde er Professor für Geschichte und Politik in Kiel, ein Jahr später folgte er einem Ruf nach Heidelberg. Von 1873 bis zu seinem Tod wirkte Treitschke als Nachfolger Leopold von Rankes an der Berliner Universität und war zudem von 1871 bis 1884 Mitglied des Reichstags. Sein Hauptwerk ist die »Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert« (5 Bände, 1879-94). Heinrich von Treitschke starb am 28. April 1896 in Berlin.

Mit dem Aufsatz »Unsere Aussichten«, der jüdische Einwanderer aus Osteuropa als Gefahr für Deutschland sah und mit dem Satz »Die Juden sind unser Unglück« schloss, provozierte Treitschke im Jahr 1879 den »Berliner Antisemitismusstreit«, der in Presse und Politik ausgetragen wurde. Althistoriker Theodor Mommsen führte die liberale Gegenposition zu Treitschke an und beendete die Debatte 1880. Treitschkes Argumente blieben jedoch im kollektiven Gedächtnis und wurden nach dem Ersten Weltkrieg von den Nationalsozialisten instrumentalisiert.

Zum Weiterlesen: Peter Wulf: »"Unter Normalmenschen". Heinrich von Treitschke an der Universität Kiel 1866/67«, Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte N.F. 18 (2008), S. 171-194.

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