Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Karl Leonhard Reinhold


Der aus Österreich stammende Schriftsteller und Philosoph war ein stets nach Wahrheit suchender Unruhegeist. Als engagierter Vertreter der Aufklärung brachte er die kantische Philosophie nach Kiel.


Wer mit dem großen Immanuel Kant in einem Atemzug genannt wird, dem ist ein Platz im Pantheon der Philosophen sicher. Doch danach sah die Vita des Carl Leonhard Reinhold zunächst nicht aus. Am 26. Oktober 1757 in Wien geboren, spielt sich sein junges Leben innerhalb katholischer Klostermauern ab. 1772 tritt er in den Jesuitenorden und zwei Jahre später in den Barnabitenorden ein, studiert Philosophie und Theologie und wird 1780 zum Priester geweiht. Doch dieser Zustand genügt dem kritischen jungen Ordensgeistlichen noch nicht. Die geistigen Impulse gehen in den achtziger Jahren des 18. Jahr­hunderts von der sächsischen Universitätsstadt Jena aus. Man trifft hier Goethe, Schiller oder Humboldt – allesamt Verfechter eines neuen, ganz Europa in seinen Bann ziehenden Denkens: der Aufklärung.

Das weiß auch der junge Reinhold, der, angezogen von den neuen Ideen, aus seinem Wiener Kloster zunächst nach Leipzig, dann nach Weimar flieht. Hier tritt er 1784 zum protestan­tischen Glauben über. Im selben Jahr lernt er Christoph Martin Wieland kennen, den Heraus­geber der Literaturzeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Da Reinhold von den Ideen Immanuel Kants fasziniert ist, verfasst er für Wieland ab 1786 die »Briefe über die Kantische Philoso­phie«, die 1790 auch als Buch erscheinen und ein Publikumserfolg werden. »Es ist Reinholds bleibender Verdienst, die Philosophie Immanuel Kants einem breiteren allgemeinen Publikum zugänglich gemacht zu haben«, sagt Professor Dirk Westerkamp vom Philosophischen Seminar. In dem Werk propagiert Reinhold nicht nur die Ideen Kants, er entwickelt sie weiter. »Als eine "Lücke" in der systematischen Philosophie Kants hat Reinhold etwa den Mangel einer Theorie unseres Vorstellungsvermögens empfunden«, so Westerkamp. Während Kant den Begriff »Vorstellung« nicht näher erklärt, definiert Reinhold ihn neu und benennt mehrere verschiedene Arten, sich Dinge vorzustellen.

1791 erhält Reinhold an der Universität Jena eine ordentliche Professur für Philosophie und trägt durch sein Engagement für die kantische Philosophie dazu bei, Jena zum Zentrum der deutschen Philosophie zu machen. Später wird er einflussreicher Lehrer von Philosophen und Dichtern wie Novalis, Franz Paul von Herbert, Johann Benjamin Erhard oder Friedrich Immanuel Niethammer.

Ähnlich wie heute stehen auch damals schon die europäischen Universitäten in einer Art Wett­streit um die klügsten Köpfe. Den Aufklärer Reinhold hat dabei das dänisch regierte Herzogtum Schleswig im Auge, das versucht, ihn als den Repräsentanten der kantischen Philosophie aus Jena abzuwerben. In einem Dokument der Deutschen Kanzlei in Kopenhagen heißt es, man wolle Reinhold an die Universität Kiel holen: »Nach allgemeinem Urteil in der fasslichen und gründlichen Vorstellung des kantischen Systems Reinhold selbst den Urheber desselben übertrifft«, zitiert Professor Westerkamp.

1794 folgt Reinhold dem Ruf nach Kiel, wo er zweimal Rektor wird und bis zu seinem Tod am 10. April 1823 lebt. Ein gemeinsames Grabmal teilt er sich mit dem dänischen Schriftsteller Jens Immanuel Baggesen auf dem nahe Kiel gelegenen Parkfriedhof Eichhof.

Sein wissenschaftliches Erbe – nicht nur für die Philosophie – bleibt die Suche nach der Wahr­heit im Denken und Handeln. »Reinhold war ein ständig Konvertierender und nach Wahrheit Suchender. Nach Reinhold sollte Wahrheit das Ziel jeder wissenschaftlichen Erkenntnis sein.« Reinhold gilt heute als der wichtigste österreichische Vertreter der Aufklärung und als Weg­bereiter der Rezeption Immanuel Kants im deutschen Sprachraum.

Michael Wieczorek



Zum Weiterlesen: Wolfgang Kersting, Dirk Westerkamp (Hrsg.): Am Rande des Idealismus. Studien zur Philosophie Karl Leonhard Reinholds. Paderborn 2009

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