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Nr. 76, 13.04.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Christian Rudolph Wilhelm Wiedemann

Der Arzt und Naturforscher begründete die Kieler Frauenklinik. Er galt als Meister der geburtshilflichen Techniken und war zudem naturwissenschaftlich sehr interessiert.


Das erste Kieler Gebärhaus auf dem Klosterkirchhof. Hier arbeitete Christian Rudolph Wilhelm Wiedemann. Foto: CAU

Die Anfänge der Kieler Universitätsfrauenklinik waren sehr bescheiden. So steht in einer Schrift, die zum 175jährigen Bestehen des Gebärhauses und der Hebammen-Lehranstalt herausgegeben wurde: »Das Gebäude, das vom "Königlichen Sanitäts-Collegium" vorläu­fig bestimmt wurde, gehörte zu den ältesten und baufälligsten Häusern auf dem Kloster­kirchhof.«
Es stand auf dem zum morastigen Kleinen Kiel hin abschüssigen Teil der Haßstraße, keine tausend Meter vom heutigen Standort der Frauenklinik entfernt. Hier hielt Christian Rudolph Wilhelm Wiedemann 1805 als erster ordentlicher Professor der Geburtshilfe Ein­zug. Er klagt: »Das Erdgeschoß ist bei dem gänzlichen Mangel eines für die Ökonomie ohnehin so wenig zu entbehrenden Kellers so feucht, daß der Schwamm überall hervor­wächst, unaufhaltsam die Fußböden zerstört und der Gesundheit sehr nachteilig wird.«

Ungeachtet dieser Widrigkeiten wurde das erste Kieler Gebärhaus unter seiner Leitung gut angenommen. Nach Ablauf eines Jahres hatten schon über 50 Frauen entbunden; in den folgen­den Jahren stieg die Geburtenfrequenz weiter auf 63 und 87. Ein Neubau an der Fleethörn, der 1810 bezogen wurde, verbesserte die räumliche Situation.

Zweck des Instituts war, den Hebammen und Medizinstudenten der Universität Gelegenheit zu praktischer Ausbildung zu bieten. Gleichzeitig gewährte es armen Wöchnerinnen ein ordent­liches Wochenbett.

Wiedemann hatte in Jena Medizin studiert, wurde 1794 Professor für Anatomie in Braunschweig und später Lehrer der Braun­schweiger Hebammen-Lehranstalt. Ein Stipendium ermöglichte ihm 1800 eine Forschungsreise nach Paris, wo er seine Kennt­nisse der Geburtshilfe erweitern wollte. Über die dort gesammelten Erfahrungen schrieb er in dem 1803 erschienen Buch »Ueber Pariser Gebäranstalten und Geburtshelfer, den letzten Scham­fugenschnitt und einige andere zu Paris beobachtete Geburtsfälle«. Es war nach »Unterricht für Hebammen« aus dem Jahr 1801 sein zweites Werk zum Thema Geburtshilfe. Wiedemann setzte sich darin kritisch mit den Pariser Geburtshelfern auseinander, die oft zu künstlich verfuhren und der Natur zu wenig vertrauten.

Zu den Methoden der künstlichen Entbindung zählte damals der Einsatz von Geburtszangen, wenn die Geburt zu langsam voranschritt. Der so genannte Schamfugenschnitt, also die Trennung der Schambeinverbindung, wurde vorgenommen, um das mütterliche Becken zu erweitern. Eine weitere Methode bei zu engem Becken der Mutter war die künstliche Frühgeburt. Wenn das Kind oder dessen Kopf im Becken eingekeilt lag, wurde es in Teilen bei Operationen herausgeholt. Solche drastischen Maßnahmen kamen nach Ansicht von Wiedemann, der als ein Meister der geburtsthilflichen Technik galt, zu häufig zum Einsatz. Er vertraute auf die Naturkräfte und versuchte diese Einstellung auch den Hebammenschülerinnen und Medizinstudenten nahezubringen. Bei der Vermittlung war ihm wichtig, dass die Hebammen Regelwidrigkeiten im Geburtsverlauf erkennen konnten, damit in solchen Fällen der Geburtshelfer rechtzeitig gerufen wurde. Seine manuelle Geschicklichkeit war etwa dann gefordert, wenn es darum ging, bei Quer- oder Beckenendlagen des Kindes dieses im Bauchraum zu wenden, damit es normal zur Welt kommen konnte.

Wiedemann war aber nicht nur auf dem Gebiet der Geburtshilfe bewandert. Er interessierte sich neben Mineralien und Mollusken (Weichtiere) besonders für Insekten und leistete auf dem Gebiet der Systematik außereuropäischer Diptheren (Zweiflügler) Bedeutendes. »Er hat mehr als tau­send Fliegenarten neu beschrieben. Das ist sein großes Verdienst«, berichtet Dr. Dirk Brandis, der Kustos des Zoologischen Museums.

1808 übernahm der Arzt und Hebammenlehrer die Leitung der Naturhistorischen Sammlung. Noch heute erinnern einige Ausstellungsstücke an den früheren Direktor. Hierzu zählt ein Katalog, in dem eine über tausend Exemplare umfassende Molluskensammlung erfasst ist. Brandis: »Anhand des Katalogs konnten wir die Sammlung Wiedemanns in unserem Archiv aus der Zeit von 1790 bis 1829 fast komplett rekonstruieren. Von Wiedemanns Mineraliensammlung sind nur noch wenige Fossilien mit seiner Originalbeschreibung erhalten. »Das war eine Riesensammlung, die im mineralogischen Institut, damals im Schwanenweg, gelegen hat«, so Brandis. »Der größte Teil davon ist im Krieg zerstört worden.«

Kerstin Nees


Quellen:
  • Kurt Semm (Hrsg.): Die Kieler Universitäts-Frauenklinik und Michaelis- Hebammenschule 1805–1980. Eine medizinhistorische Studie zum 175-jährigen Bestehen. Kiel 1980
  • Walter Jonat, Christian Andree, Thoralf Schollmeyer: Universitäts-Frauenklinik Kiel und Michaelis-Hebammenschule 1805–2005. Eine medizinhistorische Studie zum 200-jährigen Bestehen. Thieme, Stuttgart 2005
  • Jörg Hacker: Vom Kuriositätenkabinett zum wissenschaftlichen Museum: Die Entwicklung der Zoologischen Sammlungen der Kieler Universität von 1665 bis 1868. Mitteilungen aus dem Zoologischen Museum der Universität Kiel, Supplement 1, Kiel 1984
Arzt und Naturforscher
Christian Rudolph Wilhelm Wiedemann wurde am 7. November 1770 in Braunschweig geboren. Er studierte in Jena Medizin und promovierte 1792. Anschließend ging Wiedemann zunächst nach England, um seine Kenntnisse der Mineralogie zu verbessern. 1794 wurde er als Professor für Anatomie nach Braunschweig berufen. 1804 folgte er einem Ruf als Professor für Geburtshilfe der Christian-Albrechts-Universität.

Wiedemann war gleichzeitig Direktor der Hebammenschule und Leiter der naturhis torischen Sammlung in Kiel, wo er bis zu seinem Tod am 31. Dezember 1840 blieb. Seine vielseitigen Interessen neben der Gebursthilfe zeigen sich in seinen diversen Publikationen. So schrieb er unter anderem ein Handbuch der Anatomie, ein Buch über die Impfung gegen Kuhblattern, Versorgung von Schussverletzungen und die »Anweisung zur Rettung der Ertrunkenen, Erstickten, Erhaengten«. Außerdem veröffentlichte er auf den Gebieten Zoologie und Mineralogie und übersetzte englischsprachige Literatur. In den Jahren 1809/10, 1820/21, 1824/25 und 1825/26 war Wiedemann Rektor der Christian-Albrechts-Universität. (ne)
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