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Nr. 94, 31.03.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Gewappnet für den Klimawandel

Welche Folgen bringt der Klimawandel ganz konkret für Städte wie Kiel? Und wie lassen sich Schäden abwenden? Ein Projekt der Geographiedidaktik an der Uni Kiel entwickelt ein Bildungsmodul für die Klimaanpassung in urbanen Räumen.


Wer bei Sturmschäden auf Bahnstrecken auf andere Verkehrsmittel umsteigen kann, ist klar im Vorteil. Warnsysteme wie die App NINA des Bundes oder Wetter-Apps infomieren über die drohende Gefahr von extremen Wetterereignissen. Foto: Picture Alliance

»Sie müssen sich auf Unannehmlichkeiten einstellen!« Mit diesen Worten teilt der Radiosprecher mit, dass der komplette Zugverkehr im Norden wegen eines Sturmtiefs eingestellt wurde. »Unannehmlich­keiten« wie diese werden zunehmen, da im Zuge des Klimawandels vermehrt mit Starkregen, Sturm und Hochwasser zu rechnen ist. Das ist bereits jetzt spürbar.

Der Klimawandel äußert sich nicht nur in langsamen Veränderungen wie steigenden Durch­schnitts­temperaturen und einem globalen Meeresspiegelanstieg, auch häufigere Extremwetterereignisse sind die Folge. Und diese haben Einfluss auf unser tägliches Leben. Das können all jene nachfühlen, deren Hab und Gut im Hochwasser versunken ist, deren Flug gecancelt wurde, denen ein umstürzender Baum das Auto zerstört oder ein Stromausfall das Arbeiten unmöglich gemacht hat. »Unannehmlichkeiten«, die immense Kosten verursachen und Menschenleben gefährden können.

Auch wenn wir jetzt alle Anstrengungen unternehmen, um den Klimawandel zu stoppen oder zu mildern, gänzlich verhindern lassen sich die Klimafolgen nicht. Aber in welchem Ausmaß sie das Leben beeinträchtigen, ist eine Frage der Anpassung. Klimaanpassung bedeutet, frühzeitig Pläne zu schmieden und Maßnahmen zu ergreifen, um mögliche Schäden abzumildern. Dazu gehört weit mehr, als den Küstenschutz zu verbessern und die Deiche zu verstärken. »Ein wichtiger Teil der Klimaanpassung ist Bildung«, sagt Professor Wilfried Hoppe vom Geographischen Institut. »Je besser die Bevölkerung auf der regionalen Ebene u?ber die Folgen des Klimawandels aufgeklärt und informiert ist, desto wirksamer können Schäden minimiert werden.«

Deshalb entwirft ein Team unter der Leitung des Professors für Geographiedidaktik ein Bildungsmodul zu »Klimaanpassung in urbanen Räumen« (KUR). Das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt betrachtet exemplarisch drei Quartiere der Stadt Kiel. Ziel ist, Schülerinenn und Schüler sowie Bürgerinnen und Bürger für das Thema Klimaanpassung zu sensibilisieren und Materialien zu ent­wickeln, die in weiteren Lernumgebungen und in anderen Städten zur Entwicklung von Klima­anpas­sungsmaßnahmen genutzt werden können.

Hoppe: »Städte sind von der globalen Erwärmung besonders betroffen. Die vielen asphaltierten Gebiete speichern die Sonnenenergie und lassen Wärmeinseln entstehen, die zu einem gesundheits­gefähr­denden Stadtklima führen können. Wenn man über das Jahr 2050 hinausblickt, kann das durchaus auch Kiel betreffen. Insofern ist Klimaanpassung sinnvoll, um lebenswerte Räume für die nächsten Jahrzehnte zu schaffen.«

Eine sinnvolle Maßnahme, um Schäden durch Starkregen oder Hitze abzuwenden, ist zum Beispiel die Dachbegrünung. Gründächer nehmen Niederschlag auf und speichern ihn im Boden, dadurch können Überschwemmungen vermieden werden. Auch bei anhaltenden Hitzeperioden sind Gründächer vorteilhaft, da sie sich weniger aufheizen. Um das Stadtzentrum mit frischer Umgebungsluft zu versorgen, braucht es Frischluftschneisen, also freie, unbebaute Flächen, die vom Umland bis in das Stadtzentrum hineinreichen. Besonders Städte, die in einer Kessellage oder in Ballungsgebieten liegen, profitieren von der Frischluftzufuhr.

Das Projektteam wird in Kiel Workshops veranstalten, Klimaanpassung in den Berufsschulunterricht integrieren sowie einen Ideenwettbewerb ausrufen. Für diese Projektbausteine werden Materialien bereitgestellt, die den Denk- und Diskursprozess zum Thema Klimawandelanpassung unterstützen sollen. Die ersten Arbeitsblätter für den Unterricht sind bereits fertig und stehen auf der KUR-Homepage zum Download bereit. »Wir kooperieren mit dem Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) Wirtschaft in Kiel«, erzählt die Projektkoordinatorin Sinja Dittmann. »In einem Bildungsworkshop werden wir dort Ende April mit Schülerinnen und Schülern aus der Oberstufe über Klimaanpassung sprechen. Klimaschutz kennen die meisten, aber Klimaanpassung ist noch relativ unbekannt.«

In einem nächsten Schritt bietet das Projektteam Workshops für Bürgerinnen und Bürger aus Kiel an. »Die Teilnehmenden sind herzlich eingeladen, zu überlegen, wie ihre Stadt zukünftig klimafit werden kann«, ergänzt Projektmanagerin Dr. Jana Koerth. »Wir begleiten die Workshops wissenschaftlich und evaluieren diese. Daraus können wir Rückschlüsse ziehen, inwiefern das Bildungsmodul zur Generierung von Ideen für Klimaanpassungsmaßnahmen führt, und eine Übertragbarkeit für andere Städte sicherstellen.«

Neben den Printmedien produziert KUR in Zusammenarbeit mit dem Kieler Filmemacher Malte Blockhaus (Blockhaus Filmproduktion) kurze Videoclips, in denen Klimafolgen und Klima­anpas­sung aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Und auch ein Brettspiel ist in Arbeit. All das soll dazu beitragen, die Handlungskompetenz zu steigern und bürgerschaftliches Engagement zu fördern. »Es geht nicht nur darum, Bewusstsein zu schaffen, sondern auch darum, Leute zum Handeln zu bringen«, betont Wilfried Hoppe.

Kerstin Nees

Projektwebsite
www.kur.uni-kiel.de

Projektteaser
www.youtube.com/watch?v=cXgaL9wVV9Y

Video zu den Klimafolgen vom Umweltbundesamt
www.youtube.com/watch?v=ghX35HwAkS8

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