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Nr. 94, 31.03.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Detektivarbeit gegen Doping

Jedes kleinste Molekül – sei es noch so winzig – aufsplittern in all seine Bestand­teile: Dank moderner Analytik ist das heutzutage leistbar. Diese Technik machen sich besonders die Dopingfahnderinnen und -fahnder im Profisport zunutze, um nach verbotenen Substanzen zu forschen.


Chemiker Jürgen Grotemeyer bereitet die Proben für die Analyse im Massenspektrometer vor. Damit lassen sich chemische Auffälligkeiten in Blut, Urin und Haaren nachweisen. Foto: Jennifer Ruske

Sport im Fernsehen guckt Jürgen Grotemeyer nur noch ganz selten. Der Professor für Physikalische Chemie an der Kieler Uni hat ob seines Berufes schon viel zu viel Missbrauch von leistungsfördernden Mitteln erlebt, analysiert oder von Fachkollegen und -kolleginnen erfahren, als dass ihm das Schauen von Sportereignissen noch Spaß machen würde.

»Ich habe dabei immer die Frage im Hinterkopf, ob die tollen Leistungen, mit denen Sportlerinnen und Sportler, Vereine oder Länder sehr viel Geld erzielen, wirklich nur durch Training erzielt wurden«, sagt er. »Denn Doping ist im Profisport sehr weit verbreitet.« Und das nicht erst seit gestern. Manipulationen solcher Art gibt es schon seit Jahrhunderten, weiß Grotemeyer von einem Fall aus dem Jahr 1812. Damals hatte ein Pferdebesitzer vor einem Rennen dafür gesorgt, dass sein Tier gewann, indem er allen Konkurrenten ein Mittel spritzte, das sie schwächte. »Weil alle anderen Pferde krank wurden, ist das Doping aufgefallen. Der Mann wurde dafür gehängt.«

Zu der Zeit war es reiner Zufall, dass eine solche Manipulation aufgedeckt wurde, heutzutage lassen sich Dopingsünden vor den technischen Möglichkeiten und der Exaktheit einer Blut-, Urin- oder Haar­analyse nicht mehr verstecken. »Es kostet allerdings viel Zeit, Geduld und Geld, um auch die feinsten Abweichungen von der Norm zu finden«, erklärt Grotemeyer. »Und es erfordert oft detektivischen Spürsinn.«

Grund ist die Komplexität der chemischen Verbindungen in unserem Körper. Isst der Mensch Schokolade, wandern deren Inhaltsstoffe, darunter allein rund 250 Aromastoffe, durch unseren gesamten Organismus, durch Magen, Darm sowie alle Zellen. Dadurch ergeben sich chemische Reaktionen und Veränderungen, zum Beispiel wenn Zucker in Energie umgewandelt wird.

Selbst winzigste Mengen, wie 1 Pikogramm (1pg, 1 billionstel Gramm = 10?12 g) und kleiner, können Fachleute im Massenspektrometer untersuchen und nachweisen, erklärt Grotemeyer mit einfachen Worten ein sehr komplexes Verfahren. Komplex schon deshalb, weil sich allein in einer Urinprobe mindestens 3.600 verschiedene Verbindungen verbergen. »Und das ist nur die unterste Grenze«, so Grotemeyer. »Wir kennen derzeit an die 30 Millionen Verbindungen in der Chemie, und täglich werden es mehr.«

Die gewaltigen Zahlen zeigen aber auch, wie schwierig es für die Chemikerinnen und Chemiker sein kann, in einer vorgegeben kurzen Zeit Unregelmäßigkeiten zu entdecken. »Man wird von der gewaltigen Masse schier erschlagen«, sagt Grotemeyer. In der Vergangenheit habe oft »Kommissar Zufall« geholfen, wie bei dem Weinskandal vor rund 30 Jahren, bei dem ein Chemiestudent bei Messungen über einen erhöhten Wert stolperte und genauer nachforschte. »Er hat herausgefunden, dass die Winzer dem Wein Frostschutzmittel zugesetzt hatten.«

Für Grotemeyer ist die regelmäßige Kontrolle von Profisportlerinnen und -sportlern sinnvoll, weil durch die Dopingkontrolle dank der Vergleichswerte schneller Veränderungen aufgespürt werden können. Die Labore müssen jedoch juristisch einwandfrei nicht nur belegen, dass Sportlerinnen und Sportler ein Mittel eingenommen haben, sondern auch, wie viel davon. »Das ist alles möglich – mit entsprechend viel Zeit«, erklärt Grotemeyer, dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig anonymisierte Proben aus anderen Laboren einer zweiten Untersuchung – einer Gegenprobe – unterziehen.

»Doch nicht nur unsere Chemikerinnen und Chemiker sind gut in ihrem Job, sondern leider auch die Gegenseite.« Denn Doping ist ein Milliardengeschäft. Goldmedaillen, Weltbestleistungen und Meisterschaften mehren Ruhm und Ansehen ganzer Länder. »Es wird eine Menge getan, um Athletinnen und Athleten zu Bestleistungen zu motivieren.«

Das große Geld, das sich mit Sportveranstaltungen verdienen lässt, trage dazu bei, dass Verbände sowie Trainerinnen und Trainer – trotz des einheitlichen Anti-Doping-Mottos – in manchen Situationen die Augen zudrücken. »Wie bei der Tour de France: 80 Prozent aller Radsportprofis sind anscheinend so schwere Asthmatiker, dass sie ein medizinisches Mittel zur besseren Sauerstoffaufnahme ärztlich verschrieben bekommen«, wundert sich Grotemeyer.

Sauer stößt ihm auch die Haltung des Internationalen Olympischen Komitees auf: Medaillen werden, wenn ein Dopingverdacht sich dank neuester Technik erst nach Jahren erhärtet, nicht mehr aberkannt und Dopingproben müssen inzwischen nach zwei Jahren vernichtet werden. »Damit wird der permanente Kampf gegen den Missbrauch immer schwieriger«, so Grotemeyer. »Doch aufgeben werden wir Chemikerinnen und Chemiker nie.«

Jennifer Ruske
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