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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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Professor Dr. Hermann Mulert

geb. 11. Januar 1879 in Niederbobritzsch bei Freiberg/Sachsen; gest. 22. Juli 1950 in Mügeln bei Leipzig
Einrichtung: Systematische Theologie


Nach seinem Studium in Leipzig, Marburg und Berlin beginnt Hermann Mulert seine Universitätslaufbahn in Kiel, wo er promoviert wird und sich habilitiert. Nachdem er zehn Jahre als Privatdozent in Kiel, Halle und Leipzig tätig ist, erhält er 1917 eine Professur in Kiel.

Hermann Mulert gehört zu den wenigen deutschen Theologen, die sich 1918 nach der Abdankung des Kaisers zur Demokratie bekennen. Während der Kaiserzeit ist er Mitglied verschiedener liberalpolitischer Gruppierungen, und er steht dem Politiker Friedrich Naumann nahe. In den zwanziger Jahren engagiert er sich im "Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Ab 1932 ist er Chefredakteur der "Christlichen Welt", wo er vergeblich versucht, liberale Gedanken gegen den immer stärker aufkommenden Nationalsozialismus zu etablieren. Seine Kritik an der Einschränkung rechtsstaatlicher Prinzipien und an der Diskriminierung der Juden führt schließlich zur Beschlagnahmung und 1941 zum Verbot der Zeitung.

Bei parteiamtlichen Stellen der Nationalsozialisten gilt der Theologe als politisch unzuverlässig, da er in seinen Schriften – beispielsweise in "Baumgarten und die Nationalsozialisten" oder "Unsere deutschen evangelischen Volkskirchen und die parteipolitischen Gegensätze" – die herrschende Ideologie angreift: In seiner Verteidigung des emeritierten Kieler Theologen Baumgarten, der 1930 von nationalsozialistisch gesinnten Studenten angefeindet wird, bemüht sich Mulert um eine sachliche Diskussion "in der Hitze des politischen Tageskampfes", indem er auf die Argumente der Studenten eingeht. Spätestens sein Schlusswort macht Mulerts Position jedoch deutlich:

"Von solchen sachlichen Gegensätzen mag man ernst reden; aber wie wenig hat mit ernstlicher Auseinandersetzung, bei der man die Wahrheit sucht, jene Gehässigkeit zu tun, die den politisch Andersdenkenden sogleich moralisch verdächtigt! [...] wer den politisch andersdenkenden Volksgenossen beschimpft, der vertieft die Gegensätze in unserem Volke, der zerreißt die Gemeinschaft, obwohl die Not der Zeit die Pflege der Volksgemeinschaft doppelt zur Pflicht macht. Möge die Besinnung kommen, ehe es zu spät ist!"

Noch klarer äußert Mulert sich am 5. März 1933 – dem Tag der Reichstagswahlen – in der "Christlichen Welt":

"Die Gefolgschaftstreue der Mannen kann auch zu einer blinden Unterwürfigkeit entarten. Vor der schweren Pflicht selbständiger Gewissensentscheidung flüchtet man zum Gehorsam gegen den Führer. Dieser gewissenlose Gehorsam ist undeutsch, unevangelisch, unchristlich. Ihm gegenüber heißt unsere Pflicht: zur Besinnung mahnen, widerstehen und, wenn es sein muß, darunter leiden."

Mulert kritisiert das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" und hisst am 11. August 1933, dem Tag der Weimarer Verfassung, die schwarzrotgoldene Fahne der Republik. Durch dieses Verhalten und seine regimefeindlichen Äußerungen bekommt er Schwierigkeiten mit der Universitätsleitung. Schon im Sommer 1933 zieht Mulert in einem Briefwechsel mit befreundeten Kollegen sein Ausscheiden aus der Theologischen Fakultät in Erwägung. Laut seinem Sohn Theodor Mulert-Busch sind sich die Freunde jedoch einig: "Erst, wenn Wahrhaftigkeit und Selbstachtung in Gefahr sind, soll dieser Schritt getan werden."

Ausschlaggebend für Mulerts Entpflichtungsgesuch im Herbst 1935 sind schließlich auch persönliche Erlebnisse: Die Gestapo hatte seinen Neffen Hermann Reinmuth im November 1934 wegen angeblicher Verbindungen zu Widerstandskreisen verhaftet. Im September 1935 wird er zu sieben Jahren Haft verurteilt, später in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht und dort 1942 ermordet. Ende 1934 hatte Mulert im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Reinmuth einen Verweis erhalten. Seiner Entlassung aus dem Universitätsdienst kommt er 1935 dadurch zuvor, dass er sich auf eigenen Wunsch emeritieren lässt.

Er lehrt ab 1945 in Jena und ab 1948 in Leipzig, wo er maßgeblich am Wiederaufbau der Theologischen Fakultät beteiligt ist.
ba/sas


Literaturangaben

Uhlig, Ralph: Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. Eine Dokumentation (Kieler Werkstücke. Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte, 2). Frankfurt am Main u.a. 1991, S.109ff.
Göhres, Annette und Liß-Walther, Joachim (Hrsg.): Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945. Die Ausstellung im Landtag 2005 (Schriftenreihe des Schleswig-Holsteinischen Landtages, 7). Kiel 2006.
Alwast, Jendris: Geschichte der Theologischen Fakultät. Von Beginn der preußischen Zeit bis zur Gegenwart (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität 1665-1965, Bd. 2, Teil 2).Kiel 1988.
Preul, Reiner: Hermann Mulert in Kiel. Dokumentation eines Wissenschaftlichen Symposiums der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität aus Anlaß des 50. Todestages. Kiel 2001.



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