Suchen Sitemap Kontakt Impressum | Schüler + Studieninteressenten | Wirtschaft | Presse | Alumni + UG | CAU Intern

Zur Startseite

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Universität Kiel und Nationalsozialismus

Nationalsozialismus

Machtergreifung

Lehrerbildung

Vertriebene Wissenschaftler

Aufarbeitung

Zeichen des Erinnerns

Wiederanerkennung
der Doktorgrade

Weitere Arbeiten

Hinweise

zur Druckfassung


Erklärungen zur Aberkennung der Doktorgrade (1993)

Prof. Dr. Karin Peschel, Rektorin der Universität Kiel vom 1.06.1992 bis 31.05.1996


Wir sind heute Abend zusammengekommen, um der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und auch der Studierenden zu gedenken, die Opfer von nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen wurden. Wir tun dies aus der Überzeugung, dass nicht in Vergessenheit geraten darf, dass sich auch unsere Universität schuldig gemacht hat – schuldig an dem Unrecht, das Angehörige und Absolventen der CAU und ihre Familien während der Zeit des Nationalsozialismus erleiden mussten.

Das uns jetzt auf Grund der Arbeiten unseres Kollegen Professor Dr. Uhlig und seiner Mitarbeiter vorliegende Material erschüttert zutiefst:

48 Mitglieder des damaligen Lehrkörpers – etwa ein Viertel aller Lehrenden – wurden vertrieben, zwangsversetzt oder scheinbar weg berufen. Wer ihre Biographien nachliest, kann ermessen, welches Leid, welche ideellen und materiellen Notlagen die Betroffenen hierdurch erfuhren. Initiator dieses Unrechts war im Wesentlichen die Kieler Studierendenschaft im Zusammenspiel mit dem zuständigen Ministerium in Berlin. Schuld aber tragen alle, die sich an diesem Unrecht duldend oder handelnd beteiligten.

Weiteren 40 Personen wurde der Doktortitel entzogen. Die Betroffenen wurden entsprechend der Formulierungen eines Reichsgesetzes "für unwürdig erklärt, einen deutschen akademischen Grad zu tragen" – de facto, weil sie aus "rassischen" oder politischen Motiven verurteilt waren oder sich vor der Verfolgung durch Flucht ins Ausland bewahrt hatten. Rein rechtlich gesehen war der Entzug von Doktortiteln entweder die Folge der Aberkennung der Staatsangehörigkeit oder eines strafrechtliches Verfahrens. Im Falle der Aberkennung der Staatsangehörigkeit handelte die Universität als "nachgeordnete Behörde": Sie veranlasste, wie vom Reichserziehungsministerium gefordert, die Entziehung des Doktorgrades, ohne dass die Betroffenen gehört wurden oder Rechtsmittel einlegen konnten.

Im Falle eines vorausgegangenen strafrechtlichen Verfahrens handelte die Universität zwar auch erst nach einer anderen Instanz. Hier jedoch traf sie eine eigene Entscheidung. Genauer gesagt, verantwortlich war ein Universitätsausschuss, bestehend aus dem Rektor und den vier Dekanen. Dieser prüfte, ob der Christian-Albrechts-Universität ein Schaden entstehen würde, wenn der Betreffende nach seiner Verurteilung weiterhin den akademischen Grad tragen dürfe. Dass die Hochschulen auch faktisch Entscheidungsvollmacht besaßen, zeigt sich daran, dass tatsächlich nicht alle Verfahren zum Entzug des Doktortitels führten.

Es kommt uns nicht zu, uns zu entrüsten. Wer von uns kann sicher wissen, wie er in der gleichen Situation gehandelt hätte? Hätten wir mehr Mut und Einsicht besessen als der damalige Rektor und die Dekane, um hinreichend Widerstand zu leisten? Ich fürchte, Feigheit – oder auch Vorsicht? – ist eher das für den Menschen Normale. Und gab es für den einzelnen überhaupt noch ein Entrinnen vor der nationalsozialistischen Hochschulpolitik? Wie kam es, dass so viele Wissenschaftler bereit waren, mit dem Nationalsozialismus zu kooperieren?

Wir müssen uns diesen Fragen stellen – um unserer Zukunft willen! Ich bin überzeugt, dass man die Gegenwart nicht sehen kann, wenn man vor der Vergangenheit die Augen verschließt.
Deshalb bin ich sehr froh, dass Sie heute gekommen sind. Erinnerung, Mahnung sind Sinn dieser Veranstaltung. Wir dürfen nicht daran glauben, dass wir uns durch den heutigen Akt von der Vergangenheit befreien könnten.

Die Namen der Betroffenen und das Verfahren der Aberkennung wurden von Herrn Professor Uhlig anhand der Akten des Universitätsarchivs recherchiert. Es bleibt aber offen, ob alle Entziehungen von Doktortiteln erfasst werden konnten. Auch wissen wir nicht, wer von den Betroffenen noch am Leben ist und wo sie oder ihre Nachkommen sich aufhalten. Wir kommen zu spät. Eine individuelle Rückgabe der Doktortitel ist nicht mehr möglich. Eine globale Wiederanerkennung der nach 1933 entzogenen Titel erscheint juristisch zweifelhaft. Wir halten einen solchen Akt aber auch nicht für angemessen. Es mag Betroffene geben, die eine pauschale nachträgliche Rehabilitation als neue Kränkung empfinden würden. Wir müssen mit dem Wissen leben, dass wir versäumt haben, uns rechtzeitig der Verantwortung zu stellen und dass geschehenes Unrecht nicht wieder aus der Welt geschaffen werden kann. Es erscheint aber als möglich und geboten, unsere moralische Position unzweifelhaft zu bestimmen. Hierzu erkläre ich:

Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel erachtet die zwischen 1936 und 1945 politisch motivierten Entziehungen von Doktortiteln als nichtig. Das Rektorat hebt die entsprechenden, von dem damaligen Universitätsausschuss getroffenen Beschlüsse auf. Die einmal verliehenen Doktortitel bestehen daher weiter fort.


Literaturangaben

Rektorat der Christian-Albrechts-Universität Kiel (Hrsg.): Zeichen des Erinnerns. Feier zur Mahnung gegen Krieg und Gewaltherrschaft am 15. November 1993. Erklärungen und Beiträge zum Volkstrauertag 1993. Kiel 1993. ISBN 3-928794-12-4 (Orthografie angepasst)



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität   ► presse@uv.uni-kiel.de