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Referenzzentrum Lebensqualität in der Onkologie Haus 18 Arnold-Heller-Str. 3 24105 Kiel 0431/5974309 Fax: 0431/5972218 Angegliedert an das: Krebszentrum Nord am UK S-H Impressum verantwortlich für den Webauftritt: Prof. Dr. Th. Küchler Frau Dr. M. Berend B. Malchow, M.A. |
Zum Stand der Lebensqualitätsmessung in der Onkologie
Th. Küchler, H. Flechtner, P. Herschbach Einleitung Lebensqualität ist nach der Überlebenszeit das wichtigste Behandlungsziel für Krebspatienten. Dies gilt von der Diagnosestellung an für den gesamten Krankheits- und Behandlungsverlauf. Gesundheitsbezogene Lebensqualität ist heute mit naturwissenschaftlichen Methoden zuverlässig messbar. Es lassen sich so Auswirkungen von Krankheit und Therapie systematisch darstellen und vergleichen. Aus den bisherigen 10 Jahren der Erfahrung der Lebensqualitätsmessung ist abzuleiten, dass dies von Patienten keineswegs als Belastung („Noch mehr Diagnostik“), sondern als ein Teil der Humanisierung in der onkologischen Behandlung erlebt wird („Endlich interessiert sich jemand mal dafür, wie es mir geht, nicht nur meinem Tumor“). Aus Sicht der Behandelnden stellt die Lebensqualitätsmessung auch einen Beitrag zur Qualitätssicherung dar. Betrachtet man die Realität in der BRD, so wird tatsächlich in vielen klinischen Studien die Lebensqualität (LQ) als zusätzliches Evaluationskriterium erfasst. In machen Bereichen ist die Erfassung von LQ sogar inzwischen zum Standard erhoben worden. LQ ist Gegenstand vieler (seit 1980 ca. 20.000) Publikationen, Oberthema zahlreicher Tagungen und Kongresse. Zuweilen kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass Begriff und Einsatz des Konzepts inflationäre Züge entwickeln. So findet man Tagungen mit entsprechender Oberthematik, auf denen sich jedoch kein einziger Vortrag mit dem Thema auseinandersetzt. Oder man hört von Studien, in denen die LQ von komatösen Patienten fremd-eingeschätzt wird. Zuweilen scheint das Evaluationskriterium LQ auch der letzte verzweifelte Versuch zu sein, an unwirksamen Behandlungen doch noch einen Effekt demonstrieren zu können. Grob vereinfacht lässt sich feststellen, dass die Publikationen der Jahre von 1980 – 1990 sich überwiegend mit dem Konzept von LQ sowie den (theoretischen) Möglichkeiten der Messung dieses Konstruktes befassten, während die letzten 10 Jahre von zunehmend empirisch orientierten Publikationen geprägt waren. Mit Ende des 20. Jahrhunderts hat sich das Konzept „Lebensqualität“ auch in der deutschen Medizin etabliert. Spät sicherlich im Vergleich zu Nordamerika oder einigen anderen europäischen Ländern, aber es ist zu bedenken, dass kaum ein Begriff unspezifischer, unpräziser und im Alltagsgebrauch beliebiger verwendet wurde. Der Chirurg H. W. Schreiber sprach 1989 zu Recht von einem „Gedankencontainer“. Doch Begriff wie Konzept haben seitdem Fortschritte gemacht, sowohl gedanklich wie auch in der technischen Umsetzung. Im Folgenden soll versucht werden, nach einem kurzen Überblick zur Geschichte der Lebensqualitätsforschung, die Bedeutung des Konzeptes für die Hauptbereiche der modernen Medizin – klinische Praxis, Forschung und Qualitätssicherung - zu präzisieren.
Geschichte des Lebensqualitätskonzeptes:
Lebensqualität ist wenigstens ein philosophischer, ein politischer, ein ökonomischer, ein sozialwissenschaftlicher und neuerdings eben auch ein medizinischer Begriff, und in jedem der genannten Bereiche verursacht er methodische Probleme, am deutlichsten in der Politik und in der Ökonomie. In der Philosophie steht die Abgrenzung zum Glücksbegriff noch aus, aber immerhin hat dort bereits ARISTOTELES das zentrale messtheoretische Problem der LQ-Forschung formuliert: "....und oft ändert derselbe Mensch seine Meinung. Wird er krank, so ist es Gesundheit, und wenn er gesund ist, so ist es das Geld." Anders ausgedrückt: 1) Lebensqualität bedeutet für Kranke etwas grundsätzlich anderes als für Gesunde; 2) Die Bedeutung (Bewertung) einzelner Aspekte von LQ ist individuell höchst unterschiedlich.HOFSTÄTTER (1986) hat hierzu mit seiner "Zufriedenheitsformel" einen wesentlichen Beitrag geleistet: Bewertung dessen, was einer hat / Erwartung = Zufriedenheit Bis hierher zusammengefasst, ist es angesichts der angedeuteten Komplexität des Konstruktes Lebensqualität verständlich, dass der Philosoph Karl Popper uns folgenden Rat gibt: "Never try to define Quality of Life!" (mündl. Mitteilung an H. Troidl 1988). KÜCHLER u. SCHREIBER schlugen 1989 entsprechend ein Lebensqualitätsmodell vor (Abb. 2), das keine Definition angestrebt, sondern lediglich eine Konzeptualisierung, die denjenigen, die Lebensqualität untersuchen wollen, eine Orientierung ermöglichen soll.
Zwar sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Definitionen von „Lebensqualität“ vorgeschlagen worden, ohne das sich eine Formulierung klar durchgesetzt hätte. Dennoch besteht weitgehende Einigkeit über wesentliche Domänen der „gesundheitsbezogenen Lebensqualität“, die sich ja letztlich an der WHO – Gesundheitsdefinition orientieren (körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden in einem spezifischen Behandlungskontext).
Zur Messung von gesundheitsbezogener Lebensqualität („Health related Quality of Life“)
Praktische Probleme der Lebensqualitätserhebung
a. Genuine Fragestellung, entsprechendes Studiendesign;
a: Genuine Fragestellung, entsprechendes
Studiendesign:
Lebensqualität stellt dann den primären Endpunkt einer Studie dar, wenn keine signifikanten Überlebenszeitunterschiede zu erwarten sind. Dies gilt in der Regel bei palliativen Ansätzen, ebenso dann, wenn die zu prüfende Therapie vor allem auf Befindlichkeits- (auch Verträglichkeits-) -Optimierung zielt. Entsprechend lautet die generelle Fragestellung in diesem Bereich: Welche Aspekte der Lebensqualität werden durch die zu prüfende Therapie beeinflusst? Sind hingegen Überlebenszeitunterschiede zu erwarten oder sind definierte Funktionsparameter (z.B. in der orthopädischen Onkologie) Zielkriterien, kann Lebensqualität als sekundärer Endpunkt in die Studie aufgenommen werden. Die grundsätzliche Fragestellung bezieht sich dann auf die Relation von Überlebenszeit zu Lebensqualität (bzw. Funktionsverbesserung/ Lebensqualität).
b: Reliables und valides LQ-Meßinstrument:
Ca. 1980 hat die Entwicklung von reliablen Instrumenten zur Erfassung der Lebensqualität begonnen; Ziel war es, (z.B. in der EORTC Study Group on Quality of Life) zu international vergleichbaren, also kulturell übergreifenden Instrumenten zu kommen, die gleichzeitig multidimensional und trotzdem patientenfreundlich, also kurz und verständlich sein sollten. Dieses Ziel ist heute erreicht. Nahezu alle heute verwendeten Instrumente fokussieren auf die subjektiv erlebte Lebensqualität, werden also von den Patienten selbst ausgefüllt. Die grundlegenden methodischen Probleme, die mit einem solchen Ansatz verbunden sind, können ebenfalls heute als gelöst angesehen werden, auch wenn die methodische Entwicklung in diesem Bereich keineswegs abgeschlossen ist. Die genannten Voraussetzungen werden von einer ganzen Reihe von Instrumenten erfüllt, wobei drei Lebensqualitätsfragebögen im Zusammenhang mit onkologischen Studien hervorzuheben sind: Es sind dies der EORTC QLQ C30 (Aaronson et al.), der SF 36 (Short Form 36, John Ware) sowie der FACT (Functional Assessment of Cancer Therapy, David Cella). Abb. 3 charakterisiert diese drei Instrumente im Überblick.
C: Im Studienprotokoll: Detaillierte Beschreibung des Vorgehens bei der LQ-Erhebung
Die Einverständniserklärung zur Lebensqualitätserhebung beim Informed Consent ist selbstverständlich. Ein weiterer wichtiger Punkt, der für die nachfolgende Auswertung von hoher Bedeutung ist, betrifft den Umgang mit fehlenden Fragebögen (hier bezogen auf die Erhebungsorganisation): es sollte das Vorgehen bei fehlenden oder unvollständig beantworteten Fragebögen spezifiziert werden. Dies ist für die Auswertung von Bedeutung, da der statistische Umgang mit der „missing data“ Problematik unterscheidet, ob die Daten zufällig („missing at random“) oder systematisch (z. B. alle Patienten, die „zu krank“ sind) fehlen.
D: Auswertungskonzept entsprechend der Fragestellung
Daher ist im Studienprotokoll im Auswertungskonzept festzulegen, mit welchen onkologischen Variablen welche Lebensqualitätsvariablen in Verbindung gebracht werden (z.B. TNM-Stadium mit Fatigue). E: Angemessene Auswertungsmethoden Entsprechend den a priori festgelegten Fragestellungen sowie dem Auswertungskonzept können auch die Auswertungsmethoden im Studienprotokoll festgelegt werden. Zwar können auf dem Abstraktionsniveau des vorliegenden Beitrages keine spezifischen statistischen Auswertungsmethoden empfohlen werden, allgemein gilt jedoch, dass multivariate Auswertungsverfahren (z.B. multiple Regression) univariaten Verfahren (z.B. t-Test) wegen der erwähnten Problematik der zufälligen Signifikanz vorzuziehen sind. Dies gilt für parametrische wie non-parametrische Verfahren. Multilevel-Modelle können als Verfahren der Wahl zur Milderung der „missing data“ Problematik in Messwiederholungsdesigns empfohlen werden. Darüber hinaus erlauben diese Verfahren die Berücksichtigung von Studiencentereffekten in Multi-Center-Studien. Spezifische Strukturgleichungsmodelle (z.B. Causal-Indicator–Modelle) sollten zur konkreten Spezifikation der Kausalrichtung bei Symptomskalen in Betracht gezogen werden. Diese Verfahren haben allerdings den Nachteil, dass es sich um eher neue und damit noch nicht verbreitete Verfahren handelt. Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass statistische Signifikanz nicht immer klinischer Bedeutsamkeit gleichzusetzen ist: Als Faustregel bei Lebensqualitätsuntersuchungen gilt, dass – bei der üblichen Skalierung von 0–100 – ein Unterschied von 10 (tendentiell) bis 15 Punkten auch als klinisch signifikant anzusehen ist. Da diese Interpretation jedoch von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist (z.B. Verteilung der Rohwerte, Homogenität der Stichprobe u.a.), kann dies nicht mehr als eben eine Faustregel sein. In jedem Fall gilt, dass die enge inhaltliche Zusammenarbeit zwischen Studienleiter und Statistiker in allen Stadien der Studie – von der Fallzahlschätzung bis zur Interpretation der Ergebnisse - die Wahrscheinlichkeit sinnvoller Ergebnisse deutlich erhöht.
Zusammenfassung und Ausblick
Weiterführende Literatur: Aaronson NK, Ahmedzai S, Bergman B, Bullinger M, Cull A, Duez NJ, Filiberti A, Flechtner H, Fleishman SB, de-Haes JC, et al. . The European Organization for Research and Treatment of Cancer QLQ-C30: a quality-of-life instrument for use in international clinical trials in oncology. J Natl Cancer Inst, 85, 365-376, 1993 Campbell, A., Converse, P. E., Rodgers, W. L.: "The quality of american life"", Russel Sage Foundation, New York, 1976 Cella DF, Tulsky DS, Gray G, Sarafian B, Linn E, Bonomi A, Silberman M , Yellen SB, Winicour P, Brannon J, et al. . The Functional Assessment of Cancer Therapy scale: development and validation of the general measure. J Clin Oncol, 11, 570-579, 1993 Cohen J. Statistical power analysis for the behavioral sciences. 2nd edition. New Jersey, London: Lawrence Erlbaum Associates, 48-51, 1988 Fayers, P.M., Hand, D.J., Björdal, K., Groenvold, M.: Causal indicators in quality of life research, Journal of Quality of Life Research, 6, 393-406, 1997 Goldstein, H.: Multilevel statistical models in Kendalls advanced theory of statistics, Vol. 3, Second Edition, London, Arnold, 1995 Küchler Th., Schreiber H. W. Lebensqualität in der Allgemeinchirurgie - Konzepte und praktische Möglichkeiten der Messung, HÄB 43, 246-250, 1989 Schwarz, R., Bernhard, J., Flechtner, H., Küchler, Th., Hürny, Ch. (Hrsg.): "Lebensqualität in der Onkologie", Aktuelle Onkologie Bd. 63, Zuckschwerdt, München, Bern, Wien, San Francisco, 1991 Schwarz, R., Bernhard, J., Flechtner, H., Küchler, Th. (Hrsg.): Lebensqualität in Onkologie II, Aktuelle Onkologie Bd. 82, Zuckschwerdt, München, Bern, Wien, San Francisco, 1995 Spilker B, ed. Quality of life and pharmacoeconomics in clinical trials. Philadelphia: Lippincott-Raven, 1996 Sprangers MA; Groenvold M; Arraras JI; Franklin J; te Velde A; Muller M; Franzini L; Williams A; de Haes HC; Hopwood P; Cull A; Aaronson NK: The European Organization for Research and Treatment of Cancer breast cancer-specific quality-of-life questionnaire module: first results from a three-country field study, J Clin Oncol, 10, 2756-2768, 1996 Ware-JE J, Kosinski M, Gandek B, Aaronson NK, Apolone G, Bech P, Brazier J, Bullinger M, Kaasa S, Leplege A, Prieto L, Sullivan M. The factor structure of the SF-36 Health Survey in 10 countries: results from the IQOLA Project. International Quality of Life Assessment. J Clin Epidemiol, 51, 1159-1165, 1998 Der Erstautor ist derzeit Leiter des Referenzzentrums Lebensqualität in der Onkologie (gefördert durch die Deutsche Krebshilfe e. V.), die Co-Autoren gehören zum wissenschaftlichen Beirat des Referenzzentrums. Alle drei Autoren arbeiten seit gut 20 Jahren in der Onkologie und sind fast ebensolange mit der wissenschaftlichen Erfassung von Lebensqualität befasst. Seitenanfang |
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