Hintergrund
„Noch nie flossen so viele Milliarden in die Forschung, noch nie wurden so viele Studien publiziert - und noch nie kam so wenig dabei heraus wie heute. Die moderne Wissenschaft ist in eine Sackgasse geraten", schreibt James Le Fanu in seinem Beitrag „Das Ende der Wissenschaft" in der nzz am Sonntag (► 19.06.2011).
Im Gegensatz zu den bahnbrechenden Entdeckungen und revolutionären Brüchen in der Theoriebildung der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, im Gegensatz zu einer Wissenschaft die als Grundlage für Fortschritt wahrgenommen wurde, hätten die jüngsten Meilensteine der Wissenschaft enttäuscht. Die Wissenschaft sei an ihre Grenzen gestoßen. Diese Behauptung wird nicht zum ersten Mal geäußert. Die Entdeckung elementarer Naturgesetze sei einmalig (Richard Feynman) und die Suche der nächsten Dezimalstelle hinter dem Komma sei eine sinnlose Verfeinerung (Albert Michelson, Ende des 19. Jahrhunderts). James Le Fanu schließt sich dieser Argumentation an: „Sobald man sagen kann: 'So ist das Universum entstanden', kann alles Folgende nur noch enttäuschen." James Le Fanu wird am Abend des 26. Oktober den Eröffnungsvortrag der Tagung halten.
Der so dargelegten Sicht auf Wissenschaft können wir heute eine ihrer wesentlichen Grundannahmen entziehen um erneut, darüber hinaus und nicht abschließend über sie zu sprechen und zu debattieren. Es ist die Annahme, dass Welt statisch sei. Die Tagung "Das Ende der Wissenschaft und darüber hinaus" wird Positionen präsentieren die zeigen, wie wir in einer Welt forschen, die wir selbst gestalten und formen und die nicht statisch ist.
Mit Forschung und Entwicklung intervenieren wir in der Welt, die wir untersuchen. Wenn wir aber die Welt verändern, können wir trotz Beschreibung und Erklärung bestehender Systeme Vorhersage und Kontrolle nicht mehr leisten. Komplexe Systeme stellen eine Herausforderung und theoretische Begrenzung für die Wissenschaft dar, da sie mathematisch nicht vollständig fassbar und schon gar nicht prognostizierbar sind.
Mit dieser These eröffnet Gerhard Schurz das Tagungsprogramm am Samstag den 27. Oktober. Sein Beitrag lautet: „The Challenge of Complexity: Theoretical and Social Limitations of Science". Wenn wir zum Beispiel aufgrund von Analyse, die in komplexen Systemen unvollständig bleibt, den Klimawandel annehmen, dann sollten wir handeln. Wenn unsere Intervention jedoch erfolgreich ist, trifft unsere Vorhersage nicht zu und wir können sie nicht prüfen. Gesellschaft selbst ist zum wissenschaftlichen Labor geworden, wie der Soziologe Ulrich Beck bemerkt.
Die Tagung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wird Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Interessierte in Kerndiskussionen einzelner Disziplinen sowie in wissenschaftstheoretische und technikphilosophische Betrachtungen aktueller Fragen einführen. Hans-Jörg Rheinberger, zweiter Referent des Tages mit dem Beitrag „Experimental Systems and Epistemic Objects" ist Vertreter des practice-turn in der Wissenschaftstheorie und -geschichte. Als in den ersten Dekaden des 20. Jhd. revolutionäre Brüche in der Theoriebildung als große intellektuelle Leistungen wahrgenommen wurden, herrschte eine allgemeine Übereinkunft, dass Theorie und Experiment voneinander getrennt werden können. Das Experiment hatte die Rolle, Hypothesen an der Erfahrung zu prüfen. Experiment und Theoriebildung, beziehungsweise Intervenieren und Repräsentieren stehen heute in einem engeren Verhältnis - diese Wissenschaftspraxis macht revolutionäre Brüche in der Theoriebildung weniger wahrscheinlich. In seiner Arbeit rückt Rheinberger die eigentlichen wissenschaftlichen Praktiken, das Experimentieren und die Materialität der Instrumente in den Fokus. Die Frage ist nicht, was Wissenschaft tun sollte, sondern was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tatsächlich in ihren Laboren tun, wenn sie Wissenschaft betreiben. Experimente seien Konstruktionen, die Theorie nicht testen, sondern unbekannte Antworten auf Fragen geben, die der Forschende noch nicht klar formulieren kann.
Deduktion und Induktion sind somit nicht die einzigen Formen des Schließens in der wissenschaftlichen Praxis. Lorenzo Magnani wird in seinem Beitrag „Creativity and Abduction in Science" den Aspekten der Unbestimmtheit und der Intuition in der Wissenschaft, beziehungsweise den kreativen Momenten und abduktiven Schlüssen in der Bildung und Evaluation von Hypothesen und Erklärungen nachgehen. Er erläutert das kontrovers diskutierte Konzept der Abduktion und wagt die These, dass Forschende die Umgebungen konstruieren in denen sie wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen.
Den Nachmittag eröffnet Ulrich Bartosch, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler mit dem Beitrag: „'Ich weiß nicht!' – Wissenschaft als beständiger Aufbruch und als notwendige Orientierungshilfe?". Bartoschs Anliegen: Wissenschaft, die in vielfacher Weise mit Unsicherheit umgeht, hat für und in der Gesellschaft Verantwortung. Dazu gehört auch, die Begrenzung ihrer Aussagekraft anzuerkennen.
Dabei erwartet Gesellschaft von der Wissenschaft Lösungen in sozialen Problemlagen. Fragen wie: „Wie soll eine gute Schule aussehen?", "Wie wollen wir in Zukunft wirtschaften?" möchte die Politik auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beantworten können. Doch aus wissenschaftlichen Studien oder aus der Analyse des Bestehenden lassen sich Antworten darauf nicht geben weil wir im Handeln immer auch entscheiden müssen wie wir die Zukunft gestalten wollen und auf welchen Werten das Handeln basieren soll. Wie kann Wissenschaft also Innovation in einer unbestimmten Zukunft sichern?
Wolfgang Jonas spricht anschließend über „Design & Science - approaching each other", also über die Beziehung zwischen Forschung und Praxis, beziehungsweise zwischen Wissenschaft, Innovation und Problemlösung. Das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Strenge und praktischer Relevanz werde zunehmend delikat, sagt Jonas. Wissensproduktion würde kontextualisiert - das sei der Gegensatz zur Formulierung universeller Gesetzmäßigkeiten.
Merlin Donald mit „What can the course of human cognitive evolution predict about the long term role of science in human affairs?" stellt anschließend die Dichotomie von Natur und Kultur in Frage. Kognition ist eng verschränkt mit der Technologie, mit den Artefakten und der Kultur, die wir schaffen. Zukünftige Entwicklungen sind offen, unvorhersehbar und unsicher.
Den Abschluss der Tagung bildet der Vortrag von Giuseppe Testa. Der Molekulargenetiker hinterfragt darin die Grenzziehung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit in erfrischender und radikaler Weise, indem er dabei hilft, die Fiktion der Natürlichkeit völlig aufzugeben und eine Koexistenz von Mensch und Artefakt zuzulassen. Wir erfinden das Individuum und müssen auch aufgrund von Vorstößen der Lebenswissenschaften das Individuum und die Kategorien, auf denen das gesellschaftliche Leben beruht, neu definieren. Die Biologie beschreibt er als besonders prägnantes Beispiel für ein allgemeineres Phänomen: Für das Zusammentreffen von Kapital und Wissenschaft und für das öffentliche Interesse an Forschung. Erforderlich seien neue Modelle die öffentliches Engagement in der Gestaltung biologischer und medizinischer Innovationen erlauben.
Wissensproduktion findet zunehmend außerhalb der Universitäten statt – wir sollten die Universität als Ort der Forschung dennoch pflegen, schreibt Heinz-Elmar Tenorth in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Guiseppe Testas Antwort auf die Anfrage zum Vortrag: „I did read the NZZ essay, and I'd like to congratulate you and your colleagues of the Christian-Albrechts-Universität zu Kiel for organizing such an inspiring and timely initiative. It's always refreshing when academic institutions live up to their core mission, namely the nurturing of critical and fearless thinking for experts and lay publics alike."
Prof. Dr. Heidrun Allert (Konzeption & inhaltliche Koordination)
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