Okkasionell werden exemplarisch zwei Übersetzungen
zum Vergleich herangezogen,
die ihrerseits ein halbes Jahrhundert auseinanderliegen
(siehe Bibliographie):
Gustav Ernst
Dietrich (1903) und
William
Holmes
Bennett (1960)
Über die ganz natürliche Antiquiertheit
seiner Sprache hinaus,
vernebelt Dietrich die Aussage tendenziell durch
übermäßig artifizielle Wortwahl und umständlichen
Satzbau.
Daher soll hier eine leicht verständliche
Sprache benutzt werden, ohne die theologische Botschaft im Grundsatz zu
verfälschen.
Beispiel: IV c/d
Ähnlich unterschiedlich sind übrigens
die lateinischen Übertragungen:
Maßmanns schwerfällige Übersetzung
resultiert offenbar aus dem Bestreben, verbatim zu retrovertieren:
Beispiel: VII d
Im folgenden ist die eigene Übersetzung
von den vergleichenden Erläuterungen durch fette Schrift abgesetzt.
In Blau erscheint eine zeitgemäße
Bibelübersetzung, die über den modernen Stil der Guten
Nachricht hinausgeht.
Gotische Zitate erscheinen in Grau,
Vulgata zum Vergleich in Violett.
mahtedi sweþauh jah inu mans leik. waldufnja
þataine gudiskamma. galausjan allans us diabulaus anamahtai:
Vermocht jedenfalls hätte er [sc.
es]
auch
ohne mensch[liche] Hülle - einzig und allein mit göttlicher
Kraft -
alle von der Hybris des Satans zu erlösen.
zu sweþauh:
DIETRICH: zwar KOCK: allerdings MAßMANN/BERNHARDT:
quidem et(iam) MARCHAND/MOSSÉ: to be sure / certes
BENNETT: though PETERSEN: verumtamen / nonetheless /
toutefois / gleichwohl, jedenfalls (wtl.: so doch auch)
akei was kunnands þatei swaleikamma waldufnja
mahtais seinaizos nauþs ustaiknida wesi:
Aber er war sich bewußt, daß durch derartige Gewalt
die Unvermeidlichkeit seiner Macht manifestiert wäre
Cf. BENNETT: He was nevertheless aware that by
such authority the force of his power would be shown.
Bei DIETRICH fehlt (in Anlehnung an STREITBERG) nicht nur die Kopula
was im gotischen Text, sondern er bezieht das Genitivattribut mahtais
seinaizos auf das voranstehende waldufnja
statt auf nauþs:
... jedoch mit dem Bewusstsein,
dass
durch solche Gewalt der Macht die Notwendigkeit zum Ausdruck gekommen
... wäre ...
Auch wäre der Plan der Gerechtigkeit nicht
weiter beachtet worden (fastaida)
DIETRICH: beobachtet
KOCK: festgehalten BERNHARDT: servaretur
MAßMANN: dilatavit PETERSEN: beachtet / observatur
sondern daß er das Heil der Menschen
erzwungen hätte.
Denn wenn nun der Teufel von Anfang an den
Menschen nicht gezwungen,
Ic
sondern verführt und durch Lüge verlockt
[ga(·)atjandin],
das
Gebot zu übertreten:
DIETRICH: bedroht
KOCK: angereizt BERNHARDT: incitante
MAßMANN: illexisset PETERSEN: verlockt / pellexisset
Þatuh wesi wiþra þata gadob:
ei frauja
qimands mahtai gudiskai:
jah waldufnja þana galausidedi: Jah nauþai
du gagudein gawandidedi:
Und das wäre wider den Anstand
gewesen, wenn der Herr - kommend mit göttlicher Macht -
den [sc. Menschen] sowohl mit Gewalt
erlöst als auch durch Nötigung zur Gottesfürchtigkeit
gewendet hätte.
Man beachte die (auch von meiner Übersetzung)
abweichenden Auffassungen von DIETRICH:
- dies wäre gegen die Ordnung gewesen, wenn
der Herr, kommend mit göttlicher Macht und Gewalt,
ihn mit Notwendigkeit erlöst und zur Frömmigkeit
bekehrt hätte.
und BENNETT:
That would have been against propriety, if the
Lord, coming in divine power,
had both freed him by authority and had converted
him to godliness by force.
11-16: nei auk þuhtedi þau in garaihteins
gaaggwein ufargaggan
þo faura ju us anastodeinai garaidon garehsn
Denn hätte es nicht den Anschein, als übertrete
er im Engpaß der Gerechtigkeit
die vorher - schon von Anbeginn - angeordnete Bestimmung
?
Insbesondere zur Übersetzung von ga-raiþs
(= dia-tetagménos
bzw. con-stitutus
nach Lk 3,13)
cf. DIETRICH:
Oder hätte es etwa nicht geschienen,
als übertrete er unter Einschränkung der Gerechtigkeit
den zuvor schon von Anbeginn an geordneten
Plan?
und BENNETT:
For then would he not have seemed in the
enforcement of righteousness to violate
the plan already preordained
from the beginning?
Id
...
IIb 5-7:
þammuh
þan ni froþ nekaudemus:
Dies jedoch verstand Nikodemus
nicht.
11-17 ( = 25-c7, leicht variiert):
(·)aiwa mahts ist manna alþeis wisands
gabairan:
ibai mag in wamba aiþeins seinaizos aftra
galeiþan jah gabairaidau:
3,4 dicit ad eum Nicodemus quomodo potest homo
nasci cum senex sit
3,4 "Wie kann [denn nur] ein Mensch geboren werden,
der schon ein Greis ist?" fragte Nikodemus.
numquid potest in ventrem matris suae iterato introire et nasci
"Er kann doch nicht
noch einmal in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal auf
die Welt kommen!" =
"Inwiefern besteht die Möglichkeit, daß
ein alt[seiend]er Mensch geboren wird; ob er wohl in den Schoß
seiner Mutter zurückzukehren vermag und geboren [werden] wird?"
(beachtenswert sind im ersten Teil der NcI und die passivische
Bedeutung des Infinitivs, im zweiten Halbsatz der Wechsel von infiniter
Form (in Abhängigkeit zum Präteritopräsens *magan)
und finitem Optativ;
cf. hierzu die Übersetzungen von DIETRICH:
"Wie ist es möglich, daß ein Mensch,
der alt ist, geboren wird;
kann er etwa in den Leib seiner Mutter wieder
eingehen und [wieder] geboren werden?"
und BENNETT:
"How is it possible for a man to be born when
he is old?
Can he go a second time into his mother's womb
and be born?"
IIc
3,4 dicit ad eum Nicodemus quomodo potest homo
nasci cum senex sit
3,4 "Wie kann [sc. denn nur]
ein
Mensch geboren werden, der schon ein Greis ist?" fragte Nikodemus.
numquid potest in ventrem matris suae iterato introire et nasci
"Er kann doch nicht
noch einmal in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal auf
die Welt kommen!"
8-12:
Iþ nasjands þana anawairþan
dom is gasai(·)ands.
jah þatei in galaubeinai þeihan
habaida:
Gaskeirjands imma swe miþþan
unkunnandin qiþands:
(finit:) Doch der Erlöser sah dessen künftige Bestimmung
und daß er im Glauben [sc. eine Möglichkeit]
zu
wachsen hatte;
(denn habaida ist Indikativ. Man
beachte die Konstruktion apò koinoû von
gasai(·)ands
im
1. Teil)
(finit:) er verdeutlichte ihm als einem derzeit Unkundigen, wobei
er sprach ...
Cf. DIETRICH:
Aber der Heiland, da er den zukünftigen
Ruhm desselben schaute,
und dass er im Glauben wachsen werde,
deutete es ihm als einem noch Unmündigen,
indem er sagte ...
und BENNETT:
But the saviour, perceiving his future
discernment,
and (perceiving) that he was to thrive
in faith,
explained to him as to one who was then
ignorant, saying ...
3,5 respondit Iesus amen amen dico tibi
3,5 Jesus sagte: "Ich betone [dir]
ausdrücklich:
nisi quis renatus fuerit ex aqua et Spiritu non potest introire in regnum
Dei
Nur wer aus Wasser
und Geist geboren wird, hat überhaupt die Möglichkeit, ins Himmelreich
zu gelangen."
Eine theologisch fundierte Übersetzung der Passage c 8 –d
25 liefert SCHÄFERDIEK (1981:180f. [überarbeitet]):
Der Heiland aber, als er seine zukünftige
Einsicht sah und, daß er im Glauben wachsen werde, erklärte
ihm als einem noch Unwissenden: "Wahrlich,
wahrlich, ich sage dir, wenn einer nicht aus Wasser und Geist geboren wird,
kann er nicht in das Reich Gottes kommen."
Es
war nämlich erforderlich und der Natur gemäß, die heilsplanmäßige
Verfaßtheit (= Ökonomie)
der Taufe IId
vom
Menschen herzunehmen, der aus unterschiedlichen Naturen besteht, nämlich
aus Seele und Leib, von denen die eine sichtbar, die andere aber geisthaft
ist. Daher nannte er angemessenerweise im Anschluß daran auch zwei
Dinge, Spezifika für beide, für die heilsplanmäßige
Verfaßtheit der Taufe, das sichtbare Wasser und den intelligiblen
(=
logoshaften)
Geist, damit das Sichtbare ...
andaþahtan
ahman (II d 22f) = logikòn pneûma.
Die Wiedergabe von andaþahtan
mit vorgestellten (DIETRICH)
oder envisioned (BENNETT) ist unmöglich;
der Geist existiert für den Kommentator nicht nur in der Vorstellung,
sondern als reale Größe.
Unmöglich ist aber auch surnaturel
/ sopranaturale (MOSSÉ / del PEZZO);
denn die Vorstellung der Übernatur ist der alten Kirche unbekannt,
sie begegnet erst in der abendländischen Scholastik des Mittelalters.
Richtig schon MASZMANN mit rationabilem.
(soweit SCHÄFERDIEK)
et adveniebant
et baptizabantur
Immer
noch kamen Leute zu ihm, und er taufte sie;
HEMPEL (1966:153ff.): "
... [Wasser] war (Pl.) viel dort; und
dahin kamen sie und wurden getauft.
Denn Johannes war noch nicht in den Kerker (Dat.!)
gelegt".
Dieser Nachsatz ist wichtig für das Veständnis
der Chronologie, cf. Mt 14,3 & Lk 3,20.
3,24 nondum enim missus fuerat in carcerem Iohannes
3,24 denn er war zu jener Zeit noch nicht
ins Gefängnis verlegt.
Und das nun sagend zeigte der Evangelist, daß
der Plan betreffs seiner nahe dem Ende war durch des Herodes Anschlag.
Aber vor dem, als beide tauften und jeder von
beiden seine Taufe empfahl, wurden einige uneins untereinander, nicht wissend,
welcher von beiden der Größere sein möchte.
Daher "ward da ein
Zwist
IIIb
von den Jüngern des Johannes mit
den Juden betreffs der Reinigung":
3,25 facta est ergo quaestio ex discipulis Iohannis
cum Iudaeis de purificatione
Darob erhob sich unter den Johannesjüngern
die [Streit-]Frage
[wtl.: es ward eine {Unter-}Suchung] mit
den Juden über die Reinigung
=
Einmal stritten sich einige Jünger von
Johannes mit anderen
Juden darüber,
welche Taufe den höheren Rang habe.
Deswegen weil schon sowohl die Sitte der Reinigungen
des Leibes geändert war, als auch die Reinheit vor Gott geboten war,
- daß sie nicht mehr die jüdischen Besprengungen und täglichen
Waschungen zu gebrauchen sich bemühten, sondern auf Johannes hörend
[wären], den Vorläufer des Evangeliums - und es war da auch der
Herr die geistliche Taufe empfehlend -
17-22:
Auch der Herr riet zur geistlichen Taufe
wörtlich unter Periphrase des Hyperbatons:
[es] war aber auch [der] Herr die geistige Taufe empfehlend
infolgedessen wurde rechtmäßigerweise eine Untersuchung
über die Läuterung erwogen
[oder auch: auf den Weg gebracht, angeregt].
somit wurde mit Recht die Streitfrage über
die Reinigung angeregt.
Denn das Gesetz verordnete eine Reinigung für
ein Vergehen der Absichtslosen:
IIIc die
Asche eines außerhalb des Lagers verbrannten Kalbes, und danach daß
man sie in reines Wasser werfe
und mit Ysop und roter Wolle überstreue,
wie es ziemlich ist den ohne Vorsatz Handelnden (?).
Aber Johannes verkündete die Taufe der Buße
und verhieß Ablaß der Vergehen den einfältig sich Bekehrenden;
aber zum Ablaß der Sünden durch den
Herrn auch die Gabe des Heiligen Geistes,
ihnen auch gewährend, daß sie Söhne
des [Gottes]reichs würden.
22-25: ... jah fragibands im þatei sunjus
þiudangardjos wairþaina: (Optativ)
wobei er ihnen auch zugestand, daß sie Söhne des Himmelreiches
werden
3. Pl. Präs. Optativ wairþaina:
Der Modus als solcher bleibt hier unübersetzt, da er nur die Oratio
obliqua anzeigt.
cf. dagegen DIETRICH: ...
indem er (noch dazu) ihnen auch verlieh, dass sie Söhne des Himmelreiches
würden.
und BENNETT: ... granting
them also that they should become children of the kingdom.
So daß die Taufe des Johannes in der Mitte
beider liegt, übertreffend wahrlich die Reinigung des Gesetzes,
doch um Vieles geringer als die Taufe des Evangeliums.
Und deswegen lehrt er uns klar, sprechend:
"Aber ich taufe euch in Wasser, doch der nach
mir Kommende ist stärker als ich,
dessen ich nicht wert bin niederkniend den Riemen
seines Schuhs aufzubinden;
der aber wird euch taufen im heiligen Geist."
15-17:
sa afar mis gagganda.
swinþoza mis ist cf.
Mt 3,11b: qui
autem post me venturus est[!]
fortior me est
Befremdlich ist an dieser Stelle die Interpunktion unmittelbar hinter
dem Subjekt. Aus meiner Sicht liegt der Übersetzung tatsächlich
ein völlig anderes Verständnis zugrunde, und zwar in der gesamten
wörtlichen Rede des Täufers Johannes:
Aþþan ik in watin izwis daupja:
= Doch
ich taufe euch im Wasser.
iþ sa afar
mis gagganda.
= Aber
jener kommt nach mir:
swinþoza mis ist
= Stärker
als ich ist [derjenige,]
þizei ik ni im wairþs anahne[i]wands:
* =
dessen ich [selbst] bückend nicht wert
bin.
andbindau skaudaraip skohis is:
= Ich würde
die Gamasche seines Schuhs lösen.
sah þan izwis daupeiþ in ahmin weihamma:
= Jener
tauft euch dann in heiligem Wasser.
* Konjektur in anahneiwands
nach Mk 1,7.
illum oportet crescere me autem minui
Sein Einfluß soll [sc. fortan]
wachsen,
meiner hingegen schwinden."
Daher [sc. sagte er also] seinen
Jüngern, die mit den Juden über die Reinigung diskutierten und
zu ihm meinten:
rabbi qui erat tecum
trans Iordanen cui tu testimonium perhibuisti
"Rabbi, der Mann, der dich am anderen
Jordanufer aufsuchte und auf den du als Zeuge hingewiesen hast,
ecce hic baptizat et omnes veniunt ad eum. respondit
Iohannes et dixit non potest homo accipere quicquam nisi fuerit ei datum
de caelo
der tauft jetzt auch, und alle gehen zu ihm!"
...
HEMPEL (1966:156ff.): ...
weil sie noch nicht wußten das über den Heiland, deswegen belehrt
er sie sprechend:
"jener muß
wachsen, ich aber abnehmen." Aber der
Plan bezüglich seiner war nämlich für kurze Zeit brauchbar,
IVb und
vorbereitend die Seelen der Getauften übergab er sie der Verkündigung
des Evangeliums:
doch die Lehre des Herrn anfangend von Judäa
breitete sich auch aus über die ganze Welt, zu jedem sich verbreitend
bisher und zunehmend, alle Menschen (G.) zur Erkenntnis Gottes ziehend,
15-21: inuh þis jah skeirs wisandei
mikilduþs fraujins
wulþaus kannida qiþands: Sa iupaþro qimands ufaro allaim
ist:
Da hinter dem Partizip ein Kolon steht und überdies eine Konjunktion
ausbleibt:
Aufgrunddessen und weil die Größe des Herrn offensichtlich
war, kündete er von der Herrlichkeit, indem er sagte:
"Der Herabkommende ist über allen"
[sc. Dingen = 'über allem'].´
3,31b qui de caelo venit supra omnes
est
Man beachte besonders das unterschiedliche Verständnis des ersten
Halbsatzes bei DIETRICH:
Deswegen that er auch deutlich bleibend die Grösse
des Herrn der Herrlichkeit kund mit den Worten:
"Der von oben kommt,
ist über allen".
und BENNETT:
And therefore, the greatness of the Lord´s
glory being clear indeed,
he proclaimed the words "he
who comes from above is above all".
Während DIETRICH also skeirs
wisandei auf den Sprecher (also auf Jesus) bezieht, bringt BENNETT
das Partizip in Beziehung zur mikilduþs
Gottes. Zu DIETRICHs Fehlinterpretation mag beigetragen haben, daß
in dem zugrundeliegenden (STREITBERG-)Text
mikilduþ
fälschlicherweise endungslos steht und somit als Akkusativ aufzufassen
gewesen wäre.
Von beiden Übersetzungen wiederum unterscheidet sich meine eigene
durch den partitiv aufgefaßten Genitiv wulþaus
als Objekt zu kannjan statt als Attribut
zu fraujins,
das selbst schon ein Genitiv ist.
b 22 - c 15 SCHÄFERDIEK
Nicht daß er grundlos kundgetan hätte, daß er von
oben ist – vielmehr bezeichnete er auch die ebenso umfangreiche Größe
seiner Macht, IVc indem
er sagte, er (= Christus) sei himmlischer Herkunft und komme von
oben, er selbst (= Johannes) aber sei irdischer Herkunft und rede
von der Erde. Weil er von Natur ein Mensch war, der entweder ein Heiliger
oder ein Prophet war und für die Gerechtigkeit zeugte, war er jedoch
von der Erde und redete (zugleich) [jah
= adversatives kai] aus geisthafter Natur: ...
Gotisch *waurdahs
entspricht griechischem logikós und dürfte eine Lehnbildung
sein. Die Übersetzungen sehen in us waurdahai
wistai in der Regel einen weiteren Zug der Beschreibung des
Täufers als irdisch. Das entspricht jedoch sicher nicht dem, was der
Kommentator sagen will. Es geht ihm um eine Einschränkung des irdischen
Wesens des Täufers, die gegeben ist, weil er nicht schlichtweg Mensch,
sondern Heiliger oder Prophet ist. (soweit SCHÄFERDIEK).
Gleiche Passage HEMPEL
(1966:158):
Nicht daß er ihn als den höher Seienden
ohne Grund verkündet hätte, sondern er zeigte auch die Größe
seiner Macht als so groß auf IVc
und
ihn himmelentstammt und von ober her gekommen nennend (statt: nannte
er), aber sich als erdenentstammt und von der Erde her redend, deswegen
weil er dem Wesen nach Mensch war: sei es, daß er ein Heiliger oder
ein Prophet war und die Gerechtigkeit bezeugend, doch war er von der Erde
und seiner natürlichen ( = menschlichen) Denkart nach redend. Aber
der vom Himmel Gekommene, wenn er auch im Fleische zu sein schien, doch
ist er über allen, "und was er sah und
hörte, das bezeugt er, und sein Zeugnis nimmt niemand auf".
PETERSEN: Und
das[, was] er [sc. dort {= im Himmel}] gesehen
und gehört hat, das kann er eidesstattlich versichern;
doch
keiner akzeptiert seinen Stellvertreterstatus
(eigentlich Parallelismus von *zeug-n-):
IVc 20-24:
jah
þatei gasa(·) jag gahausida þata weitwodeiþ
: jah þo weitwodida is
ni ainshun nimiþ:
Jn 3,32:
et quod vidit et
audivit hoc testatur
et testimonium eius
nemo accipit
kaì hò heó:raken kaì é:kousen
toûto martyreî,
kaì tè:n martyrían autoû oudeìs
lambánei
IVd HEMPEL
(1966:158f.):Und wenn er auch vom Himmel auf
die Erde wegen des Planes bezüglich der Menschen kam, gleichwohl war
er nicht desto mehr irdisch noch von der Erde her redend, sondern himmlische
Geheimnisse mitteilend, die er sah und hörte (Plq.) beim Vater.
Dieses wurde nun aufgezeigt von Johannes nicht deswegen allein, damit er
des Herrn Größe verkündete, sondern zu kennzeichnen und
zu widerlegen den gottosen Streit des Sabellius und Markellus, die sich
erkühnten,
einen zu nennenVater und den Sohn. Aber der andere
(oder: ein anderer) Priester(?) ...
Vb
5,21 sicut enim Pater suscitat mortuos et vivificat
sic et Filius quos vult vivificat
Denn wie der Vater die Toten auferweckt
und ihnen das Leben gibt, so gibt auch der Sohn das Leben, wem er will.
5,22 neque enim Pater iudicat quemquam sed iudicium
omne dedit Filio
Auch seine ganze richterliche Macht hat der
Vater dem Sohn übergeben;
er selbst spricht über niemanden das
Urteil.
STUTZ (1966:65f.): "Nicht
nämlich der Vater nicht richtet irgendeinen, sondern das Gericht alles
übergab er dem Sohne."
Wenn (es) nun einer und derselbe wäre, gemäß
des Sabellius Aussage, mit verschiedenen Namen bezeichnet,
wie (zu) richten und nicht (zu) richten
Vc dieser
selbe vermöchte? Nicht nämlich nur der Namen Abwandlung zweier
Personen Unterschied bezeichnet, sondern viel mehr des Wirkens Anzeichen
: Den-einen-von-beiden nämlich niemanden richtend, sondern verleihend
dem Sohne des Gerichtes Vollmacht. Und dieser empfangend vom Vater diese
Ehre und alles Gericht nach jenes Willen vollziehend, "damit
alle ehren den Sohn so wie sie ehren den Vater."
Sollen nun alle wir bei derartiger und so deutlicher
Aussage Gott dem Ungeborenen erstatten die Ehre
Vd
und dem eingeborenen Sohne Gottes Gott-zu-sein zuerkennen. Darum (wollen
wir als) Glaubende die Ehre nun jedem-von-beiden erweisen nach Würdigkeit,
denn das Gesagte - "daß alle ehren den
Sohn so, wie sie ehren den Vater" - nicht
gleiche sondern ähnliche Ehre (zu) erweisen uns lehrt. Und (er)
selbst der Erlöser für die Jünger betend zum Vater sprach:
"daß
du sie liebst, so wie du liebst mich." Nicht
ebensolche Liebe, sondern ähnliche bezeichnet er.
STUTZ kommentiert (1966:67): Die Textprobe soll
vor allem zeigen: ...
Das Textstück enthält
dogmatische Terminologie, nämlich die Begriffe der Gleichheit und
Ähnlichkeit, die einander konfrontiert werden.
galeiks ,"ähnlich"
übersetzt in der Bibel 'hómoios', ibna "gleich" übersetzt
dort 'ísos'; während ibnaleiks ,"gleichgestaltig, gleichartig"
dort nicht vorkommt und hier offenbar 'homooúsios' vertritt. Nur
der >Skeireins< gehört auch die Vokabel anþarleikei
,"Andersartigkeit" an, ebenso das in der Trinitätslehre so wichtige
Partizip unbaurans ,"ungeboren".
Aus dem Johannesevangelium stammt
ainabaur
= monogenés = unigenitus, ist dort aber, da die betreffenden
Stellen im C. A. fehlen, nicht überliefert. Sabellius
ist einer der beiden Theologen, die polemisch erwähnt werden (gest.
um 260), weil sie ainana anananþidedun qiþan attan jah sunu
,"sich erkühnten,
einen zu nennen Vater und Sohn". (Neben Sabellius
wird Marcellus von Ankyra erwähnt, 4. Jh.). Sabellius hatte die Einpersönlichkeit
Gottes vertreten, das zitierte Textstück nimmt Bezug auf seine Auffassung,
daß Gott
ein Wesen unter verschiedenen Namen sei.
5,23 ut omnes honorificent Filium sicut honorificant
Patrem
5,23 Denn alle sollen den Sohn ebenso ehren
wie den Vater.
qui
non honorificat Filium non honorificat Patrem qui misit illum
Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat.
24) Amen, ich versichere
euch: Alle, die auf mein Wort hören und dem glauben,
der
mich gesandt hat, haben das ewige Leben.
Sie kommen nicht mehr vor Gottes Gericht; sie
haben den Tod schon hinter sich gelassen
und das unvergängliche Leben erreicht.
25) Amen, ich versichere euch: Die Stunde kommt
- ja, sie ist schon da -, daß die Toten die Stimme des Gottessohnes
hören werden; und wer sie hört, wird leben.
26) Wie der Vater der Geber des Lebens ist, so
hat er auch dem Sohn Macht verliehen, Leben zu geben.
27) Und er hat dem Sohn die Macht verliehen,
Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist.
28) Wundert euch nicht darüber! Die
Stunde kommt, da werden alle Toten in den Gräbern seine Stimme hören
29) und ihre Gräber verlassen. Alle, die
Gutes getan haben, werden auferstehen, um das Leben zu empfangen;
und die Böses getan haben, um verurteilt
zu werden.
30) Eigenmächtig kann ich nichts tun, sondern
ich entscheide als Vermittler so, wie ich den Vater entscheiden höre.
Mein Urteil ist angemessen; und ich setze nicht meinen eigenen Willen durch,
sondern den Beschluß dessen, der mich geschickt hat.«
31) »Wenn ich für mich selbst als
Zeuge auftreten wollte, hätte meine Aussage keine Beweiskraft.
32) Es gibt einen anderen Zeugen, der für
mich aussagt; und ich weiß, daß er die Wahrheit über mich
sagt.
33) Ich meine damit nicht Johannes. Ihr habt
Boten zu ihm geschickt, und er ist als Zeuge für die Wahrheit eingetreten.
34) Ich brauche aber keinen Menschen als Zeugen;
auf Johannes verweise ich nur, weil ich möchte, daß ihr gerettet
werdet.
VIb
5,36
ego autem habeo testimonium maius Iohanne opera enim quae dedit mihi Pater
ut perficiam ea ipsa opera
5,36
Ich habe den Beweis auf meiner Seite, der die Aussage von Johannes weit
übertrifft, [nämlich] die Taten meines Vaters,
quae ego facio testimonium
perhibent de me
quia Pater me misit
die ich in seinem Auftrag
vollenden soll. Sie sprechen für mich und bestätigen, daß
mein Vater mich geschickt hat.
14-16:
iþ attins þairh meina waurstwa
weitwodei: ...
Doch durch meine Taten (kann) das Zeugnis des Vaters
euch ein unanfechtbares Wissen vermitteln
Man beachte die unterschiedliche Gewichtung
bei DIETRICH: Aber des Vaters Zeugnis, durch
meine Werke ganz erhaben über die Predigt der Menschlichkeit des Johannes,
vermag euch eine unbestreitbare Kenntnis zu gewähren.
und BENNETT: But through My deeds the testimony
of the Father, beyond all the human argument of John,
can provide you with indisputable knowledge ...
VIc
5,37 et qui misit me Pater ipse testimonium perhibuit
de me
5,37 Der Vater selbst, der mich geschickt hat,
hat mich mit diesen Taten legitimiert.
neque vocem eius umquam audistis
neque speciem eius vidistis
Ihr habt seine Stimme niemals
gehört und seine Gestalt nie gesehen.
VId 4-12
= Jn
5,37b/38
nih
stibna is (·)anhun gahausideduþ
nih siun is gase(·)uþ.
"Weder habt ihr seine Stimme jemals gehört,
noch habt ihr seine Gestalt gesehen.
jah waurd is ni habaiþ
wisando in izwis: þande þanei
insandida jains. þammuh jus ni galaubeiþ:
Und ihr habt sein Wort nicht bleibend in euch,
denn welchen jener gesandt hat, dem glaubt ihr nicht."
5,38 et verbum eius non habetis in vobis manens
5,38 Auch sein Wort [sc. in den Heiligen
Schriften {= des AT}] nützt euch nichts mehr,
quia quem misit ille huic vos
non creditis
weil ihr demjenigen, den er
geschickt hat, kein Vertrauen entgegenbringt.
21-23 = Jn 6,9
akei þata (·)a ist du swa managaim:
Aber was hilft das bei so vielen Leuten?
sed haec quid sunt inter tantos
= "Aber was ist das [schon im
Vergleich] zu so vielen?"
Zur Übersetzung der Präposition cf. DIETRICH:
"Doch was ist das bei so vielen?"
und BENNETT:
"But what is that for so many?"
(Die gotische Wortfolge erweckt den Anschein, als sei akei
þata* eine Art Casus pendens
;
man sollte erwarten *akei (·)a ist
þata du managaim)
VIIb
6,10 dixit ergo Iesus facite homines discumbere
erat autem faenum multum in loco
6,10 "Sorgt dafür, daß die Leute sich
hinsetzen", sagte Jesus; denn dort wuchs viel Gras.
discubuerunt ergo viri numero
quasi quinque milia
Also ließen sie sich
nieder; allein an Männern waren es ungefähr 5000.
6,11 accepit ergo panes Iesus et cum gratias egisset
distribuit discumbentibus
6,11 Jesus nahm die Brote, sprach dafür
das Dankgebet und verteilte sie an die Menge.
similiter
et ex piscibus quantum volebant
Mit
den Fischen machte er dasselbe, und alle hatten üppig zu essen.
VIIc 2-7,
eine freie Wiedergabe von Jn 6,13 und Lk 9,17:
afar þatei matida so managei
bigitan was þizei hlaibe :ib: tainjons
fullos
þatei aflifnoda:
Nachdem die Menge gegessen hatte, wurden dieser
Brote 12 Körbe voll [mit dem,] was übriggeblieben war, gefunden.
Man vergleiche übrigens den unterschiedlichen syntaktischen Bezug
von fulls
bei DIETRICH:
Nachdem die Menge gegessen hatte, wurden von
den Broten 12 volle Körbe gefunden an dem, was übrig geblieben
war.
Und BENNETT: After the multitude had eaten, it
was got hold of 12 baskets full of those loaves that had been left over.
tainjo (Weidenkorb
= kóphinos = cophinus = zeinna = teinur) zu tains
(Zweig, dies zu zwei, also Gegabeltes)
von den Juden zum Warmhalten der Speisen verwendet,
später dann auch ein dem Inhalt entsprechendes Mengenmaß von
etwa 7½ Litern. Die Hinterlassenschaft beträgt also circa 90
Liter.
VIId 4-10:
6,12 ut autem impleti sunt dixit discipulis suis
colligite quae superaverunt fragmenta ne pereant
6,12 Als sie satt waren, sagte er zu seinen Jüngern:
"Sammelt die Brotreste auf, damit nichts vergeudet wird!"
6,13 collegerunt ergo et impleverunt duodecim
cofinos fragmentorum
6,13 Sie kamen der Aufforderung nach und füllten
12 Körbe mit den Resten;
ex
quinque panibus hordiaciis quae superfuerunt his qui manducaverunt
denn
so viel war von den 5 Gerstenbroten übriggeblieben.
jah anþarans
gamaudida gaumjan
þatei is was sa sama
saei in auþidai .m. jere attans
ize fodida:
und die anderen mahnte er zu beachten, daß
er derselbe wäre, welcher in der Ödnis 40 Jahre ihre Väter
speiste.
16-17 ist überdies abhängig von der Konjunktion: (= Jn
6,12b)
galisiþ þos aflifnandeins
drausnos
ei waihtai ni fraqistnai:
"Sammelt die verbliebenen Krümel
[auf, auf] daß nichts verdirbt [oder: vergeudet
wird]!"
11-15: Galiþun þan þai andbahtos
du þaim auhumistam gudjam jah fareisaium:
7,45a Venerunt ergo ministri ad pontifices
et Pharisaeos
[Es] kamen also
die Beamten zu den Hohepriestern und Pharisäern.
17-18: du(·)e ni
attauhuþ ina:
7,45b quare non adduxistis eum
"Warum habt ihr ihn nicht hergeschleppt?"
Ein merkwürdiger Fall liegt vor in VIIIa,19-25 (= Jn 7,46)
wo Interpunktion und Modus widersprüchliche Hinweise auf das Satzverständnis
liefern: Das Kolon hinter qiþandans
(oder besser: vor þatei) deutet
auf
indirekte, der Indikativ rodida
hingegen auf direkte Rede: Andhofun þan
þai andbahtos qiþandans: þatei ni (·)anhun aiw
rodida manna swaswe sa manna:
(unter Berücksichtigung der Interpunktion:)
Es hoben dann die Beamten
an und sagten,
daß zu keiner Zeit ein
Mann geredet hatte wie dieser.
(unter Berücksichtigung des Modus:)
Es
hoben dann die Beamten an und sagten dies:
"Zu
keiner Zeit hat ein Mann so geredet wie dieser".
responderunt ministri
numquam sic locutus
est homo sicut hic homo
VIIIb 25-c,5:
ibai
jah jus afairzidai siuþ:
sai jau ainshun þize reike galaubidedi
imma aiþþau þize fareisaie:
"Seid etwa auch ihr irregeführt? Seht, ob [auch nur] einer jener
Herrscher ihm geglaubt hat oder [einer] jener Pharisäer!"
7,47 responderunt ergo eis Pharisaei numquid
et vos seducti estis
Zumeist wird galaubjan in christlichem
Kontext gesehen, cf. DIETRICH:
"Seid denn auch ihr verführt? Seht, ob einer
der Obersten an ihn geglaubt hat, oder einer der Pharisäer."
oder BENNETT:
"Are you also seduced? Behold, has anyone of
those rulers or of the Pharisees believed in him?"
7,47 "Ihr habt euch also auch von ihm täuschen
lassen!" sagten die Pharisäer.
7,48 "Gibt es denn unter den Mitgliedern des
Rates oder den Pharisäern einen einzigen, der seinen Anspruch ernst
nimmt?
VIIIc 2-5:
sai
jau ainshun þize reike galaubide di imma. aiþþau þize
fareisaie:
"Seht, ob [etwa] einer jener Herrscher an ihn geglaubt hat -
oder [einer] jener Pharisäer."
cf. Jn 7,48:
numquid aliquis ex principibus credidit in eum aut ex Pharisaeis
22-25:
jah qiþandin im: [-]
Ibai witoþ unsar stojiþ mannan.
(finit:)
... und ihnen gesagt hatte, ob etwa unser Gesetz
einen Menschen richtet (verbatim)
cf. DIETRICH: ... und zu ihnen gesprochen
hatte: "Richtet denn unser Gesetz einen Menschen"
und BENNETT: ... and said to them:
"Does our law judge a man?"
(siehe auch b,22
- c,1
und d,21-24)
7,49 sed turba haec quae non novit legem maledicti
sunt
7,49 Die Menge tut es. Sie kennt Gottes Gesetz
nicht und steht deshalb unter seinem Fluch."
7,50 dicit Nicodemus ad eos ille qui venit ad
eum nocte qui unus erat ex ipsis
7,50 Da sagte Nikodemus, der selbst Pharisäer
und Ratsmitglied war und der Jesus früher einmal aufgesucht hatte:
7,51 numquid lex nostra iudicat hominem nisi audierit
ab ipso ...
7,51 "Ist es nach unserem Gesetz möglich,
einen Menschen zu verurteilen, ohne daß wir ihn verhört haben?
prius et cognoverit quid faciat
Erst muß doch festgestellt werden, ob er
sich strafbar gemacht hat."
VIIId 1-5:
At
jainaim qiþandam þatei ni ainshun þize reike jah fareisaiei
galaubida:
Der Indikativ galaubida weist auf
Oratio
recta, dem Dativus absolutus (jainaim
qiþandam) entspricht für gewöhnlich der Genitivus
absolutus im Griechischen, also mit DIETRICH:
obwohl jene sagten: "Nicht
einer der Obersten und Pharisäer hat geglaubt", ...
und BENNETT: When they
said "Not one of the rulers and Pharisees has believed"...
22-24: iba jah þu us galeilaia is.
"Bist etwa auch du aus Galiläa?"
7,52 responderunt
et dixerunt ei numquid et tu Galilaeus es
=
... ob auch du ein Galiläer bist
7,52 "Du kommst anscheinend auch aus Galiläa",
erwiderten sie.
scrutare
et vide
quia propheta a Galilaea non surgit
"Lies
[sc.
die Heiligen Schriften]
genauer, dann wirst du sehen, daß der erwartete
Prophet nicht aus Galiläa kommt."
7,53 et reversi sunt unusquisque in domum suam