Es gab noch nie so viel Archäologie wie heute
Interview mit Professor Johannes MüllerMehr als 60 Studiengänge hat derzeit die Universität Kiel im Angebot. Doch welches Fach ist für wen das richtige?Antworten zum Fach Prähistorische und Historische Archäologie gibt Professor Johannes Müller im Gespräch mit Martin Geist.
Johannes Müller, Jahrgang 1960, befasst sich stark mit Sozial- und Landschaftsarchäologie und untersucht besonders die europäische Jungstein- und Bronzezeit. Foto mag
Wir beschäftigen uns mit archäologischen Funden von der Entstehung des Menschen vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren bis in die Neuzeit. Dabei geht es nicht nur um ästhetisch ansprechende Hinterlassenschaften, sondern um alles, was Aufschluss darüber gibt, wie die Menschen zur betreffenden Zeit gelebt haben. Grundsätzlich ist die Prähistorische und Historische Archäologie, die in Kiel bisher unter Ur- und Frühgeschichte firmierte, weltweit orientiert – mit Ausnahme des von der Klassischen Archäologie bearbeiteten Einflussbereichs der antiken Römer und Griechen. Wir in Kiel beschäftigen uns stark mit Südskandinavien, Mitteleuropa und Südosteuropa.
Die Studierenden lernen außer durch universitäre Kurse und Seminare auch durch Lehrgrabungen und Feldbegehungen das praktische archäologische Handwerk. Eine ganz große Rolle spielen Naturwissenschaften, die oft nötig sind, um Fundstücke auszuwerten oder Aussagen über frühere Umweltverhältnisse zu treffen. Prähistorische und Historische Archäologie ist eine Kulturwissenschaft, die in der Methodik sehr viele naturwissenschaftliche Verfahren integriert hat. Eine Besonderheit gegenüber anderen Unistandorten ist, dass unser Fach hier in Kiel als Ein- und Zwei-Fach-Bachelor studiert werden kann. Natur- und geisteswissenschaftliche Anteile halten sich in der Praxis ungefähr die Waage, wobei im Einzelfach-Studiengang der naturwissenschaftliche Anteil noch einmal deutlich größer ist.
Welche Berufe stehen Nachwuchskräften in Prähistorischer und Historischer Archäologie offen?
Traditionelle Arbeitgeber sind die Landesämter für Bodendenkmalpflege und Museen. Privatfirmen, die Grabungen vornehmen, werden außerdem immer wichtiger. Das liegt daran, dass inzwischen das Verursacherprinzip gilt, wenn auf größeren Baustellen archäologische Funde beeinträchtigt werden. Die jeweiligen Bauherren müssen das Material dann in eigener Regie erfassen lassen. Aus diesem Grund und wegen des starken öffentlichen Interesses gilt: Es gab noch nie so viel Archäologie wie heute. Genauso zur Wahrheit gehört aber: Berufsanfänger müssen sich immer mehr auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Form von befristeten Verträgen oder freier Mitarbeit einlassen.
Gibt es typische Missverständnisse, denen Studienanfängerinnen und -anfänger in Prähistorischer und Historischer Archäologie aufsitzen?
Das ist sicher die Annahme, Archäologie sei im Wesentlichen Ausgraben. Tatsache ist, dass der Alltag zu zehn Prozent aus Feldarbeit und zu 90 Prozent aus Auswertung am Schreibtisch oder im Labor besteht.
Wie sind Sie selber zur Prähistorischen und Historischen Archäologie gekommen?
Ich bin schon als Jugendlicher über die Äcker meiner nordhessischen Heimat gelaufen, um archäologische Sachen zu suchen. Wir hatten sogar eine richtige Jugendgruppe gegründet, um dieses Hobby zu pflegen. Irgendwann einmal fielen wir Archäologen auf, die uns dann bei ihren Grabungen mitmachen ließen. Bis zum Studium gerieten diese Erfahrungen dann aber zunächst etwas in Vergessenheit. Ich studierte Archäologie anfangs im Nebenfach, merkte dann aber gleich im ersten Semester: Das ist es.
Mehr über das Studium:
- Studieninformationsblätter Prähistorische und Historische Archäologie
- Fach-Guide »Prähistorische und Historische Archäologie«
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