Aus:
uni.vers Das Magazin der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Heft1 1/Mai 2001, 14f.
Im Jahre 1888 v.Chr. ... Bamberger graben in Großpolen
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Nicht die Suche nach "wertvollen" Objekten, sondern das multidisziplinäre Managen von Grabungs- und Forschungsprojekten bestimmt heutzutage die archäologische Forschung. Dabei sind zahlreiche
wissenschaftliche, vor allem auch naturwissenschaftliche Disziplinen beteiligt. Archäologie ist also eine Wissenschaft, bei der die scheinbare Grenze zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen überschritten wird.
Ober- und Unterdorf: Metallwerkstatt und Feuchtbodenerhaltung
Nicht anders ergeht es dem Kieler Team, das in Zusammenarbeit mit der Universität Poznan eine bronze-zeitliche Fundstelle in Großpolen ausgräbt: das ca.150 km östlich Berlins gelegene Bruszczewo. Drei räumliche Areale bilden die ursprüngliche Siedlung: erstens die unter Mineralbodenbedingungen erhaltenen Aunjetitzer und Lausitzer Siedlungshinterlassenschaften eines erhöht, auf einem Sporn positionierten "Oberdorfes"; zweitens der breite Graben mit der frühbronzezeitlichen Doppelpalisade, die diesen Landsporn vom unbesiedelten "Hinterland" abtrennt, drittens die frühbronzezeitlichen Siedlungsreste im tieferliegenden Torf des
Samica-Feuchtgebietes, die Feuchtbodenerhaltung aufweisen.
Der zentrale Siedlungssporn wird durch Gruben und Pfostensetzungen charakterisiert, die vielfältige prähistorische Aktivitäten dokumentieren. Schlackefunde, Tondüsen und Gussformen weisen auf eine bedeutende frühbronzezeitliche Metallwerkstatt hin.
Die erwähnte frühbronzezeitliche Palisade wurde in einem über 4m tiefen Graben aufgedeckt. Brandspuren belegen mehrere Brandkatastrophen mit entsprechenden architektonischen Erneuerungen, so dass eine komplexe Stratigraphie vorliegt. Der 11m breite Graben wurde durch kolluviale Vorgänge ab der mittleren Bronzezeit im Rahmen der Lausitzer Siedlungsaktivitäten verfüllt. Unterschiedliche Niveaus Lausitzer Scherbenpackungen ermöglichen eine vertikalstratigraphische Einordnung der Lausitzer Keramiken.
Im Randbereich der Kuppe kamen Ufersedimente zum Vorschein, die mit Holz- und Lehmestrichresten eine bisher für Aunjetitzer Verhältnisse nicht bekannte Feuchtbodenüberlieferung darstellen. Reichhaltige Schichten mit frühbronzezeitlichen Keramiken, Holzabfällen, organischen Resten und Pfostensetzungen markieren
Siedlungsaktivitäten im Uferbereich des ehemaligen Gewässers. Eichen und Eschenpfosten belegen Siedlungsaktivitäten in einem "Unterdorf". Darüber hinaus verdeutlicht die Vertikalstratigraphie verschiedene frühbronzezeitliche
Ereignisse: U.a. bildet eine äußerst fundreiche Brandschicht oberhalb der Estrichreste Hinweise zu einem
katastrophalem Ereignis, das sicherlich eine gewaltsame Zerstörung der Verteidigungsstruktur betrifft.
In der näheren Umgebung dieser Siedlung befindet sich ein reicher Depotfund (u.a. mit Bernstein) und ein sogenannter "Fürstengrabhügel", in dem u.a. goldene Objekte gefunden wurden.
Auf der Ausgrabung kommen neben Archäologen unterschiedlichste Wissenschaftler zum Einsatz: Pollenanalytiker, Geobotaniker,
Sedimentologen, Dendrochronologen und Informatiker. Die Feuchterhaltung der Sedimente ermöglicht u.a. eine Rekonstruktion von anthropogen beeinflussten Vegetationsveränderungen und bronzezeitlichen Umweltbelastungen. Die räumlichen Bezüge zwischen "Ober- und Untersiedlung" belegen soziale Unterschiede, die sicherlich im Zusammenhang mit den reichen Grab- und Depotausstattungen der Umgebung stehen.
Wie alt ist die Siedlung?
Eine Frage, die natürlich bereits zu Beginn einer mehrjährigen Grabung äußerste Spannung versprach: die
Datierung. Während einerseits eine Ansprache der Keramikfunde eine mehrphasige Besiedlung in der frühen und
mittleren Bronzezeit nahelegt, konnte andererseits in einer Zusammenarbeit mehrerer Labors mit Hilfe
naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden eine jahrgenaue Datierung der Befunde erreicht werden. Eichen- und
Eschenfunde ermöglichen mit Hilfe der Jahrringdatierung eine jahrgenaue Datierung. Allerdings ist dies nur möglich, wenn eine regionale Jahrringkurve vorliegt. Dies ist für den betreffenden Zeitraum leider noch nicht der Fall. Daher war es nötig, mithilfe von Radiokarbondatierungen erst eine relativ sichere Datierungsspanne für die Pfosten vorzugeben, um dann die lokale Jahrringsequenz der Fundstelle in die mitteleuropäische Eichenkurve einzupassen.
Entsprechend nahmen die Dendrolaboratorien der Universität Bamberg und des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin Messungen und Holzbestimmungen vor, über die eine relative Datierung der Pfosten zueinander vorgenommen wurde. Ergebnis: Die in der Sommerkampagne 2000 ergrabenen Architekturreste stammen alle aus einem Jahr. Es wurde schließlich ein Pfosten mit 78 Jahrringen selektiert, um im Radiokarbonlaboratorium der Universität Erlangen den inneren und äußeren Jahrring datieren zu lassen. Die Ergebnisse wurden schließlich vom 14C-Laboratorium der Universität Köln einem sogenannten "wiggle-matching" unterzogen, das eine noch genauere Datierung ermöglichte: danach wurde die Baukonstruktion im 19. vorchristlichen Jahrhundert
vorgenommen. Schließlich konnte das Dendrolabor der Universität Stuttgart-Hohenheim mit Hilfe dieser Informationen den Pfosten in das Jahr 1888 oder 1814 v.Chr. datieren: die Wachstumsraten großpolnischer Bäume entsprechen in überraschendem Maße der süddeutschen Eichenkurve, da eher kontinentale und nicht atlantische Klimazeiger beide Regionen dominieren.
Die Datierungsfrage ist also fast geklärt, - allerdings brauchen wir noch mehr Pfosten für eine verlängerte
Jahrringsequenz der Fundstelle Bruszczewo, die bei der diesjährigen Sommergrabung sicherlich gefunden werden. Damit ist Bruszczewo nördlich des südwestdeutsch-oberschwäbischen Fundgebietes die erste frühbronzezeitlichen Siedlung, für die wir eine absolutchronologische Fixierung über Dendrodaten vornehmen können.
Konsequenz: Geschichte wird in Mitteleuropa geschrieben
Die Zeiten haben sich verändert. Nicht mehr der Blick in Gebiete mit geschriebener Geschichte (Mesopotamien, Ägypten, Griechenland) ermöglicht die absolutchronologische Datierung mitteleuropäischer Funde. Stattdessen kennen wir seit ca. 15 Jahren aus Mitteleuropa jahrgenaue Datierungen als Ergebnis der mitteleuropäischen Archäologie, die den antiken Überlieferungen in ihrer Sicherheit überlegen sind. Damit richtet sich der Blick immer stärker auf europäische
Feuchtbodensiedlungen, - und davon kennen wir eine aus Brusczcewo: Mit diesen neuen Datengerüsten werden auch Ereignisse im südosteuropäischen und mediterranen Raum überprüfbar sein.