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Nr. 27, 08.01.2005  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Nutzen berechnen

Der Kieler Finanzwissenschaftler Professor Christian Seidl ist Mitherausgeber eines Handbuchs zur Nutzentheorie. Das Fachbuch gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft. Der zweite Band ist 2004 herausgekommen.


Was kann ich mir leisten? Konsumentscheidungen können Wirtschaftswissenschaftler mit Hilfe der Nutzenfunktion analysieren.

»Wenn Sie in der Wüste sind, dann ist das erste Glas Wasser, das Sie trinken, sehr wertvoll, das zweite schon ein bisschen weniger, und beim zehnten sagen Sie vielleicht, das brauche ich im Moment nicht mehr. Der Grenznutzen, das heißt der zusätzliche Nutzen nimmt ab.« Mit diesem Beispiel erklärt Professor Christian Seidl vom Institut für Volkswirtschaftslehre eine Besonderheit der Nutzenfunktion, den sinkenden Grenznutzen. Das heißt, wenn man eine zusätzliche Einheit von irgendetwas bekommt, nimmt zwar der Gesamtnutzen zu, aber der zusätzliche Nutzen nimmt ab. Ein wirtschaftliches Gut ist seinem Erwerber um so wichtiger, je nützlicher oder notwendiger und zugleich je knapper es ist. Diese Zusammenhänge werden in einer mathematischen Formel abgebildet, der Nutzenfunktion. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass Individuen eine Maximierung ihres persönlichen Nutzens anstreben. Das ist die Nutzentheorie.

Die Nutzentheorie wird schon seit über 150 Jahren in der Wirtschaftstheorie genutzt, um das Verhalten von Haushalten oder Individuen zu erklären. Dabei geht man davon aus, dass die Entscheidung nach einer Präferenzordnung gefällt wird. »In der Regel ist es so, dass es eine bestimmte Anzahl von Entscheidungsalternativen gibt, und wir wählen die beste. Und wenn die beste wegfällt, die zweitbeste, usw.«, so der Finanzwissenschaftler. Diese Präferenzordnung wird in der Nutzenfunktion mathematisch abgebildet.

Diese Nutzenfunktion könnte theoretisch dafür angewendet werden, um Konsumentscheidungen zu ermitteln. Seidl: »Wie die Funktion direkt aussieht, ist allerdings schwer festzustellen, weil jeder Mensch andere Präferenzen hat. Das heißt, man nimmt an, es gibt eine solche Funktion und die Bedingungen lassen sich ableiten. Wenn ich das Verhalten eines konkreten Menschen beschreiben möchte, müsste ich dessen Präferenzen in der Nutzenfunktion ableiten. Das kann man aber nicht für alle Menschen festlegen.«

Ein anderes Anwendungsgebiet sind Verteilungsfragen. »Man nimmt vielfach die Nutzenfunktion zu Hilfe, um zu entscheiden, wer eine zusätzliche Besteuerung verkraftet und wer Transferleistungen vom Staat erhalten sollte. Wenn derjenige, dem ich Geld wegnehme, einen geringeren Grenznutzen hat, als derjenige, dem ich etwas gebe, dann kann ich die soziale Wohlfahrt verbessern.« Sprich: Wem tut eine zusätzliche steuerliche Belastung am wenigsten weh?

Voraussetzung dafür ist, dass die Nutzenfunktion eine spezielle Eigenschaft hat. »Sie muss interpersonell vergleichbar sein. Das heißt, sie muss Nutzengewinne und Nutzenverluste verschiedener Personen vergleichen können, was explizite Werturteile, welche der Nutzenfunktion von außen vorgegeben werden müssen, erfordert. Daher wird diese Eigenschaft von einem Teil der Wissenschaft bestritten.«

Der aktuelle Stand der Wissenschaft zur Nutzentheorie, Anwendungsmöglichkeiten und offene Fragen sowie Argumente der Kritiker werden in dem auf drei Bände angelegten ›Handbook of Utility Theory‹ sehr detailiert dargestellt. Das Buch entstand in internationaler Zusammenarbeit. Herausgeber sind neben Christian Seidl Professor Salvador Barberà von der Universitat Autònoma in Barcelona, Spanien, und Peter J. Hammond von der Stanford University, USA. Band 1 und 2 sind bereits erschienen, Band 3 ist noch in Arbeit.
Salvador Barberà, Peter J. Hammond, Christian Seidl (Hg.): Handbook of Utility Theory. Kluwer Academic Publishers, Boston. 1998, 2004.
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