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Nr. 27, 08.01.2005  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Ein Preuße im Norden

Der Medizinhistoriker Professor Christian Andree hat ein neues Fontane-Buch herausgegeben.


Der Übergang der preußischen Truppen nach Alsen am 29. Juni 1864. Abbildung aus: »Mein skandinavisches Buch – Reisen durch Dänemark, Jütland und Schleswig«

Wer glaubt, von einem so bekannten und großen Dichter wie Theodor Fontane ließen sich 106 Jahre nach seinem Tod keine Erstausgaben mehr herausbringen, der wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Professor Christian Andree, Medizinhistoriker an der Kieler Universität mit Lehrverpflichtungen an den Universitäten in Frankfurt/Oder und Würzburg, legt nun ein neues Buch vor, das zum Meilenstein in der Fontane-Forschung werden könnte oder das schlicht zum Schwelgen in schön geschriebener Reiseliteratur anregt.

»Mein skandinavisches Buch – Reisen durch Dänemark, Jütland und Schleswig« lautet der Titel. In dem Buch findet sich erstmals eine von Fontane selbst komponierte Zusammenstellung von Texten über seine Reisen nach Skandinavien, wobei der Preuße Schleswig ebenfalls dazu zählte. Dabei handelt es sich um Reiseberichte, die Fontane als Journalist zunächst in verschiedensten Zeitungen veröffentlicht hatte. Wie auch bei seinen berühmten »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« hatte er die Artikel zunächst ausgeschnitten und zu einem Büchlein geklebt, wobei er die Texte am Rande mit Anmerkungen versah. Das Buch hatte er seiner Frau geschenkt. Geplant hatte Fontane danach offensichtlich eine Veröffentlichung, zu der es aber bis heute nicht mehr kam.

Andree hatte dieses Dokument einer Liebe Fontanes zum Norden bereits 1964 erworben. Jedoch fand sich bisher niemand, der die Veröffentlichung unterstützte. Nun hat Andree im Kieler Mühlau Verlag und in der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein zwei Partner gefunden, die das Unternehmen finanzierten und möglich machten.

Brisant für die Forschung ist: In seinen Texten münzt Fontane selbst ein Wort August Wilhelm von Schlegels auf sich um: »Die Magnetnadel seiner Natur... zeigt nach Norden«, hatte der aus südfranzösischer Hugenottenfamilie stammende Fontane über sich geschrieben.

»Dass er sich dem Norden so stark verbunden fühlte, war bisher nirgendwo nachzulesen«, sagt Andree. Fontane selbst leitet seinen ersten Bericht über Kopenhagen auch wie folgt ein: »Wenn man‘s nur erwarten kann, so geht einem zuletzt doch alles in Erfüllung... In meinen Jugendträumen stiegen drei Zauberstädte auf: Edinburgh, Stockholm, Kopenhagen.« Hinzu kommt: Die Zusammenstellung gehört nicht, wie sich vermuten ließe, in Fontanes reisejournalistische Phase, die spätestens 1870 beendet war, sondern er hat sie erst spät, nach 1892, vorgenommen. Der sparsame Autor hat als Klebefläche Rückseiten von Blättern genutzt, auf denen er Anmerkungen zu seinem späten Roman »Die Poggenpuhls« notiert hat. »Das zeigt, dass diese Liebe noch glühte, als Fontane mit seiner Phase der Reiseliteratur bereits abgeschlossen hatte«, so Andree, der auch als der größte Sammler von Fontane-Autografen gilt.

Ein halbes Jahr hat Andree an der Veröffentlichung dieses Buches gearbeitet. „Dabei waren vor allem die handschriftlichen und stark verblichenen Randnotizen schwer zu lesen“, berichtet Andree. 1996 verkaufte Andree seine Mitte der vierziger Jahre begonnene Sammlung von 6000 Seiten Fontane-Manuskripten an das Potsdamer Fontane-Archiv. Mit dem Erlös finanzierte er seine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke des Mediziners Rudolf Virchow.
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