Zuckerrübe für den Winter
Leibniz-Preisträger Professor Christian Jung versucht, mit den Methoden der Molekularbiologie eine neue Zuckerrübe zu züchten, die für den Winteranbau geeignet ist.

Zucker ist gleich Zucker, egal ob er aus der Zuckerrübe oder dem Zuckerrohr stammt. Der goldbraune Dicksaft dagegen ist ein typisches Produkt aus der Zuckerrübe – lecker auf Brot oder als aromatische Backzutat. Foto: Bevis Foto/ Majka
Bisher gibt es aber keine Sorte, die für den Winteranbau geeignet ist. Nicht etwa, weil die Zuckerrübe nicht winterhart wäre. Das schon. Aber eine im Herbst gesäte Rübe würde nach dem Winter, wenn die Temperaturen steigen, eine Blüte ausbilden. »Wenn sie Samen macht, geht die ganze Energie in den Spross, und es wird nur noch eine kümmerliche Rübe gebildet. Dann kann man keinen Zucker ernten. Das ist das Problem«, erklärt Jung. Der Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung hat sich daher vorgenommen, einen pflanzlichen Prototyp zu entwickeln, der auf dem Feld nicht mehr schosst. »Es gibt komplett schossresistente Rüben, die überhaupt nicht mehr blühen. Diese stellen jedoch keine Lösung dar, weil man davon kein Saatgut ernten kann.«
Forschungsziel ist vielmehr, Rüben zu züchten, bei denen das Schossen gezielt an- und abgeschaltet werden kann. Im Mittelpunkt der bisherigen Arbeiten steht das so genannte Schossgen der Zuckerrübe. »Das ist ein Gen, das das frühe Schossen bedingt. Wir haben dieses Gen mit molekularbiologischen Methoden auf einem Chromosom der Zuckerrübe lokalisiert. Jetzt klonieren wir dieses Gen, das heißt wir identifizieren die DNASequenz, die für dieses Gen verantwortlich ist. Die zukünftige Arbeit besteht darin, mit diesem Gen, das Schossverhalten gezielt zu beeinflussen«, so Jung. Bis entsprechende gentechnisch veränderte Zuckerrüben angebaut werden könnten, ist jedoch noch ein weiter Weg zurückzulegen. Jung schätzt, dass man in fünf Jahren erste Prototypen haben könnte und vielleicht in zehn Jahren erstes Material für pflanzenbauliche Versuche.
»Wir arbeiten schon einige Jahre daran. Jetzt haben wir auch die finanziellen Möglichkeiten, das mit Macht fortzuführen«, betont der Agrarwissenschaftler, der vor kurzem den höchstdotierten deutschen Forschungspreis, den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2005, erhalten hat. Das Preisgeld in Höhe von 1,55 Millionen Euro steckt der Fachmann für molekulare Pflanzenzüchtung unter anderem in die Arbeiten zum Schossgen der Zuckerrübe. Ebenfalls stärken will er die Arbeiten zur Nematodenresistenz. Das Gen, das bei Zuckerrüben eine Resistenz gegen die Schadwürmer bewirkt, hat seine Arbeitsgruppe bereits gefunden. Jetzt geht es darum, mit Hilfe gentechnischer Verfahren resistente Pflanzen zu erzeugen und sie hinsichtlich ihres Abwehrverhaltens gegenüber dem Schaderreger zu untersuchen.
Ob seine Arbeiten jemals in eine produktivere Landwirtschaft münden, ist jedoch trotz aller Fortschritte in der Forschung fraglich. Denn hierzulande gibt es starke Vorbehalte gegenüber der Gentechnik und speziell gegenüber dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. »Der Anbau von GVOs (gentechnisch veränderten Organismen) ist nach dem neuen Gentechnik-Gesetz der rot-grünen Bundesregierung in diesem Land praktisch nicht mehr möglich, weil die Haftungsrisiken unabsehbar sind.« Kein Anbauer würde dieses Risiko tragen wollen. Dabei gibt es laut Jung »wohl kein Produkt, das so ausgiebig bewertet und beobachtet wird wie GVOs.« Schon vor dem neuen Gentechnik-Gesetz war vorgeschrieben, dass gentechnisch veränderte Pflanzen einer strengen Risikobewertung unterzogen werden müssen. »Nur wenn sicher ist, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht, dürfen sie überhaupt erst im Freiland angebaut werden. Und erst nach einer mehrjährigen ausgiebigen Testphase im Freiland dürfen sie frei vermarktet werden. In dieser Testphase werden alle denkbaren Auswirkungen der GVOs untersucht«, betont Jung. (ne)
Geschützter Zuckermarkt
Der Mindestpreis für eine Tonne Weißzucker liegt in der Europäischen Union zur Zeit bei etwa 632 Euro. Auf dem Weltmarkt dagegen wird die Tonne Weißzucker für 110 bis 280 Euro gehandelt. Der Grund für diese gewaltigen Preisunterschiede liegt in der Zuckermarktordnung der EU und in den deutlich unterschiedlichen Herstellungspreisen von Zucker, je nachdem, wo er herkommt. »Die Zuckererzeugung ist in Europa teurer als in Brasilien, vor allem wegen der hohen Arbeitskosten«, erklärt Professor Christian Jung. »Zuckerrohr ist eine sehr arbeitsintensive Frucht. Arbeitskräfte für den Zuckerrohranbau werden in Ländern wie Brasilien und Thailand sehr schlecht entlohnt.« Vor billigerem Zucker aus Übersee werden Europas Zuckerbauern durch die seit 1968 gültige gemeinsame Zucker-Marktordnung (ZMO) bewahrt, mit einem komplizierten Geflecht aus Quoten und Mindestpreisen, Ausfuhrerstattungen und Exportverpflichtungen, Zöllen und Sonderzöllen.
Bisher wurde die ZMO von den EU-Agrarreformen weit gehend ausgenommen. Doch jetzt wächst der internationale Druck unter anderem durch eine Klage Brasiliens und Australiens bei der Welthandelsorganisation (WTO) gegen den geschützten EU-Zuckermarkt. Die Länder haben auf höhere Einfuhrquoten geklagt, die WTO hat der Klage stattgegeben. Darauf muss die EU reagieren und den Markt öffnen. Der Reformentwurf der EU sieht vor, die Mindestpreise für Zucker in Etappen abzusenken um bis zu 37 Prozent. Auch die Rübenmenge, für die der Garantiepreis gilt, soll drastisch reduziert werden. Jung: »Für die mehr als 50.000 Rübenbauern in Deutschland werden die Einkommen sinken. In vielen Regionen wird der Rübenanbau nicht mehr vorteilhaft sein.« Betroffene Landwirte wehren sich deshalb gegen die geplanten Reformen. Der Winteranbau von Zuckerrüben könnte ein Ausweg sein, da dieser vermutlich eine deutliche Ertragssteigerung mit sich bringt. (ne)
Bisher wurde die ZMO von den EU-Agrarreformen weit gehend ausgenommen. Doch jetzt wächst der internationale Druck unter anderem durch eine Klage Brasiliens und Australiens bei der Welthandelsorganisation (WTO) gegen den geschützten EU-Zuckermarkt. Die Länder haben auf höhere Einfuhrquoten geklagt, die WTO hat der Klage stattgegeben. Darauf muss die EU reagieren und den Markt öffnen. Der Reformentwurf der EU sieht vor, die Mindestpreise für Zucker in Etappen abzusenken um bis zu 37 Prozent. Auch die Rübenmenge, für die der Garantiepreis gilt, soll drastisch reduziert werden. Jung: »Für die mehr als 50.000 Rübenbauern in Deutschland werden die Einkommen sinken. In vielen Regionen wird der Rübenanbau nicht mehr vorteilhaft sein.« Betroffene Landwirte wehren sich deshalb gegen die geplanten Reformen. Der Winteranbau von Zuckerrüben könnte ein Ausweg sein, da dieser vermutlich eine deutliche Ertragssteigerung mit sich bringt. (ne)
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