Mit Getöse ins Gotteshaus
Im Frühjahr und Sommer donnern Tausende von Motorradfahrern auf ihren Maschinen zur Kirche, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Dr. Bernd-Michael Haese vom Institut für praktische Theologie unterzog diese Events einer theologischen Würdigung.

Ein Kultereignis für Biker ist der traditionelle Hamburger Motorradgottesdienst im Michel. Foto: ddp / Roland Magunia
Die Atmosphäre, der Lautstärkepegel, aber auch die Begeisterung der Gottesdienstteilnehmer entsprechen nicht dem, was man von typischen Gemeindegottesdiensten kennt. Sie sind aber dennoch zu Recht Gottesdienste. Was einen Gottesdienst kennzeichnet, lässt sich an wenigen Punkten festmachen. Nach Luthers Definition handelt es sich um einen Gottesdienst, wenn die drei Elemente Wortverkündigung, Gesang und Gebet in einer öffentlichen Versammlung zu finden sind. Mit Gebet und Gesang sind die rituellen, gemeinschaftsstiftenden Anteile benannt, mit dem heiligen Wort hingegen hauptsächlich das präzisierende Verstehen. Dabei reicht es nicht aus, Bibeltexte einfach zu verlesen, es kommt entscheidend auf eine verständliche Auslegung an. Kein Motorradgottesdienst lässt in seinem Ablauf eines der drei Elemente aus.
Auch der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) nennt »religiöse Rede, Gesang und Gebet« als Wesensmerkmale des protestantischen ›Kultus‹. Er ergänzt jedoch das ›Fest‹ als Bestimmung des Gottesdienstes. Religiöse Feste dienen nach Schleiermacher dazu, das individuelle religiöse Bewusstsein gemeinschaftlich zu äußern und zu verstärken. Feste können niemals auf Anordnung stattfinden, sondern nur aus dem Bestreben der Gemeinschaft selbst entwickelt werden. Motorradgottesdienste sind daher ein Modellfall des Festes. Darüber hinaus können sie ein lebendiges Anschauungsstück für die Volkskirche als selbst steuernde Institution sein – die Menschen selbst entwickeln, was die Kirche tut.
Der Einwand, die meisten Teilnehmer kämen nur wegen der Show oder aus anderen ungeistlichen Beweggründen, ist unerheblich. Diese Leute gibt es sicher, aber es schadet dem Gottesdienst nicht. Die Würde der Veranstaltung hängt nicht davon ab, ob alle Anwesenden in vollem Bewusstsein mitmachen. Motorradgottesdienste sind in dieser Hinsicht nicht verdächtiger als jeder andere Gottesdienst auch.
Motorradgottesdienste sind auf der gleichen Stufe zu betrachten, wie Sondergottesdienste. Familiengottesdienste sind ein gutes Beispiel. Aber auch die klassischen Gottesdienste zu besonderen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen sind wesensverwandt, tendieren sie doch zu einer höchst individuellen, auf den oder die jeweiligen Personen des Anlass bezogenen Ausgestaltung.
Mehrere Mitgliederbefragungen der Evangelischen Kirche Deutschlands haben ergeben, dass nur eine kleine Gruppe von Kirchenmitgliedern regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst besucht und an den gemeindlichen Aktivitäten Interesse zeigt, hingegen eine zunehmende Zahl von Menschen an besonderen Gottesdiensten rege teilnimmt. Umgekehrt fällt auf, wie engagiert die Gemeinde die Leistung der Kirche sucht und teilweise selbst in Gang bringt, wenn es um die eigenen Themen und Bedürfnisse geht. Die Begeisterung ist nicht gespielt oder aufgesetzt, egal, ob es sich um den turbulenten Familiengottesdienst oder das MOGO-Event handelt. Denn Gottesdienste dieser Art bieten ein hohes Potenzial an Expressivität (Teilnahme mit allen Sinnen). Sie vermitteln also das, was unverzichtbar ist.
Für die manchmal zu hörende Klage von Pastorinnen und Pastoren, als »Zeremonienmeister« missbraucht zu werden, gibt es wenig Anhaltspunkte in der Realität des Pfarramtes. Diese Fälle gibt es zwar, weitaus häufiger hat man es aber mit ausgesprochen interessierten Menschen zu tun, mit denen es Freude macht, einen Gottesdienst vorzubereiten und zu feiern. Besondere Gottesdienste sind immer der »Ernstfall« für die Lebensfähigkeit der vermittelten Theologie. Wenn der konkrete und individuelle Bezug ernst genommen wird, sind sie für alle Beteiligten sehr befriedigend. Und außerdem sind sie in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation der Ort, an der die Öffentlichkeit und Offenheit der evangelischen Kirche deutlich wird.
Motorradfahrergottesdienste
Einmal jährlich findet der traditionelle Hamburger Motorradgottesdienst MOGO statt. Er avancierte in den vergangenen 22 Jahren zu dem Kultereignis für Biker aus dem In- und Ausland. Von 350 Teilnehmern im ersten Jahr bis hin zu 40.000 Teilnehmern sprengt diese Veranstaltung alle Grenzen. Erich Faehling, Pastor in Bokhorst, der seit 1996 für den Hamburger Motorradgottesdienst zuständig ist, spricht inzwischen vom weltweit größten Bikerevent überhaupt. Der Gottesdienst findet in der Hamburger St. Michaelis-Kirche, dem Michel, statt. 5000 Menschen können in der Kirche, die anderen über Videoleinwände vor der Kirche teilnehmen. Daran schließt sich ein Korso zu einem geeigneten Außengelände an, wo eine große Party stattfindet. Nach demselben Muster finden in kleinerem Rahmen allein in Schleswig-Holstein etwa 10 bis 15 Motorradgottesdienste statt. Kirchliches Engagement für Motorradfahrer gibt es Hamburg, seitdem sich in den Siebziger und Achtziger Jahren zwei »Rocker-Pfarrer« speziell um jugendliche Motorradfahrer aus schwierigen sozialen Verhältnissen gekümmert haben.
Einige Termine: 10. April, Mogo Lübeck, Marienkirche 19. Juni, 22. Hamburger Mogo, St. Michaelis-Kirche 26. Juni, Mogo Kiel, Vicelin-Kirche Weitere Termine unter: www.mogo.de
Einige Termine: 10. April, Mogo Lübeck, Marienkirche 19. Juni, 22. Hamburger Mogo, St. Michaelis-Kirche 26. Juni, Mogo Kiel, Vicelin-Kirche Weitere Termine unter: www.mogo.de
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