Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steht das Erinnern hoch im Kurs. Wenn sich nun eine Universität erinnert und mit ihrer Geschichte befasst, ist es ihre Aufgabe, sich nicht nur mit den glanzvollen Epochen, sondern auch mit der dunklen Seite öffentlich auseinander zu setzen. Wo, wenn nicht hier sollte der offene und kritische Diskurs über Geschichte möglich sein? Ein Teil der Universitätsinstitute hat sich bereits ausführlich mit dem Verhältnis ihrer Wissenschaftler zum Nationalsozialismus beschäftigt. Vorbildlich thematisiert haben diese Frage vor allem Angehörige der ehemaligen Pädagogischen Hochschule, der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und des Historischen Seminars. Auch die Studierendenschaft hat immer wieder die Aufmerksamkeit auf diese Fragen gelenkt.
Die Frage ist, wie geht man vor, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen? Sachlichkeit und Offenheit sind das Gebot der Stunde, keine Verklärung realer oder vermeintlicher Widerständler und erst recht kein Totschweigen der Täter. Es nutzt nichts, Bilder von der Wand zu nehmen, weil wir uns der Untaten schämen, die auch im Namen der Wissenschaft begangen wurden. Universitäten in Deutschland müssen sich dazu bekennen, dass auch sie während der NSDiktatur von Menschen geprägt waren, die Verbrechen begangen oder dazu beigetragen haben. Oder dass sie gar nach dem Krieg Hochschullehrer berufen haben, die ihren Teil zu dem Unrechtsstaat beigetragen hatten.
Wir wollen also keine weißen Flecken an der Wand einer Professorengalerie, sondern Darstellung der Persönlichkeiten mit ihren Taten und Untaten. Dazu müssen wir neue Formen des Erinnerns entwickeln, eine neue Form der Ahnengalerie, die auch Persönlichkeiten in ihrer Zwiespältigkeit darzustellen erlaubt. Die Universität wird – trotz zahlreicher Lücken, die in vielen Institutsarchiven nach den Zerstörungen im Krieg klaffen - die Universitätsgeschichte für die Zeit des Nationalsozialismus weiter aufarbeiten. Die damit verbundenen Fragestellungen werden uns und unsere Stadt – da bin ich sicher – ein ganzes Stück weiter bringen.
Professor Jörn Eckert
Rektor
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