Die Kraft des Lichtes
Interview mit Professor Carl-Hans Jongebloed

Prof. Carl-Hans Jongebloed.
Foto: Bevis Studio
Welchen Lösungsansatz sehen Sie für die Schule?
Hans-Carl Jongebloed: Zunächst grundsätzlich: Wir haben eine große Distanz vom humanistischen Bildungsideal zurückgelegt, um dadurch die Verwertbarkeit der Menschen zu erhöhen. Damit wird Verwertbarkeit zum Ziel der Bildung, bei Humboldt ist Verwertbarkeit die Folge der Bildung. Das ist das eigentliche Problem. Um aus dem Dilemma herauszukommen, schlage ich einen komplementären Bildungsansatz vor.
Er stellt erstens das Individuum in den Mittelpunkt. Zweitens kommt es mir dabei darauf an, dass wir Erziehung und Unterrichtung – also Erarbeitung von Erkenntnissen und Erleben von Erfahrungen – streng trennen. Es gibt zwei wesentliche Felder, auf denen der Mensch sich mit dieser Welt auseinandersetzt. Das eine ist das Feld der gesicherten Erkenntnis über unsere Welt – von der Wissenschaft erarbeitet. Das ist vom einzelnen Menschen ganz unabhängig. Er muss sich die Dinge aneignen, wie sie sind. Die andere Seite ist das Erlebnisfeld. Hier macht er Erfahrungen, die nur von ihm abhängen und deswegen auch immer total subjektiv sind: Aus diesen beiden Teilen entwickele ich das Modell der Komplementarität.
Wie kommen Sie darauf?
Die These von der Komplementarität stammt ursprünglich vom Physiker Niels Bohr. Er hat einleuchtend begründet, dass Licht sowohl als Welle wie auch als Teilchen auftritt. Dieser Widerspruch sei die Begründung für die Kraft des Lichtes. Die Verschiedenheit ist sozusagen die Bedingung der Einheit.
Sie haben also ein physikalisches Phänomen auf die Bildung übertragen?
Nehmen wir den Auslöser dazu: Wir hatten bei der Berufsausbildung, also den Lehrberufen, bis zur kürzlich verabschiedeten Gesetzesnovelle eine derartige komplementäre Lage. Im Sinne eines widersprüchlichen Dualismus gab es eine erfahrungsorientierte betriebliche Ausbildung und eine erkenntnisorientierte schulische Bildung. Die duale Ausbildung in Deutschland ist die einzig wirklich erfolgreiche Bildung gewesen. Auch hier ist der Widerspruch zwischen den beiden Lernorten genau das, was das System stark macht. In der allgemeinen schulischen Bildung haben wir den Erfahrungsort »Betrieb« ja nicht. Wenn man nun die Familie als Erfahrungsort auffasst und in den Bildungsvorgang einbezieht, lässt sich das Modell wunderbar auch auf die allgemeine Bildung übertragen.
Wie kann das in der Schule praktisch aussehen?
Die Fächer müssen streng getrennt voneinander unterrichtet werden – und so viele verschiedene Fächer wie eben möglich. Also: nicht spezialisieren und nicht fächerübergreifend unterrichten. Die Bildungskraft entsteht aus der Möglichkeit, dass im Gehirn neue Verknüpfungen entstehen, und das ist die Aufgabe des einzelnen Individuums. Jeder nimmt im Unterricht anders auf und verknüpft auf seine Weise. Das ist doch gerade der Sinn! Wenn ich den Schülern schon Verknüpfungen, Zusammenhänge vorgebe, bevormunde ich sie geradezu. Sie können dann immer nur die Probleme lösen, die andere zu diesem Zeitpunkt bereits gesehen haben. Aber nicht die, die möglicherweise morgen kommen.
Wir haben jetzt über Schule und damit den Erkenntnisort gesprochen. Nach Ihrem Modell brauchen wir ja auch den Teil der Bildung, den Sie „Erfahrung“ nennen. Wo findet sich nun dieser Lernort?
Das ist das eigentliche Problem. Die Schwäche unseres Bildungssystems liegt nicht in der Schule, sondern sie liegt beim Erfahrungsfeld. Das Zentrum des Erfahrungsfeldes müsste eigentlich die Familie sein. Dazu gehörten aber auch Institutionen wie Vereine, Kirche, Feuerwehr usw. Und natürlich: die »Peers« – Gleichaltrige, Freunde. Auch die erste Zigarette mit den Kumpels ist ein wichtiges Erlebnis im Erfahrungsfeld.
Das alles ist allerdings in seiner Bedeutung heute gefallen. Nicht nur die Familien, auch die Vereine können ihre Aufgabe zunehmend nicht mehr so gut wahrnehmen. Also müssen wir reagieren und es simulativ versuchen – so schlimm dieser Begriff ist. Der Nachmittag in der Schule muss sozusagen die wegbrechenden Strukturen ersetzen. Er muss so familienähnlich, so erfahrungsorientiert wie möglich aufgebaut sein. Im Gymnasium in Elmschenhagen ist das umgesetzt.
Wie sind die Resultate?
Es gibt noch keine systematische Untersuchung. Demnächst soll ein Projekt starten, das die offene Ganztagsschule untersucht. Hier wird man erste Ergebnisse erhalten. Ich bin allerdings kein Freund von dieser Wissenschafts- und Effizienzsehnsucht. Bildung ist kein Bewirkungssystem, Bildung ist ein Ermöglichungssystem. Wir können den Erfolg nicht genau messen, und ich glaube auch, wir sollten es gar nicht tun. Manches wirkt vielleicht erst in Jahren, vieles geht nur mit und im Vertrauen.
Komplementäre Bildung in der Praxis
Das Gymnasium Kiel-Elmschenhagen ist eine komplementäre offene Ganztagsschule. Sauber durchdacht und konzentriert vermitteln die Lehrer am Vormittag Erkenntnis. »Wir möchten dem Schüler helfen, ein klares Bild von sich, seinen Fähigkeiten und der Beschaffenheit der Welt zu erlangen«, so die Schulleiterin Margit Fuhrmann. Gemeinsames Spiel, Diskussionen und die Erledigung der Hausaufgaben gehören in den Nachmittag. Ganz wichtig: das gemeinsame Mittagessen als trennendes Element. Eine vollständige Trennung zwischen Erkenntnis und Erfahrung gebe es natürlich nie, so Fuhrmann. Ausschlaggebend sei das Unterrichtsziel. Auch Sport, Musik und Kunst stehen vormittags auf dem Stundenplan, allerdings liege der Schwerpunkt hier »immer auf dem Erkenntnisgewinn «. Lerne man am Vormittag beispielsweise das perspektivische Zeichnen, so erlaube der Bastelkurs nachmittags die sinnlichen Erfahrungen mit Ton und anderen Materialien.
Der Vorteil des Elmschenhagener Modells: Der konzentrierte Wissenserwerb am Vormittag wird frei gehalten von der Aufarbeitung sozialer Probleme. Das Verarbeiten der Erlebnisse vom Wochenende, das Umgraben des Schulgartens, oder ein gemeinsames Frühstück »just for fun« – all das findet nachmittags und freiwillig statt. Die Ganztagsschule könne so einen echten Qualitätssprung für die Bildung unserer Kinder bewirken, hofft die Schulleiterin. Vor allem für Hauptschulen, die noch weit mehr mit dem Wegbrechen des Erfahrungsfeldes und der psychisch-sozialen Betreuung der Schüler zu tun hätten, berge das Modell große Chancen. (sck)
Der Vorteil des Elmschenhagener Modells: Der konzentrierte Wissenserwerb am Vormittag wird frei gehalten von der Aufarbeitung sozialer Probleme. Das Verarbeiten der Erlebnisse vom Wochenende, das Umgraben des Schulgartens, oder ein gemeinsames Frühstück »just for fun« – all das findet nachmittags und freiwillig statt. Die Ganztagsschule könne so einen echten Qualitätssprung für die Bildung unserer Kinder bewirken, hofft die Schulleiterin. Vor allem für Hauptschulen, die noch weit mehr mit dem Wegbrechen des Erfahrungsfeldes und der psychisch-sozialen Betreuung der Schüler zu tun hätten, berge das Modell große Chancen. (sck)
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