Staub und Plasma
Verstehen, wie Sterne entstehen, und Grundlagen schaffen für optimierte Technologieverfahren – den Schlüssel hierzu liefern »komplexe Plasmen«.

Hochfrequenzerzeugtes Plasma mit zweidimensional beweglicher Langmuir-Sonde zur Messung der Plasmadichte und Temperatur. Dieser Typ von Plasma wird auch zum Ätzen und Beschichten verwendet. Foto: Kröger/Dorfmüller © Uni Kiel
Dadurch kann es Oberflächen von Werkstoffen vielfältig und in weiten Bereichen verändern. Die Halbleiterindustrie benutzt Plasmaprozesse bei mehr als 60 Prozent aller Verfahrensschritte, zum Beispiel zum Plasmaätzen von feinsten Chipstrukturen. Auch Solarzellen werden mit Plasmaverfahren hergestellt. Es lassen sich damit ganz neue Oberflächeneigenschaften erzeugen oder verbreitete Verfahrenstechniken rationeller und umweltfreundlicher machen. In der Textilindustrie zum Beispiel: »Früher wurde Wolle mittels organischer Halogenverbindungen gegen Verfilzen geschützt«, so Piel. »Dadurch erzeugte man umweltbelastende Abfälle. Mittlerweile wird die Wolle mit einem Plasmaverfahren aktiviert.«

Komplexe Plasmen werden in der Arbeitsgruppe von Professor Alexander Piel in einer Hochfrequenzentladung zwischen parallelen Platten erzeugt. Foto: Kröger/Dorfmüller
Im Zentrum der Forschungsarbeiten stehen komplexe Plasmen. Damit meinen Physiker Plasmen, die durch die Anwesenheit zusätzlicher Komponenten – wie kleinster Partikel oder reaktiver Moleküle – bestimmt sind oder durch physikalische Prozesse und chemische Reaktionen an Oberflächen beeinflusst werden. Diese Situationen trifft man sowohl bei technologischen Plasmaverfahren als auch im Weltraum an. Die Mischung von Staub und Plasma findet sich im Kosmos in den Sternentstehungsregionen, in den Ringen der großen Planeten und in Kometen. Viele technische Plasmen enthalten Pulver als Prozessbestanteil oder als Abfallprodukt.

In diesem Plasma studieren die Physiker das Verhalten mikrometergroßer Partikel unter simulierten Bedingungen der Schwerelosigkeit.
Der Forschungsschwerpunkt in Kiel innerhalb des TR 24 liegt auf der Erforschung der Eigenschaften von so genannten Plasmakristallen. Piel: »Das sind regelmäßige Anordnungen von Mikrometer (tausendstel Millimeter) großen Partikeln in Plasmen. Mit optischen Mikroskopen und einer Videokamera beobachten wir, wie sich diese Modellsysteme verhalten. Erst kürzlich haben wir kugelförmige Kristalle mit einer völlig ungewöhnlichen Kristallstruktur gefunden, in denen die Partikel in einer Anordnung mit ineinander verschachtelten »Zwiebelschalen« saßen. Das Interessante daran: Diese regelmäßigen Muster bilden sich nicht nur im Labor. Das tun sie auch im Weltraum im Inneren der weißen und braunen Zwerge. Alle Sterne entstehen aus einer ungeheuren Staubwolke, in der ein erster gezündeter Stern mit seiner UV-Strahlung Plasma erzeugt. Was macht Staub mit Plasma? Wie kann daraus etwas Neues entstehen? Das ist für mich eine fundamentale Fragestellung.« (ne)
www.ieap.uni-kiel.de/plasma/ag-piel
www.inp-greifswald.de/web.nsf/s-plasma
Materie im Plasmazustand findet sich in der Sonne und in allen Sternen. Aber auch der von der Sonne ausgehende Sonnenwind und die geladenen Teilchen, die im Magnetfeld der Erde gefangen sind, bilden Plasmen. Auf der Erde werden Plasmen durch Gasentladungen erzeugt. Natürliche Gasentladungen sind Blitze, Funken und Nordlichter. In ihnen entsteht das Plasma durch einen elektrischen Stromfluss. Dabei werden die Atome durch den Zusammenstoß mit energiereichen Elektronen ionisiert beziehungsweise zum Leuchten angeregt.
Die neutralen Atome und die Ionen in einer Gasentladung sind in der Regel kalt. Daher bleibt das Glasrohr einer Leuchtstoffröhre oder Energiesparlampe kalt, obwohl das Elektronengas darin eine Temperatur von 40.000 Grad besitzt. Denn die Masse der Elektronen ist sehr viel kleiner als die der Atome. Sie tragen daher praktisch nicht zum Wärmeinhalt bei.
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