Eliteschmiede?
Arbeiterkinder haben es schwerer als die Sprösslinge von Rechtsanwälten, Ärzten und Ingenieuren, in Spitzenpositionen Fuß zu fassen. Der Elitenforscher Professor Michael Hartmann warnt davor, dass sich diese soziale Auswahl noch verstärkt.

Michael Hartmann: In Deutschland stellt das obere Drittel der Bevölkerung zwei Drittel der Studierenden. Das ist bereits relativ hoch, in den USA aber noch deutlich höher, nicht nur an den Spitzenuniversitäten, sondern auch an denen, die mit unseren vergleichbar sind. Dort stellt das obere Viertel drei Viertel der Studierenden. An den Spitzenuniversitäten stellen allein die oberen zwei Prozent der Bevölkerung doppelt so viele Studierende wie die gesamte untere Hälfte. Das wird in der Öffentlichkeit jedoch so extrem nicht wahrgenommen.
Sollten wir uns also gar nicht mit Harvard und Yale messen?
Zumindest insofern nicht, als bei diesen Elitehochschulen auch sprachlich die Differenz zwischen Elite und Masse mitschwingt. Das bedeutet, man denkt ein Gesellschaftsmodell mit. Man hat Elitehochschulen, auf die sich der Blick richtet, und der Rest verschwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Top-Adressen bekommen hohe Bewerberzahlen und viel Geld von unterschiedlichen Seiten: Der Stempel »Eliteuni« entwickelt eine Anziehungskraft für Studenten, Professoren und Drittmittel. Dagegen gibt es in Alabama oder Mississippi Universitäten, die nicht mal mit einer gymnasialen Oberstufe Schritt halten können. Da gehen die gesellschaftlichen Gruppen hin, die ohnehin wenig Durchschlagskraft haben.
Die Stärke des deutschen Hochschulsystems ist dagegen von jeher, dass die Qualität derer, die hier ausgebildet werden, generell sehr hoch ist. Es gibt vielleicht nicht so viele, die absolute Weltspitze sind, aber es gibt einen Durchschnitt wie in keinem anderen Land, egal, ob in Ingenieur-, Natur- oder Sozialwissenschaften.
Deutschland strebt aber auch nach einem Platz an der wissenschaftlichen Weltspitze. Können wir das gesamte Niveau anheben, zum Beispiel mit Studiengebühren?
Die Diskussion um Studiengebühren ist ein Versuch, zwei Dinge miteinander zu verknüpfen: die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen weiter zu senken und gleichzeitig das Niveau halbwegs zu halten. Das bedeutet aber den Einstieg in die private Finanzierung von Hochschulbildung. Und der Preis dafür ist soziale Auslese.
Hinzu kommt: Um auf den Stand zu kommen, wo wir 1980 waren, müssten die Studiengebühren deutlich höher sein – dann sind 500 Euro Peanuts! Da muss man auf Dauer in fünfstellige Bereiche kommen, zumindest für bestimmte Fächer. Aber wer kann das zahlen?
Sehen Sie eine Alternative, um das Niveau zumindest zu halten?
Ich schaue gern nach Skandinavien. Da gibt es Sachen, die man hier völlig ausgeschlossen hat, zum Beispiel eine sehr großzügige Studienfinanzierung: In Dänemark kriegen Studenten 70 Monate lang 600 Euro pro Monat, nicht rückzahlbar, unverzinst. Gut 70 Prozent eines Jahrgangs studiert – eine breite Mischung der Bevölkerung, wenig Selektivität. Das kostet aber Geld! Die Skandinavier geben für Bildung doppelt soviel aus wie wir, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt und die örtlichen Ausgaben. Sie haben sehr hohe Einkommenssteuersätze, generieren mehr Geld und finanzieren das Hochschulsystem großzügig. Das ist eine generelle Frage der Verteilung innerhalb der Gesellschaft. In Skandinavien hat man sich entschieden, die Gesellschaft nicht so auseinander reißen zu lassen, auch nicht im Bildungsbereich.
Alles eine Frage der Grundeinstellung? Lassen wir uns in Deutschland zu sehr von Mainstream und Mammon beeinflussen?
Ich glaube: ja! Geld ist wichtig, aber ebenso wichtig ist das kreative Milieu in der Forschung. Die deutsche Hochschullandschaft richtet sich in einer Art und Weise inhaltlich am Mainstream aus, die insgesamt nicht von Vorteil ist. Die Menschen orientieren sich zu sehr daran und vernachlässigen andere Felder. Studien, die zum Beispiel einen sehr engen regionalen Bezug haben, kommen sehr wahrscheinlich nicht in eine internationale Publikation. Sie können aber durchaus durch Thema und Methode wichtige Impulse geben. Wenn die Forscher aber wissen: »Wenn wir an Gelder kommen wollen, müssen wir diese und jene Kriterien erfüllen«, dann erschwert das ihnen auf Dauer, in Freiräumen kreativ zu denken. Wir brauchen Spielräume und eine Orientierung, die nicht nur am Mainstream klebt.
Kreativität in der Forschung statt wissenschaftlicher Höchstleistung an der Weltspitze?
Es gibt eine Möglichkeit, mit der wir das wissenschaftliche Niveau heben können, ohne sofort große finanzielle Anstrengungen unternehmen zu müssen: Man müsste eine Integration der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die Hochschullandschaft vorantreiben. Warum passiert in Deutschland ein Großteil der Forschung außerhalb der Universitäten? Das ist doch ein Verlust! Hier fließt das Geld des Bundes seit Jahren relativ unbeeinflusst und kontinuierlich. Im Fraunhofer- oder im Max-Planck-Institut zum Beispiel kann man sicher wunderbar arbeiten, aber der Kontakt zur Hochschullandschaft und damit zum Nachwuchs ist weitgehend abgeschnitten. Man muss über diesen Extrastatus diskutieren, wenn man die Universitäten zu höheren wissenschaftlichen Leistungen befähigen will. (so)

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