Suchen Sitemap Kontakt Impressum

Studierende | Studieninteressierte | Presse | Fördern
Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte | Alumni | Wirtschaft | Intranet

Zur Startseite

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 31 vom 09.07.2005, Seite 6  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Zwischen den Fronten

Über die Situation der Christen in Palästina, dem Heimatland des Christentums, sprach »unizeit« mit dem Theologen Professor Ulrich Hübner.


unizeit: Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass in den Palästinensergebieten traditionell auch viele Christen leben. Wie kamen sie dort hin?

Ulrich Hübner: Christen gibt es, seitdem sie in der Nachfolge von Jesus Christus dort lebten. Palästina ist das Heimatland des Christentums, nicht nur des Judentums. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich durch die großen christlichen Heiligtümer nahezu alle christlichen Konfessionen, die es überhaupt gibt, vor allem in Jerusalem oder Bethlehem niedergelassen.
Und es hat Perioden gegeben in der Geschichte Palästinas, in denen Christen die Mehrheit dargestellt, zeitweise auch die Herrscher gestellt haben. Das waren aber im Verhältnis zur Gesamtgeschichte eher kurze Perioden. Seit der Islamisierung waren sie immer die größte Minderheit.
Ich vermute, dass es nirgendwo auf der Welt so viele verschiedene Christen in ihrer ökumenischen Vielfalt gibt wie in Jerusalem. Das schwächt die Christen natürlich gleichzeitig, weil sie kaum als Einheit auftreten und von ihren Gegnern leichter gegeneinander ausgespielt werden können.

Ulrich Hübner.

Wie hoch ist ihr Anteil an der Bevölkerung?
Die Zahlen schwanken, je nachdem, wer sie angibt. Derzeit wird man sagen können, dass in den Palästinensergebieten knapp fünf Prozent Christen leben. In den völkerrechtlich anerkannten Grenzen des Staates Israel sind es nur noch etwa zwei bis drei Prozent. Ich bin zwar kein Prophet. Aber es gibt nicht wenige Leute, die befürchten, dass im Heimatland des Christentums irgendwann kaum noch einheimische Christen leben werden, wenn ihre Abwanderung aus den Palästinensergebieten und auch aus Israel im gegenwärtigen Maß fortschreitet. Die wenigen Christen, die verbleiben, werden an den wenigen Kirchen sitzen, die dann fast nur noch aus touristischen Gründen erhalten und bedient werden würden.

Was sind die Gründe für die Abwanderung?
Aus den Gebieten der völkerrechtlich anerkannten Grenzen des Staates Israel sind 1948 die meisten der dort lebenden Palästinenser vertrieben worden. Darunter waren auch viele Christen. Viele von ihnen sind in die Palästinensergebiete gegangen und haben dann 1967 noch einmal das Gleiche erlebt.
Die Politik der Israelis nimmt in den Palästinensergebieten kaum Rücksicht darauf, wer Christ oder Muslim ist. Dort teilen die Christen das Schicksal aller Palästinenser. Christen und Muslime haben es dort mit gewalttätigen Enteignungen und anderen alltäglichen Schikanen durch israelisches Militär zu tun. Das ist einer der Hauptgründe für die Abwanderung. Der andere Grund ist der, dass Christen in den Palästinensergebieten auf der einen Seite die jüdische Unterdrückung durch Israelis erfahren und auf der anderen Seite Islamisten im Nacken haben. Zerrieben zwischen diesen beiden Mühlsteinen wandern sie aus.
Die Christen gehören traditionsgemäß zur Mittel- und Oberschicht der Palästinenser. Sie sind besser ausgebildet, der Anteil der Akademiker ist höher, und in der Mittelschicht gehören sie zu den besser verdienenden Handwerkern. Genau das sind die Bevölkerungsschichten, die unter bestimmten Bedingungen emigrieren. Sie besitzen die Möglichkeit und Flexibilität zu gehen.

Wie ist das Verhältnis zwischen muslimischen und christlichen Palästinensern?
Auch die palästinensischen Muslime sind keine einheitliche Gruppierung. In den Palästinensergebieten hat der religiös ausgelebte Nationalismus in den letzten Jahren stark zugenommen. Er ist eine unmittelbare Folge der israelischen Besatzung. Ohne die israelische Politik hätte sich der Nationalismus und der Islamismus nicht so entwickelt, wie es ihn jetzt gibt. Die Israelis züchten sich ihre Gegner regelrecht.
Es gibt auf beiden Seiten die Versuche, eine möglichst einheitliche Gesellschaft zu bewirken. Das ist eine politische Wahnvorstellung: Auf der einen Seite leben möglichst nur noch Juden, auf der anderen möglichst nur noch Muslime.
Es gibt auch Übergriffe von Islamisten auf Christen unter den Palästinensern, zum Beispiel Angriffe auf Kirchen, Einwerfen der Scheiben mit Steinen, Belästigungen von Gottesdiensten und Ähnliches. Es sind zwar Randerscheinungen, aber trotzdem spüren Christen sehr deutlich, was wäre, wenn radikale Gruppen in der palästinensischen Regierung noch mehr Einfluss erhielten. Man mag von Arafat halten, was man will, aber er gehörte zu den Palästinensern, die versucht haben, so gut wie möglich einen säkularen (weltlichen) Palästinenserstaat aufzubauen. Keineswegs alle Palästinenser sind politisch so ausgerichtet. Wer Arafat bekämpft hat, hat nicht bedacht, dass dadurch der politische Einfluss von radikalen Gruppen stärker wird. Im Gazastreifen ist das mit Händen zu greifen. Dort hat die Radikalisierung so stark zugenommen, dass selbst liberale Muslime für sich keine Zukunft sehen.

Beteiligen sich Christen an der Intifada*, am Widerstand gegen die israelische Besatzung im Gazastreifen und im Westjordanland?
Ja, Christen sind durch mehrere politische Organisationen beteiligt. Es gibt im palästinensischen Parlament auch Christen, die eine aktive Rolle spielen. Hierzulande bekannt ist zum Beispiel Hanan Ashrawi, eine anglikanische Christin. Sie hat sich sehr deutlich zur Politik des Staates Israel geäußert, aber genauso massiv und öffentlich auch innerpalästinensische Probleme angesprochen. Dafür hat sie Kritik von allen Seiten abbekommen.
Bei den Bombenanschlägen, bei den Selbstmordattentaten sind Christen, soweit ich das sehe, nie aktiv beteiligt, weder als Unterstützer noch als Ausführende. Aber sie beteiligen sich an gewaltfreien Streiks, Steuerverweigerung und Ähnlichem. So ist zum Beispiel das überwiegend von Christen bewohnte Dorf Bet Sahur in der Nähe von Bethlehem in den neunziger Jahren in einen Steuerverweigerungsstreik getreten. Dafür haben sie sich von Seiten der Israelis sehr viel Druck und auch offene Gewalt eingehandelt. Der Grund für den Streik: Alle wesentlichen Steuern wurden von den israelischen Behörden eingezogen und zum größten Teil nicht an die Palästinenserbehörden weitergegeben.

Welche Rolle spielen die palästinensischen Christen im Nahost-Konflikt? Können sie vermitteln?
Sie hätten gern eine vermittelnde Rolle. Aber um eine solche Rolle übernehmen zu können, braucht es auch Leute von außen, die diese Rolle akzeptieren. Die Konfrontation ist jedoch so groß, dass der Beitrag der Christen, Brücken zwischen Juden und Muslimen zu bauen, nur bedingt möglich ist. Die Versuche sind sehr deutlich zu erkennen. Es gibt zum Beispiel Begegnungsstätten, in denen Christen und Muslime zusammen lernen und arbeiten. Und es gibt zum Teil auch Versuche, Juden mit einzubeziehen. Es bleibt die Frage, wie wirksam diese Versuche sind. (ne)
*Intifada ist ein arabisches Wort und meint »sich erheben, loswerden, abschütteln«. Es ist der Name für zwei palästinensische Aufstände gegen die israelische Besatzungsmacht.

Ulrich Hübner ist Professor für Religionsgeschichte des Alten Testaments und Biblische Archäologie. Er hat während vieler Jahre an verschiedenen Ausgrabungen in Israel teilgenommen, seit 1997 leitet er ein archäologisches Projekt in Jordanien. Der Theologe und Archäologe ist Vorsitzender des 1877 gegründeten Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas. Ziel des Vereins ist die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte und Kultur Palästinas, insbesondere seiner antiken Vergangenheit.
Buchtipp
BERICHTE EINES INSIDERS

Mitri Raheb ist palästinensischer Araber und Pfarrer an der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem. Seit 15 Jahren tritt er für seinen Traum vom friedlichen Zusammenleben von Juden und Palästinensern ein. Raheb hat in seiner Gemeinde ein interkulturelles Begegnungs- und Bildungszentrum eingerichtet und ist in Deutschland mit seinem Buch »Ich bin Christ und Palästinenser« bekannt geworden. Hierin schildert er das Umfeld und den Alltag palästinensischer Christen.

In seinem gerade erschienenen Buch »Bethlehem hinter Mauern« erzählt Raheb vom Leben der Palästinenser unter israelischer Belagerung. Es ist ein sehr persönlicher Bericht darüber, was die einfachen Leute durchmachen, während israelische Soldaten Bethlehem belagern. Gleichzeitig erzählt es von einer Wirklichkeit jenseits der Zerstörung: von den Menschen mit ihrer Sehnsucht nach Frieden und einer besseren Zukunft für ihre Kinder – auf beiden Seiten, bei Besatzern wie Besetzten.

Mitri Raheb: Bethlehem hinter Mauern. Geschichten der Hoffnung aus einer belagerten Stadt. Gütersloh 2005

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel. Gütersloh 1994
Zum Seitenanfang  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität, presse@uv.uni-kiel.de