Schwimmende Universität
Im Herbst 1945 nahm die Kieler Universität als eine der ersten deutschen Hochschulen nach dem Krieg den Vorlesungsbetrieb wieder auf. Wolfgang Gaschütz, Mathematikstudent der ersten Stunde, erinnert sich.

Zwei Semester lang boten Schiffe im Kieler Hafen einfache Unterkunft für Studenten. Foto: Deutsche Wochenschau
Einer von ihnen ist Wolfgang Gaschütz, Flüchtling aus dem Oderbruch. Als entlassener Offizier hat es ihn nach dem Krieg mit Frau und Kind auf einen Bauernhof zwischen Schleswig und Husum verschlagen. Er ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Ein, verglichen mit heute, hohes Studieneintrittsalter, doch damals durchaus keine Ausnahme: Wie Gaschütz sind viele seiner männlichen Kommilitonen zuvor im Krieg gewesen und haben so fünf bis sieben Jahre ihres Lebens verloren.
Die Eröffnung der Kieler Universität bezeichnet er heute noch als »Wunder«. »Nach einem Sommer des Herumirrens und dem Versuch, der eigenen Existenz wieder Inhalt und Halt zu geben« meldet er sich im Büro der Psychiatrischen Klinik in Schleswig zum Studium an. Deren Direktor, Hans Gerhard Creutzfeld, war von den Engländern als Rektor eingesetzt worden und somit für die Einschreibung zuständig. »Ich wurde also nach dem Kriegsirrsinn in der Nervenheilanstalt immatrikuliert «, schmunzelt Gaschütz noch heute, »jedenfalls gab mir dieses merkwürdige Omen doch den rechten Ansporn, wie sich noch zeigen sollte.«

Professor Wolfgang Gaschütz im Interview
Vier bei der Seeburg liegende Schiffe – Barbara, Sofia, Orla und Hamburg – beherbergten Hunderte Studenten, dienten aber auch dem Vorlesungsbetrieb. Die Messe im Bauch des Schiffes wurde zu einem stattlichen Hörsaal umfunktioniert. Dieses Zusammenleben und -lernen auf engstem Raum hatte seine Vorteile, ein gewisses Studium Generale, durch den Zwang aber auch den Wunsch, fächerübergreifend mit unseren Mitbewohnern zu kommunizieren.« Zwei Semester später wurden die schwimmenden Universitätsunterkünfte an die Engländer abgegeben.

Studentenausweis von Wolfgang Gaschütz
Der Hunger nach wissenschaftlicher Literatur war unter den Studenten mindestens genauso groß. Gaschütz: »Viel mehr als heute widmeten wir uns damals dem Literaturstudium.« Dabei waren auch die Fachbücher Mangelware. Infolgedessen florierte der Büchertausch. Später, als wissenschaftliche Hilfskraft am Mathematischen Seminar, registrierte und kontrollierte der Student Gaschütz die Neuerscheinungen in der Institutsbibliothek. Dabei entdeckte er auch so manchen Bombensplitter, der von den Angriffen stecken geblieben war, in den ehrwürdigen Bänden.
Die Not war 1945 allerorts präsent. Wie konnte die Universität unter diesen Umständen zu wissenschaftlicher Arbeit überhaupt anspornen? Wolfgang Gaschütz weiß darauf Antwort, mit wehmütiger Stimme blickt er zurück und vergleicht kritisch mit heute: »Unsere Generation der dem Krieg Entronnenen sehnte sich nach geistiger Befreiung durch die Wissenschaft. Da sich kaum Berufs- und Verdienstmöglichkeiten als Studienziel anboten, war man in der glücklichen Lage, die Studienfächer allein nach eigenem Interesse zu wählen und in akademischer Freiheit zu studieren. Diese Freiheit symbolisierte sich für uns auch später beim jährlichen Rektoratswechsel, wenn der Lehrkörper seinen feierlichen Einzug hielt, vorbei an den ebenfalls im Publikum stehenden Ministerpräsidenten und Ministern.« (sot)
Professor Dr. Dr. h.c. Wolfgang Gaschütz ist heute 85 Jahre alt und lebt in Kiel. Er promovierte 1949 und habilitierte sich 1953 an der CAU. Trotz Rufen auf Ordinariate in Karlsruhe und Mainz sowie Gastprofessuren in verschiedenen Ländern Europas, der USA und in Australien wollte er sich auf seinem wissenschaftlichen Weg von der Christian-Albrechts-Universität nicht trennen. Er blieb als Ordinarius bis zu seiner Emeritierung 1988 dem Mathematischen Seminar treu.
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