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Nr. 32, 22.10.2005  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Schwimmende Universität

Im Herbst 1945 nahm die Kieler Universität als eine der ersten deutschen Hochschulen nach dem Krieg den Vorlesungsbetrieb wieder auf. Wolfgang Gaschütz, Mathematikstudent der ersten Stunde, erinnert sich.


Zwei Semester lang boten Schiffe im Kieler Hafen einfache Unterkunft für Studenten. Foto: Deutsche Wochenschau

27. November 1945: Die CAU öffnet erstmals wieder ihre Pforten. In den Hörsaal in der Hegewischstraße 3 drängen sich rund 100 junge Menschen, die die Vorlesung über Differenzial- und Integralrechnung des einzigen Mathematikprofessors der CAU, Karl-Heinrich Weise, hören wollen. Wer keinen Platz auf den schmalen Bänken bekommt, steht im Gang oder sitzt auf den Fensterbänken. Kalt ist es und laut: Notdürftig abgedichtet sind die Fenster, deren Glas von Bombenangriffen zerstört worden ist. Pergament soll dem kalten Ostseewind Einhalt gebieten, doch der verschafft sich mit lautem Knattern Eintritt durch die Ritzen. Der Mathematikprofessor muss mit seiner Stimme dagegen antreten. Im Saal selbst aber herrscht gespannte Ruhe, denn alle hier sehnen sich danach, sich endlich wissenschaftlich betätigen zu können.

Einer von ihnen ist Wolfgang Gaschütz, Flüchtling aus dem Oderbruch. Als entlassener Offizier hat es ihn nach dem Krieg mit Frau und Kind auf einen Bauernhof zwischen Schleswig und Husum verschlagen. Er ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Ein, verglichen mit heute, hohes Studieneintrittsalter, doch damals durchaus keine Ausnahme: Wie Gaschütz sind viele seiner männlichen Kommilitonen zuvor im Krieg gewesen und haben so fünf bis sieben Jahre ihres Lebens verloren.

Die Eröffnung der Kieler Universität bezeichnet er heute noch als »Wunder«. »Nach einem Sommer des Herumirrens und dem Versuch, der eigenen Existenz wieder Inhalt und Halt zu geben« meldet er sich im Büro der Psychiatrischen Klinik in Schleswig zum Studium an. Deren Direktor, Hans Gerhard Creutzfeld, war von den Engländern als Rektor eingesetzt worden und somit für die Einschreibung zuständig. »Ich wurde also nach dem Kriegsirrsinn in der Nervenheilanstalt immatrikuliert «, schmunzelt Gaschütz noch heute, »jedenfalls gab mir dieses merkwürdige Omen doch den rechten Ansporn, wie sich noch zeigen sollte.«

Er berichtet gern aus dieser Zeit, in der die Grundlage zu einer schnellen wissenschaftlichen Karriere geschaffen wurde. Trotz aller Entbehrungen, denn zunächst fehlte es schlichtweg an allem, was ein Student zum Leben und Studieren braucht: Unterkunft, ausreichend Nahrung, Bekleidung, Schreibutensilien. »Jedes Stück Papier, das wir zum Beispiel bei der Trümmerbeseitigung fanden, wurde für Vorlesungsnachschriften gesammelt. Heizungsmangel zwang uns im Winter, notwendige Rechnungen auf der Maschine mit Wollhandschuhen durchzuführen.«

Vier bei der Seeburg liegende Schiffe – Barbara, Sofia, Orla und Hamburg – beherbergten Hunderte Studenten, dienten aber auch dem Vorlesungsbetrieb. Die Messe im Bauch des Schiffes wurde zu einem stattlichen Hörsaal umfunktioniert. Dieses Zusammenleben und -lernen auf engstem Raum hatte seine Vorteile, ein gewisses Studium Generale, durch den Zwang aber auch den Wunsch, fächerübergreifend mit unseren Mitbewohnern zu kommunizieren.« Zwei Semester später wurden die schwimmenden Universitätsunterkünfte an die Engländer abgegeben.

Studentenausweis von Wolfgang Gaschütz

Einzige Nahrungsquelle für das Gros der Studenten war die Mensa Seeburg, die vom Studentenwerk betrieben wurde. Sie verfügte über eine schier unerschöpfliche Menge an schleswig-holsteinischen Steckrüben. »Noch heute bewirkt die jetzt wieder ehrenwerte Speise bei mir allergieähnliche Reaktionen«, gesteht Gaschütz. Aber er denkt dankbar an die Unterstützung des Studentenwerks in jeglicher Hinsicht: ob finanziell, mit Kleidung oder eben der Verpflegung. Auch ein Studentenarzt wurde bestellt, dessen Hilfe dringend nötig war: Einem Bericht der Kieler Nachrichten vom Dezember 1947 zufolge hatten nur 175 der 2440 erfassten Studenten Normalgewicht, und die Tuberkulose zwang so manchen, einige Semester auszusetzen.

Der Hunger nach wissenschaftlicher Literatur war unter den Studenten mindestens genauso groß. Gaschütz: »Viel mehr als heute widmeten wir uns damals dem Literaturstudium.« Dabei waren auch die Fachbücher Mangelware. Infolgedessen florierte der Büchertausch. Später, als wissenschaftliche Hilfskraft am Mathematischen Seminar, registrierte und kontrollierte der Student Gaschütz die Neuerscheinungen in der Institutsbibliothek. Dabei entdeckte er auch so manchen Bombensplitter, der von den Angriffen stecken geblieben war, in den ehrwürdigen Bänden.

Die Not war 1945 allerorts präsent. Wie konnte die Universität unter diesen Umständen zu wissenschaftlicher Arbeit überhaupt anspornen? Wolfgang Gaschütz weiß darauf Antwort, mit wehmütiger Stimme blickt er zurück und vergleicht kritisch mit heute: »Unsere Generation der dem Krieg Entronnenen sehnte sich nach geistiger Befreiung durch die Wissenschaft. Da sich kaum Berufs- und Verdienstmöglichkeiten als Studienziel anboten, war man in der glücklichen Lage, die Studienfächer allein nach eigenem Interesse zu wählen und in akademischer Freiheit zu studieren. Diese Freiheit symbolisierte sich für uns auch später beim jährlichen Rektoratswechsel, wenn der Lehrkörper seinen feierlichen Einzug hielt, vorbei an den ebenfalls im Publikum stehenden Ministerpräsidenten und Ministern.« (sot)
Professor Dr. Dr. h.c. Wolfgang Gaschütz ist heute 85 Jahre alt und lebt in Kiel. Er promovierte 1949 und habilitierte sich 1953 an der CAU. Trotz Rufen auf Ordinariate in Karlsruhe und Mainz sowie Gastprofessuren in verschiedenen Ländern Europas, der USA und in Australien wollte er sich auf seinem wissenschaftlichen Weg von der Christian-Albrechts-Universität nicht trennen. Er blieb als Ordinarius bis zu seiner Emeritierung 1988 dem Mathematischen Seminar treu.
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