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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 32 vom 22.10.2005, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Keltenherrschaft

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bündelt die Erforschung frühkeltischer Fürstensitze in einem Schwerpunktprogramm. Kieler Ur- und Frühgeschichtler sind mit Grabungen im französischen Burgund beteiligt.


Zusammen mit französischen Kollegen erkunden die Kieler Ur- und Frühgeschichtler die komplexe Siedlungsstruktur auf dem zum Mont Lassois gehörenden Plateau Saint-Marcel.
Foto: Sarah Jagiolla, Institut für Ur- und Frühgeschichte

Archäologische Hinterlassenschaften der Kelten sind unter anderem monumental überhügelte und reich ausgestattete Prunkgräber, die häufig im Umfeld großer Siedlungen angelegt worden sind. Auch die engen Kontakte zur mediterranen Welt beeinflussen die Lebensweise der Kelten während der so genannten späten Hallstattzeit, ca. 750 bis 500 v. Chr. Siedlungen mit zentralen Funktionen, so genannte Fürstensitze, befinden sich meist auf markanten Berghöhen und sind teilweise mit monumentalen Gräben und Mauern befestigt. »Man nimmt an, dass sich an solchen Plätzen eine politische Macht konzentriert hat«, erklärt Angela Mötsch vom Institut für Ur- und Frühgeschichte. »Dass also dort eine wichtige führende Persönlichkeit – den Titel der damaligen Herrscher kennen wir nicht – gelebt hat und von dort die Geschicke der Region bestimmt hat.«

Sechs solcher »Fürstensitze« werden jetzt im Rahmen eines auf sechs Jahre angelegten DFG-Schwerpunktprogramms mit neuesten Methoden untersucht. Ziel ist, mehr über die historischen Prozesse herauszufinden, die im ersten Jahrtausend vor Christus zur Herausbildung der keltischen Zivilisation in Mitteleuropa führten. Unter Leitung von Professor Ulrich Müller untersuchen Kieler Wissenschaftler im Rahmen des DFG-Projektes den »Fürstensitz« Mont Lassois im Osten Frankreichs. Die Forschungsarbeiten sind gleichzeitig auch Teil des 2001 von französischer Seite eingerichteten Forschungsprojekts »Vix et son environement«, an dem das Kieler Institut seit 2002 mit jährlichen Grabungen teilnimmt.

Der Mont Lassois bei Châtillon-sur-Seine im Burgund liegt in beherrschender landschaftlicher Lage in einer Talweitung der Seine. Berühmt wurde er durch den am Fuße des Bergs bei der Ortschaft Vix 1953 entdeckten Grabhügel. In diesem wurde etwa um 500 vor Christus eine Frau mit außergewöhnlich reichen Beigaben bestattet. Unter anderem befand sich in dem Grab ein wertvolles Bronzegefäß mit gigantischen Ausmaßen.

»Am Mont Lassois gibt es möglicherweise einen engen Zusammenhang zwischen dem sehr reichen Grab der so genannten "Fürstin von Vix" und der Siedlung auf dem Berg«, erklärt Mötsch, die vor Ort die Grabungsarbeiten leitet. »In dem Grab ist eine Frau mit sehr hohem gesellschaftlichem Einfluss bestattet worden.« Siedlung und Grab bringen die Kieler Wissenschaftler in einen zeitlichen Zusammenhang. Eine direkte Verbindung konnten sie jedoch noch nicht nachweisen. »Man kann nicht explizit sagen, dass die Fürstin, die zu Füßen des Mont Lassois bestattet wurde, tatsächlich in der Siedlung auf dem Plateau lebte. Es ist aber durchaus wahrscheinlich. Denn die Funde aus dem Grab und der Siedlung stammen aus dem gleichen Zeitraum.«

Die Funde zeugen von den intensiven Beziehungen der Griechen und Etrusker zu den Kelten, die mit großer Wahrscheinlichkeit vom Mont Lassois aus den Handel auf der schiffbaren Seine kontrollierten. Mötsch: »Für Händler, die auf der Seine nach Norden fahren wollten, waren gute Beziehungen zu den Bewohnern des Landes, durch das sie fahren mussten, sehr wichtig. Gast- oder diplomatische Geschenke, wie sie wohl im Grab der "Fürstin von Vix" vorliegen, konnten einen Beitrag zur Pflege solcher Beziehungen leisten.«

Die Struktur der Besiedlung auf dem zum Mont Lassois gehörenden Plateau Saint-Marcel ist seit 2003 durch Messungen geomagnetischer Anomalien im Erdboden maßgeblich erhellt worden. Das Magnetogramm zeigt beiderseits einer Nord-Süd-Achse Einfriedungssysteme und rechteckige Pfostenbauten. »Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Gebäude innerhalb einer Einfriedung, das in seiner Größe und Form in der späten Hallstattzeit bisher ohne Vergleich ist«, so Mötsch.

Das Gebäude hat eine Länge von zirka 35 Metern und endet im Westen in einer auffälligen Apsis (Halbrund). Die Kieler Grabungen 2004 und 2005 konzentrierten sich auf den Bereich der Apsis. Die Wissenschaftler stellten dabei fest, dass das Gebäude in mehreren Phasen errichtet wurde. Über die Bedeutung des Gebäudes lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt nur Vermutungen anstellen. Mötsch: »Es gibt keine bestimmten Funde, die darauf hinweisen, dass es zum Beispiel ein Tempel gewesen ist oder das Wohngebäude beziehungsweise der Palast der "Fürstin", möglicherweise auch ein Versammlungssaal.« Sicher ist, es handelt sich um ein hinsichtlich Größe, Gestaltung und Verzierung außergewöhnliches Gebäude, das auf jeden Fall repräsentativ war. Das Ziel der künftigen Kieler Grabungen ist es, die komplexe Siedlungsstruktur auf dem Plateau zu untersuchen, um ihre zeitliche Abfolge und den inneren Aufbau besser zu verstehen. (ne)

www.fuerstensitze.de
Die Kelten
Die Römer nannten sie Celtae oder Galli, daher der Name Gallier, der vor allem für die Kelten auf französischem Gebiet gebräuchlich ist. Man rechnet sie zur indogermanischen Völkergruppe. Die Epoche der Kelten fällt entwicklungszeitlich nach der vorausgegangenen Bronzezeit in die Eisenzeit und wird in zwei hauptsächliche Kulturstufen unterteilt: die Hallstattzeit (ca. 750 bis 500 v.Chr.) und die Latènezeit (480 v.Chr. bis zur Zeitenwende). Beide Namen haben ihren Ursprung in den jeweiligen ersten Fundorten ihrer archäologischen Entdeckung. Die Periode der frühen Keltenzeit ist nach dem österreichischen Ort Hallstatt im Salzkammergut benannt. Weitere Fundorte sind der Hohenasperg, der Hohmichele und die Siedlung Hochdorf, alle in Württemberg, der Mont Lassois nahe dem französischen Châtillon-sur-Seine mit dem legendären Grab der »Fürstin von Vix« und der Magdalensberg in den Kärntner Alpen. Die Zeit der »historischen« Kelten bekam ihren Namen von La Tène, einem Ort am Neuenburger See in der Schweiz. In dieser Periode entwickelten sich Wirtschaft, Kultur und Siedlungstechniken deutlich weiter. Es entstanden große Salzbergwerke, die Eisenherstellung wurde perfektioniert und Geldgeschäfte lösten den Tauschhandel ab.

Nach der gewaltsamen Eroberung durch Julius Caesar wurde Gallien ein Teil des römischen Reiches. Die Kultur der Kelten vermischte sich mit der römischen, um im Laufe der Jahrhunderte zu verschwinden. (ne)
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