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unizeit Nr. 33 vom 10.12.2005, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Lehrerlehre

Über die Pläne zur Umsetzung der Bologna-Beschlüsse auf die Lehrer­ausbildung an der CAU sprach unizeit mit Professor Reinhard Demuth, dem Sprecher der Fach­didaktik, und Professor Gerhard Fouquet, der als Prorektor die Umstellung der Studien­gänge koordiniert.


Prof. Reinhard Demuth (links) und
Prof. Gerhard Fouquet

Wie stellen Sie sich die Lehramtsstudiengänge als Bachelor und Master vor?

Gerhard Fouquet: Die große Frage ist zur Zeit noch, wie sich die beiden Ministerien, das Wirtschafts- und das Schulministerium, das Referendariat vorstellen und wie die Bachelor- und Masterphase miteinander verzahnt werden sollen. Hierzu warten wir auf klare Vorgaben. Wir haben aber schon Modelle vorbereitet. Den Bachelor als erste Phase wollen wir relativ polyvalent (vielseitig) halten. Wir halten von dem integrativen Vorgehen (Vermittlung gleichermaßen von fachlichen wie von pädagogischen Fähigkeiten) in der frühen Phase wenig. Ein Lehrer muss zum einen im Hinblick auf seine Vermittlungskompetenz gut sein, aber wenn er nichts zu vermitteln hat, das heißt keinen fachwissenschaftlichen Hintergrund besitzt, wird er damit nicht viel Erfolg haben. Darüber hinaus gibt es sicher Studenten, die sagen nach dem zweiten Schulpraktikum, das ist nichts für mich. Ich möchte doch gerne in die Fachwissenschaft gehen.
Man kann den Bachlor also als Berufsfindungsphase fachwissenschaftlicher Professionalisierung bezeichnen. Den Master wollen wir völlig auf die Schule ausrichten, das heißt, die fachwissenschaftlichen Anteile werden deutlich heruntergefahren. Stattdessen kommt sehr viel Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft dazu. Wir planen das letzte Semester als Übergang in das Referendariat: Es gibt ein großes Schulpraktikum und daneben die Masterarbeit, die aus dem Praktikum erwächst, anstelle einer fachwissenschaftlichen Arbeit.

Reinhard Demuth: Wir brauchen die eingeforderte Polyvalenz in einem realistischen Umfang. Da angehende Lehrer jeweils zwei Fächer parallel studieren, müssen sie natürlich fachlich andere Anforderungen erfüllen, als wenn jemand nur ein Fach studiert. Für die Chemie zum Beispiel können wir sagen, wenn sich jemand im ersten Jahr entscheidet, dann wird er ohne Probleme umsteigen können. Wenn man das erst nach dem dritten Jahr macht, wird man Veranstaltungen nachholen müssen.

Kann man denn mit dem Bachelor of Education in einen Beruf außerhalb der Schule gehen?

Demuth: Es gibt viele Studienabschlüsse, für die es keine eindeutigen Berufsfelder gibt. Ich glaube, man muss auf die Qualifikation schauen, die mit dem Bachelor erworben wurde: Was können die Leute, wie alt sind sie, dann wird sich etwas ergeben. Wenn zunehmend mehr Schulen auf Ganztagsangebote übergehen, dann wird man auch den Unterrichtstakt anders organisieren. Hier könnte ich mir vorstellen, dass es Aufgaben gibt, die vielleicht nicht den voll ausgebildeten Lehrer erfordern.

Wie unterscheiden sich die neuen Studiengänge für das Lehramt an Realschulen und Gymnasien?

Fouquet: Wir wollen uns schon auf die Bedürfnisse der einzelnen Schularten einstellen. Da nach unserer und der Vorstellung unserer Landesregierung der Master für das Lehramt an Realschulen nicht vier Semester umfassen soll, müssen wir im Bachelor schon mehr fachdidaktische und pädagogische Anteile aufnehmen, weil sonst zu wenig Zeit für die Vermittlungskompetenz bleibt.

Wird die Kritik an der bestehenden Lehrerausbildung in die Einführung von Bachelor und Master einbezogen?

Demuth: Wenn man sich an internationalen Studien orientiert, dann sieht man, dass die deutschen Lehrer im Vergleich mit allen anderen im Ausland in der Fachwissenschaft ganz gewiss keinen Nachholbedarf haben. Probleme gibt es wegen der zunehmend heterogenen Schülerschaft. Das wirft ja viele Fragen auf: Welche methodischen Mittel kann ich einsetzen, auf welches Vorwissen kann ich Bezug nehmen, wie lege ich Unterstützungsmaßnahmen so an, dass möglichst viele am Unterricht mit Erfolg teilnehmen können? Das hat etwas mit der Frage zu tun, wie mache ich mit meiner fachwissenschaftlichen Basis auch unter erschwerten Bedingungen guten Unterricht. Es ist Aufgabe der Universität, hierfür den theoretischen Rahmen zu schaffen. Es muss so etwas wie ein Kerncurriculum geben, einen Kanon von Veranstaltungen, wo genau diese Felder thematisiert werden. Das gilt für die Erziehungswissenschaft genauso wie für die Fachdidaktiken.

Es gibt verschiedene Modelle zur Lehramtsausbildung in Deutschland, das Leipziger Modell, das Bielefelder Modell. Inwieweit ist es möglich, innerhalb Deutschlands zu wechseln, was ja durch den Bologna-Prozess erleichtert werden sollte? Können etwa Bachelor-Absolventen aus Bielefeld an der Uni Flensburg einen Master-Studiengang anschließen?

Gerhard Fouquet

Fouquet: So ohne weiteres nicht. Das ist etwas, was uns große Sorgen bereitet. Es sollte ja mit dem Bologna-Prozess ein europäischer Hochschulraum konstruiert werden, und dieser Hochschulraum wird im Grunde immer weiter segmentiert, so dass man zum Schluss nicht mehr von Kiel nach Hamburg wechseln kann. Ich glaube, man geht bei der Einführung falsch vor. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hätte eine Struktur vorgeben müssen als Rahmenbedingung. Das hat man nicht getan. Das führt nun dazu, dass jede Universität im Grunde genommen etwas Eigenes kreiert.

Demuth: Ich sehe da eine Lösung: Wenn man sich darauf einigt, dass, wie im Kieler Modell vorgesehen, die fachwissenschaftliche Ausbildung im Bachelor stattfindet, und zwar in zwei Fächern, dann sollte man sich in der KMK doch darauf verständigen können, was man bundesweit von einem angehenden Chemie-, Physik- oder Geschichtslehrer an fachwissenschaftlichen Kenntnissen am Ende des Bachelors erwartet. Wenn es gelänge, dass sich zumindest die norddeutschen Länder auf diese von uns vorgeschlagene Struktur einigten, vielleicht würde das ja eine gewisse Sogwirkung nach sich ziehen.

Es gab erst vor wenigen Jahren in Schleswig-Holstein eine Novellierung der Studienordnung in der Lehramtsausbildung. Überholt jetzt nicht eine Reform die andere?

Fouquet: Ich bin jetzt schon seit 25 Jahren in diesem Geschäft, und wir hatten bisher die Reform der Reform der Reform. Wir sind dem an den Universitäten völlig ausgeliefert! Wenn wir die Bachelor- und Master-Studiengänge jetzt einführen, dann kann man nicht nach drei Jahren wieder etwas völlig Neues kreieren. Die Fächer müssen sich erst einmal auf diese grundlegende Reform einstellen. Und dazu braucht die Universität eine Phase von mindestens zehn Jahren.

Wo sehen Sie die Chancen in der Studienreform?

Demuth: Ich sehe die Chancen darin, dass man die Anlage des Studiums wirklich neu überdenkt und bestehende Schwächen abstellt. Und das Zweite ist – auch das wäre dringend veränderungsbedürftig –, dass man das Universitätsstudium und die zweite Phase der Lehrerausbildung, also das Referendariat, endlich besser aufeinander bezieht. Das wäre unglaublich wichtig.

Fouquet: Ein weiterer positiver Effekt ist, dass die Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft aufgewertet werden. Die Vermittlungswissenschaft ist für die Lehramtsausbildung grundlegend. Und das haben wir deutlicher, als das bisher war, in unserem Kieler Modell berücksichtigt.
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