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unizeit Nr. 33 vom 10.12.2005, Seite 7  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Auf der Flucht

Im 16. Jahrhundert führte die Reformation zu tiefgreifenden Veränderungen in Kirche und Gesellschaft. Eine preisgekrönte Doktorarbeit beschäftigt sich mit Kloster­austritten von Mönchen und Nonnen, die sich dafür auf Martin Luther beriefen.


Das Leben im Kloster galt im Mittelalter als die ideale christliche Lebensform. Mönche und Nonnen, die sich durch ihre Gelübde verpflichteten, ein Leben in Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam zu führen, genossen hohes Ansehen in der Gesellschaft. Doch die Schriften des Wittenberger Augustinermönchs und Reformators Martin Luther lösten zu Beginn der Zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts Zweifel bei Mönchen und Nonnen aus. Luther bestritt den Sinn aller menschlichen Bemühungen um die Gnade Gottes. Nicht gute Werke, sondern der Glaube allein machten vor Gott gerecht. Damit verlor nach seiner Überzeugung auch das Klosterleben mit seinen Gelübden seinen besonderen Stellenwert.

Das Gedankengut Luthers bewirkte eine Klosteraustrittsbewegung, wie es sie in der Kirchengeschichte bis dahin nicht gegeben hatte. Viele Ordensleute stellten offensichtlich ihr klösterliches Leben in Frage und wandten sich von ihrer bisherigen Lebensform ab, obwohl dies nach spätmittelalterlicher Auffassung die ewige Verdammnis nach sich ziehen musste. Austrittswillige hatten Repressalien durch ihre Ordensoberen zu fürchten. Eine 16-jährige Nonne, die als Kind ins Kloster gegeben worden war, wurde nach wiederholten Fluchtversuchen zu lebenslanger Klosterhaft verurteilt, bevor ihr am Ende die Flucht zu Luther nach Wittenberg gelang. Nicht selten versuchten auch die Ordensoberen, die Rückkehr der Ausgetretenen durch die weltlichen Obrigkeiten zu erzwingen.

Dr. Antje Rüttgardt untersucht in ihrer Dissertation die Klosteraustritte als Umbruchsphänomen der frühen Reformation. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen acht Fälle von Klosteraustritt aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Anhand von gedruckten Selbstzeugnissen, in denen die Betroffenen ihren Austritt aus dem Kloster vor der Öffentlichkeit rechtfertigen, beleuchtet die Verfasserin den historischen Hintergrund der Klosteraustritte und die Motivation derjenigen, die ihr Kloster verließen. Die Theologin, inzwischen Pastorin in Wolfsburg, verbrachte einen Teil ihres Studiums in Kiel und lernte dort die Arbeit mit Flugschriften der Reformation kennen. Ihre Dissertation, die Professor Johannes Schilling von der Theologischen Fakultät als Doktorvater betreute, entstand auf Grundlage von acht Rechtfertigungsschriften. Die Arbeit erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Fakultätspreis 2005 der Theologischen Fakultät der CAU.

»Wer sich damals entschloss, aus dem Kloster auszutreten, hat sich vorher intensiv mit reformatorischem Gedankengut und mit der Bibel auseinander gesetzt«, sagt Rüttgardt. »Die Selbstzeugnisse zeigen, dass die Betroffenen sich innerhalb der Klostergemeinschaft isoliert fühlten und vor allem darunter litten, ihren Glauben nicht so leben und weitergeben zu dürfen, wie sie es wünschten. Eine ausgetretene Nonne beschrieb rückblickend, dass sie das Verbleiben im Kloster nach der Lektüre der Schriften Luthers als direkten Weg in die Hölle empfunden hätte.«

Für die Theologin sind die Klosteraustritte während der Reformation auch Zeugnisse für die beginnende Individualisierung der Gesellschaft: »Ich finde es faszinierend, wie intensiv die einzelnen Betroffenen um die eigene Position gerungen haben. Die Entscheidung, sein eigenes Leben auch gegen eine Mehrheitskultur zu gestalten, ist heute immer noch ein aktuelles Thema.« (js)
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