Freiheit! Gleichheit?
In Frankreich herrschte nach den Gewaltausbrüchen im Oktober/November 2005 bis zum 3. Januar der Ausnahmezustand. Im Gespräch mit unizeit analysiert der Sozialpsychologe Professor Bernd Simon die Zustände dort und vergleicht sie mit der Situation in Deutschland.
Sie beschäftigen sich schon länger mit Massenphänomenen. Wie ordnen Sie die Gewaltausbrüche in den französischen Vorstädten ein?
Bernd Simon: Das Ganze trug schon Züge eines Volksaufstandes. Das kann man auch daran sehen, dass die Staatsmacht massiv reagiert hat, nämlich mit der Ausrufung des Notstands. Sehr viele Kommentatoren haben gesagt, es waren blinde Wutausbrüche. Dem stimme ich nicht zu. Als blinde Wutausbrüche kann das nur derjenige bezeichnen, der blind ist gegenüber den Ursachen dieser Gewaltausbrüche.
Was sind die Ursachen?
Wenn man es auf einen Nenner bringen will, dann war das eine Reaktion der Empörung auf nicht gehaltene Versprechen. Die französische Republik propagiert offensiv eine individualistische Assimilationsstrategie. Das heißt, die zumeist in Frankreich geborenen jungen Männer, die jetzt gewalttätig geworden sind, wurden als individuelle Staatsbürger in die Nation aufgenommen, nicht als Mitglieder einer speziellen ethnischen oder kulturellen Gruppe. Damit hat man ihnen das Versprechen gegeben, dass sie an den Verheißungen der Republik – liberté, égalité und fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) – teilhaben können. Tatsächlich gibt es aber eine systematische Diskriminierung von Menschen anderer Hautfarbe, Herkunft oder Religion, selbst wenn sie perfekt französisch sprechen – und das wissen die Franzosen seit über 20 Jahren. Diese Einwanderer beziehungsweise ihre Nachkommen sind vom Anspruch her gleich, werden aber ungleich behandelt. Das hat die ungeheure Empörung ausgelöst.
Ist die Situation in Frankreich vergleichbar mit der in Deutschland?
Vergleichbar schon, aber nicht gleichzusetzen. Deutschland verfolgt anders als Frankreich keine klare Linie in der Einwanderungs- beziehungsweise Integrationspolitik. Einerseits fordern deutsche Politiker Integration, verstanden als Assimilation (Angleichung), andererseits soll es auch Zugeständnisse geben im Hinblick auf eine multikulturelle Gesellschaft. Deutschland ist in dieser Frage eher konzeptionslos. Paradoxerweise hat das möglicherweise einen positiven Effekt: Deutschland hat weniger Versprechen gemacht, und damit sind auch weniger Versprechen gebrochen worden. Es gibt hier wahrscheinlich gar nicht diese Empörung auf Seiten der Mitbürger mit Migrationshintergrund.
Man hört oft, dass die so genannten »Parallelgesellschaften« eine Gefahr für den sozialen Frieden in Deutschland darstellen würden. Es spricht aber auch einiges dafür, dass sie eine nicht unwesentliche Ursache für die friedliche Koexistenz hierzulande sein könnten. Innerhalb der »Community« funktioniert das alltägliche Leben relativ reibungslos und auch zufriedenstellend. Und von daher entstehen dann vielleicht auch weniger Gefühle der Deprivation, der Benachteiligung.
Heißt das, hierzulande drohen keine Gefahren?
Selbstverständlich ist es eine unbefriedigende Situation, wenn Menschen nicht vollständig integriert sind, nicht die gleichen Rechte haben. Aber Ausländer oder Migranten haben ja in Deutschland nicht systematisch Deutsche überfallen oder deutsche Autos in Brand gesteckt. Stattdessen drohte lange Zeit die umgekehrte Gefahr, dass sie Opfer rechtsextremer Gewalttäter würden. Im Moment ist es an dieser Front etwas ruhiger geworden. Man sollte daher den Blick erweitern und nicht die Ereignisse in Frankreich zum Anlass nehmen, den Konflikt herbeizureden.
Gleichzeitig sollte man aber auch nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass, wenn bestimmte Teile einer Gesellschaft benachteiligt sind, sich dort früher oder später Unmut in irgendeiner Weise artikulieren wird. Man kann hoffen, dass sich dieser Unmut politisch artikuliert. Insbesondere für Jugendliche türkischer Herkunft ist die Situation ganz schlecht. Sie sind häufiger arbeitslos und schlechter ausgebildet als gleichaltrige Deutsche. Ich glaube allerdings nicht, dass sich das in einer radikalisierten militanten Weise äußern muss. Meine Befürchtung wäre eher, dass es hier zur Entstehung von autoritär geprägten, teilweise auch kriminalisierten Milieus unter den Jugendlichen kommt.
Wie schätzen Sie die Gefahr von religiösem Fanatismus oder islamistischem Terror ein?
Auch das möchte ich nicht herbeireden. Es besteht immer die Gefahr, wenn bestimmte Gruppen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden, dass sie sich dann eine radikalisierte Ideologie suchen. Religion wirkt in diesem Sinne, indem sie die Leidenssituation erklärt, Sinn stiftet und auch Möglichkeiten aufzeigt, die Situation zu verändern. Von daher könnten Menschen mit Migrationshintergrund in den religiösen Fanatismus hineingetrieben werden. Wir beobachten schon seit einiger Zeit, dass sich zunehmend auch Jugendliche dem Islam zuwenden. Das werte ich als eine Reaktion auf die Schließung der deutschen Gesellschaft.
Der Islam gibt vielen Menschen, insbesondere solchen, die unterdrückt sind oder die sich benachteiligt fühlen, durch die Zugehörigkeit und die weltweite Präsenz ein Gefühl der Macht. Solange wir also diese Mitbürger weiterhin ohnmächtig machen, ist auf ihrer Seite das Bedürfnis besonders stark, Macht wiederzuerlangen und eine Gegenmacht demonstrieren zu können.
Darüber hinaus können sie durch ein konsistentes und konsequentes Leben nach dem Islam eine gewisse moralische Überlegenheit uns gegenüber demonstrieren. Sie berühren damit schließlich auch Unsicherheiten und Widersprüche in der Mehrheitsgesellschaft. Denn einerseits propagieren wir bestimmte Werte, zum Beispiel Mitgefühl und Solidarität, andererseits sieht die Wirklichkeit oft ganz anders aus.
Wie sollte die Politik Ihrer Meinung nach reagieren?
Wenn man wieder an Frankreich anknüpft: Versprechen machen und Versprechen halten. Und natürlich gehört auch dazu, Verpflichtungen einzufordern. Es ist zu verzeichnen, dass die Einbürgerungszahlen zurückgehen, insbesondere in der türkischen Gemeinde in Deutschland. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ihnen die doppelte Staatsbürgerschaft nicht ermöglicht wird. Ich glaube, man sollte den Widerstand gegen die doppelte Staatsbürgerschaft noch einmal überdenken. Insbesondere der älteren Migrantengeneration sollte die doppelte Staatsbürgerschaft zugestanden werden. Den jüngeren, die schon hier geboren und aufgewachsen sind, sollte es – eine kluge Integrationspolitik vorausgesetzt – dann zunehmend leichter fallen, Deutschland wirklich als ihre Heimat zu entdecken. (ne)
Bernd Simon ist Professor für Sozialpsychologie und Evaluation an der Universität Kiel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Identitäts- und die Gruppenforschung.
Politisches Engagement bei Migranten
In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt untersucht die Arbeitsgruppe von Professor Bernd Simon das politische Engagement von in Deutschland lebenden Türken. Die Längsschnittstudie soll in den nächsten Wochen starten. Simon: »Wir fragen unter anderem nach der Identifikation mit den in Deutschland lebenden Türken – also mit ihresgleichen – und mit Deutschland insgesamt und auch nach der Bedeutung von Religion. Außerdem fragen wir nach Erfahrungen der Zurückweisung, der Akzeptanz und nach der Bereitschaft, sich politisch zu engagieren.« Die Befragung soll nach einiger Zeit wiederholt werden. »Damit haben wir die Möglichkeit zu registrieren, wie die Befragten auf zwischenzeitliche Ereignisse reagieren«, ergänzt Simon. Unter politischem Engagement versteht der Sozialpsychologe zum Beispiel Mitarbeit in Stadtteilprojekten, Beteiligung an Wahlen, sofern die Befragten das Wahlrecht besitzen, bis hin zu Engagement in Gewerkschaften oder auch in der türkischen Gemeinde. Das Forschungsvorhaben wird von der türkischen Gemeinde in Deutschland und mehreren Gewerkschaften unterstützt.
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