Bedrohte Fischbestände
Der industrielle Fischfang schmälert die Fischbestände rapide, und auch die Artenvielfalt schwindet. Durch Kauf von zertifizierten Fischprodukten können Verbraucher nachhaltigen Fischfang fördern.

Foto: pur.pur
Was kann der Verbraucher dagegen tun? Ist es sinnvoll, nur noch bestimmte Fischarten zu kaufen? Die Umweltverbände Greenpeace und World Wildlife Fund (WWF) verbreiten unterschiedliche Fisch-Einkaufsführer, in denen für jede Fischart nachgelesen werden kann, wie es um den Bestand steht und ob die jeweilige Fangmethode problematisch ist. Nach dem Greenpeace-Ratgeber »Fisch & Facts. 2005« könnten derzeit allenfalls vier Fischarten ohne größere Bedenken auf den Speiseplan gesetzt werden: Karpfen, Makrele, Hering und Seelachs. Bei allen anderen Arten seien Bestandslage oder Fangmethoden kritisch beziehungsweise katastrophal. Der von den Verbraucherzentralen und dem WWF herausgegebene Ratgeber hat immerhin neun Fischarten im annehmbaren Bereich: Alaska-Wildlachs, Atlantischer Lachs (Öko-Lachs), Hering, Hoki, Karpfen (Öko), Makrele, Regenbogenforelle (Öko), Seelachs und Zander. Die unterschiedliche Bewertung der Situation zeigt, wie schwierig es ist, eine Empfehlung zu geben.
Wie steht die Wissenschaft dazu? Kann man durch Boykott bestimmter Arten den Druck auf die Fischbestände reduzieren? Professor Dietrich Schnack vom Leibniz-Institut sieht das skeptisch: »Im marinen Bereich gibt es im nordatlantischen Raum eigentlich nur zwei Arten, die gegenwärtig sinnvoll befischt erscheinen, das sind Seelachs und Hering. Alle anderen sind mehr oder weniger überfischt.« Die Konzentration auf diese beiden Arten sei nicht sinnvoll, weil dadurch der Druck auf diese Arten stark ansteigen würde. Ein Effekt könnte nur dann erzielt werden, wenn der Verbraucher bereit wäre, einen höheren Preis für Fische zu bezahlen, die aus gut bewirtschafteten (zertifizierten) Beständen stammten. Der Druck ginge dann nicht in Richtung auf einzelne Arten, sondern in Richtung auf gute Bewirtschaftung.
Auch Dr. Gerd Hubold, Leiter des Instituts für Seefischerei der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg, sieht die Einkaufsratgeber kritisch. »Die faktischen Informationen sind weitgehend korrekt«, so Hubold. »Die daraus gezogenen Empfehlungen hinsichtlich Befischungsmöglichkeiten und Risikobeurteilung stehen allerdings in vielen Fällen im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Empfehlungen, etwa des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES).« Er nennt das Umweltsiegel MSC des Marine Stewardship Council als eine Möglichkeit, sich für einen nachhaltigen Fischfang einzusetzen. Das Gütezeichen signalisiere dem Verbraucher, dass es sich um ein Produkt aus garantiert umweltverträglich bewirtschafteter Fischerei handele. Wo es Produkte mit dem MSC-Siegel gibt, steht auf der Internetseite der Organisation. Insgesamt bewertet Hubold die Lage nicht ganz so kritisch. »Es gibt neben Hering und Seelachs noch weitere Speisefische, die unbedenklich sind und recht gut bewirtschaftet werden. Dazu zählt zum Beispiel auch der riesige norwegische Kabeljaubestand.«
Das Ausweichen auf Zuchtfisch aus Aquakultur ist zumindest keine bessere Lösung. Das Problem hierbei ist die Fütterung mit Fischmehl. Fischmehl wird im Wesentlichen aus kleinen Fischarten (zum Beispiel Sardellen, Sprotten, Sandaalen, Stintdorschen, Lodden) hergestellt. »Wenn große, produktive Bestände der Futterfische befischt werden, ist das kein Problem«, so Schnack, der im Kieler Forschernetzwerk »Ozean der Zukunft« mitarbeitet. »Aber diese Bestände durchlaufen starke natürliche Fluktuationen, denen sich die Fischmehlindustrie kaum anpassen kann, und wenn in Phasen geringer Produktion die kleinen Fische weiterhin für die Fabriken abgefischt werden, stehen sie nicht mehr in ausreichender Menge als Nahrung für andere, größere Arten zur Verfügung.« Außerdem geraten beim Fang der kleinen Fischarten auch Jungfische verschiedener Speisefischarten in die Netze. Gerade in der Nordsee sei daher die Industriefischerei zur Fischmehlproduktion als problematisch zu beurteilen.
Der Kieler Fischereibiologe Dr. Rainer Froese, der ebenfalls Mitglied im Forschernetzwerk »Ozean der Zukunft« ist, weist darauf hin, dass die meisten in Europa gefangenen Fische sich vor dem Fang nicht vermehren konnten, was eine wesentliche Ursache für den sehr schlechten Zustand der Elternfischbestände ist. Er schlägt vor, nur noch Fische bestimmter Mindestlänge zu kaufen. Froese hat dazu ein Lineal entwickelt, den so genannten Fisch-Max (www.incofish.org), auf dem die Größen bei Geschlechtsreife für verschiedene Fischarten verzeichnet sind. Verbraucher sollen damit den Fisch vor dem Einkauf messen und zum Beispiel den in Nord- und Ostsee stark zurückgegangenen Kabeljau nur dann kaufen, wenn er über 43 Zentimeter (Ostsee-Kabeljau oder Dorsch) oder über 68 Zentimeter (Nordsee-Kabeljau) misst. Bei diesen Größen könne davon ausgegangen werden, dass der Fisch bereits einmal ablaichen konnte. In Kiel sind diese Lineale bei der Buchhandlung Dawartz erhältlich.
Dieser Ansatz ist laut Hubold nicht geeignet, die Bewirtschaftung der Fischbestände zu verbessern. Solange der Elternfischbestand genügend groß ist, sei es für eine nachhaltige Bestandsbewirtschaftung irrelevant, wenn auch Fische angelandet werden, die noch nicht alle gelaicht haben. Damit nicht zu viele kleine Fische gefangen werden, sind Mindestmaschengrößen und Mindestanlandelängen vorgeschrieben. Wenn nun die Mindestanlandelängen für Kabeljau erhöht würden, ohne gleichzeitig auch das Netz entsprechend anzupassen, würden die kleineren Fische weiterhin gefangen. Sie könnten aber nicht angelandet werden und müssten noch auf See weggeworfen werden.
Den Einfluss von Seiten des Verbrauchers schätzen die Wissenschaftler unterschiedlich ein. »Das ist der falsche Ansatz«, warnt Schnack. »Der richtige Ansatz wäre, die Fischereikapazität insgesamt stark zu reduzieren, dies würde sich positiv auf alle Arten und auch auf den Gesamtertrag auswirken. Die bisherigen Maßnahmen zum Fischereimanagement haben sich als nicht ausreichend erwiesen. Man hat sich international nicht auf genügend niedrige Fangquoten einigen können. In der EU gibt es daher verstärkte Bestrebungen, einen Abbau der zu großen Fangflotten zu erreichen.« Sein Kollege Froese dagegen hält »die Beteiligung der Öffentlichkeit für die wesentliche Voraussetzung, wenn man den absehbaren weiteren Niedergang der europäischen Bestände aufhalten will.« (ne)

Fotos: M. v. Klinkowström; Copyright BFAFi (Bundesforschungsanstalt für Fischerei)
Weitere Informationen im Internet:
- www.greenpeace-magazin.de/spezial/fischfuehrer/frame.html
- www.wwf.de/naturschutz/lebensraeume/meere-kuesten/fischerei/einkaufsfuehrer-fisch
- de.msc.org
- www.bfa-fisch.de
- www.ices.dk
Forschernetzwerk
Um meereswissenschaftliche Forschungen an der CAU zu bündeln, hat sich das Netzwerk »Ozean der Zukunft« gegründet. Beteiligt an dem Netzwerk sind Wissenschaftler von fünf Fakultäten sowie die beiden Leibniz-Institute IFM-GEOMAR und Institut für Weltwirtschaft. Die Idee ist, dass wir Fragen rund ums Meer »als eine Art Leitthema für die CAU definieren«, erklärt der Sprecher des Netzwerks, Professor Klaus Wallmann. »Bisher war die meereswissenschaftliche Forschung am IFM-GEOMAR ausgelagert. Jetzt geht es darum, die Meeresforschung verstärkt an der Universität zu verankern. Denn viele Themen lassen sich nur interdisziplinär bearbeiten.« Als Beispiel nennt der Professor für Marine Geosysteme das Management der Fischereiwirtschaft. So erarbeiten Meereswissenschaftler beispielsweise gemeinsam mit Ökonomen Modelle für die nachhaltige Bewirtschaftung von Fischbeständen. Juristen sind aufgefordert, den rechtlichen Rahmen dafür zu definieren. ne
www.uni-kiel.de/future-ocean
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