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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 36 vom 27.05.2006, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Tierische Reise

Im norddeutschen Raum halten Menschen seit rund 6000 Jahren Haustiere. Die Tiere wurden nicht aus einheimischen Wildtieren gezüchtet, sondern stammten aus dem Orient.


Im norddeutschen Raum halten Menschen seit rund 6000 Jahren Haustiere. Die Tiere wurden nicht aus einheimischen Wildtieren gezüchtet, sondern stammten aus dem Orient. Foto: Panthermedia

Die Domestikation – also die Züchtung von Haustieren und Kulturpflanzen aus Wildtieren und Wildpflanzen – fand auf der Erde an ganz unterschiedlichen Stellen statt. »Ent­scheidend für uns in Europa ist der Vordere Orient. Die ältesten Haustiere mit Ausnahme des Hundes gibt es im Vorderen Orient, das waren Schaf, Ziege und Rind«, berichtet Professor Johannes Müller, der Experte für die Jungsteinzeit vom Institut für Ur- und Frühgeschichte. »Die Domestikationsprozesse fanden statt mit der Sesshaft­werdung des Menschen und dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht.« Der Fachmann nennt diesen Wandel in der Lebensweise Neolithisierung.

Die Wurzeln dieses Übergangs zur Jungsteinzeit liegen im Fruchtbaren Halbmond, dem niederschlagsreichen Gebiet im Norden der arabischen Halbinsel, das die innerarabischen Trockengebiete Syriens, Saudi-Arabiens und des Irak sichelförmig umschließt. »Haustiere kommen dort im 9. Jahrtausend vor Christus auf«, so Müller. Die bäuerliche Lebensweise breitete sich dann rasch aus, entlang der Mittelmeerküste bis nach Spanien, über Griechenland und den Balkan bis nach Mittel- und Nordeuropa. »Um 6500 vor Christus können wir erstmals in Südosteuropa Haustiere nachweisen, 5500 vor Christus im südlichen Mitteleuropa und um 4000 vor Christus in Südskandinavien und dem norddeutschen Raum.« Die Rolle der Haustiere wird bei Grabungen des Institutes für Ur- und Frühgeschichte in Bosnien, Süddeutschland und Polen untersucht. In Schleswig-Holstein ist Professor Dirk Heinrich von der Abteilung Haustierkunde des Zoologischen Instituts der Kieler Universität mit der Analyse frühester Haustiere beschäftigt.

Interessanterweise verbreitete sich nicht nur die bäuerliche Lebensweise, auch die Tiere wurden mitgebracht und mussten sich den jeweiligen klimatischen Verhältnissen anpassen. Für Schaf und Ziege ist das schon lange bekannt. Denn diese Tiere kommen als Wildform im Vorderen Orient vor, nicht aber in Europa. Beim Rind ist das etwas anderes. Der Ur- oder Auerochse, die Wildform des Rindes, gab es im gesamten europäischen Raum. »Deswegen ging man bisher davon aus«, so Müller, »dass die in der jeweiligen Region heimischen Wildtiere domestiziert wurden. Tatsächlich waren jedoch die mitteleuropäischen frühen Rinder anatolischen Ursprungs, wie neueste DNA-Analysen der Knochenfunde ganz klar belegen. Es müssen also mitgebrachte Tiere gewesen sein.«

Prähistoriker erklären sich die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise unter anderem mit einer »Bevölkerungsexplosion« als Folge der besseren Ernährungssituation durch Haustiere und Getreidevorräte. Aufgrund des Bevölkerungswachstums war man gezwungen, neue Dörfer zu gründen und dort sesshaft zu werden.

Anfangs dienten Haustiere, wie zuvor Wildtiere, als Fleisch-, Horn-, Sehnen- und Felllieferanten. Um 3500 vor Christus kamen andere Nutzungen hinzu. »Das hängt unter anderem damit zusammen, dass der Wagen aufkommt und Rinder den Wagen ziehen«, so Müller. »In dieser Zeit haben Rinder einen hohen Wert. Das sieht man zum Beispiel daran, dass wir bei besonders reichen Bestattungen im Umfeld auch Rinderbestattungen finden. Dabei werden die Tiere wie die Menschen hockend, in Schlafstellung bestattet und sie bekommen auch Beigaben.« Auch die Nutzung von Sekundärprodukten wie Milch, Käse und Wolle kommt in der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends auf. Typische Hinterlassenschaften, die auf Wolle und Textilien hinweisen, sind Webgewichte oder Spinnwirtel. Intensive Untersuchungen zum Mensch-Tier-Umwelt-Verhältnis finden für die jungsteinzeitliche Siedlung Okolište nordwestlich von Sarajewo in Bosnien statt. Dort ist das Institut seit 2002 in einem internationalen Grabungsprojekt federführend.

»Mit der Sesshaftwerdung, mit der Veränderung der Wirtschaftsweise findet ein Epochenwechsel statt, der das Leben der Menschen tiefgreifend verändert hat. Man nennt das neolithische Revolution«, so Müller. »Neben der industriellen Revolution war die neolithische Revolution der dramatischste Einschnitt in der Menschheitsgeschichte mit enormen sozioökonomischen Veränderungen. Hier prägten sich Territorialität und Privateigentum viel stärker aus als in Jäger- und Sammlergesellschaften, die vorher existierten. Haustiere sind hier nur ein Teil von einer größeren, anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation.« (ne)
Frühe Hundehaltung
»Die Domestikation von Hunden ist unabhängig von dem Beginn der Viehhaltung zu sehen. Bereits Jäger und Sammler hatten Hunde als Begleiter«, so der Archäologe Professor Johannes Müller. Die frühen Ackerbauern hielten den Hund zum Beispiel zur Bewachung von Herden in der Viehhaltung fern der Siedlung.

Stammvater des Haushundes ist der Wolf. Analysen des Erbgutes haben bestätigt, dass der Haushund vom gemeinen Wolf (canis lupus) abstammt. Wann Hunde erstmals gezähmt wurden, ist unklar. Man schätzt, dass die Anfänge der Wolfsdomestikation bis in die Zeit 25.000 bis 18.000 vor Christus zurückreichen.
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