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unizeit Nr. 36 vom 27.05.2006, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

»Echt« dänische Musik

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt sich in Dänemark eine eigenständige Musikkultur. Sie wird als Teil eines nationalen »Goldenen Zeitalters« begriffen. Kieler Musikwissenschaftler gehen diesem Mythos auf den Grund.


Wilhelm Marstrand (1810-1873): Musikalische Abendgesellschaft im Haus des Weinhändlers Chr. Waagepetersen (Ausschnitt). 1834. Öl auf Leinwand. Foto: Nationalhistorisches Museum Schloss Frederiksborg, Hillerød

»Das Goldene Zeitalter ist in der Musikgeschichte die nationale Selbst(er)findung der Dänen in der Musik«, so der Musikwissenschaftler und Dekan der Philosophischen Fakultät Professor Siegfried Oechsle. »Dänemark war zuvor sehr stark von ausländischen Künstlern bestimmt. Neben der italienischen Hofoper und dem französischen Singspiel prägten vor allem deutsche Komponisten, die als Konzert- oder Kapellmeister und Instrumentalisten nach Kopenhagen kamen, das dänische Musikleben.« Dieser Einfluss »ausländischer« Künstler geht dann schrittweise immer weiter zurück. »Folgt man den einschlägigen Darstellungen des 20. Jahrhunderts, so war von den Anfängen bis etwa 1772 – dem Ende der Struensee- Zeit – ›dänische Musik‹ gleichbedeutend mit ›Musik in Dänemark‹. Dann jedoch setzte ein Prozess ein, der die musikalische Nation auf dem Weg zu sich selbst zeigte. Zunächst kam ›danskhed‹ in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen mit ausländischen Ingredienzien vor, bis dann auf dem Höhepunkt des Goldenen Zeitalters in Dänemark geborene Dänen die Führung übernahmen.«

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Musikszene geprägt durch ein buntes Mosaik nicht­dänischer Figuren wie Johann A. Scheibe, Paolo Scalabrini, Giuseppe Sarti und Johann Hartmann. Bekannteste Vertreter der nächsten Komponistengenerationen waren vor allem die gebürtigen Deutschen Johann Abraham Peter Schulz, ursprünglich aus Lüneburg, und Friedrich Ludwig Æmilius Kunzen aus Lübeck sowie später Christoph Ernst Friedrich Weyse, der ursprünglich aus Altona stammte, und Friedrich Kuhlau aus Uelzen. Oechsle: »Die Jahre um und nach 1800 kann man als eine Art Wasserscheide der nationalen Topographie bezeichnen. Während auf der Seite von Schulz und Kunzen im Verhältnis zwischen dänischen und deutschen Anteilen die deutschen überwiegen, werden Weyse und Kuhlau bereits als Dänen mit deutscher Abstammung geführt. Das Herzstück des Guldalders stellen Gade und Hartmann dar. Beide sind von Geburt dänischer Nationalität.«

Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) zählte zur Spitze der musikalischen Avantgarde in Europa. ersten Symphonie, die Mendelssohn 1843 mit ungewöhnlich großem Beifall in einem Gewandhaus-Konzert in Leipzig aufführte. Mendelssohn berief den 26-Jährigen als Lehrer an das Leipziger Konservatorium und machte ihn 1844 zum zweiten Dirigenten der Gewandhaus-Konzerte. Nach Mendelssohns Tod 1847 übernahm Gade deren alleinige Leitung, kehrte jedoch bereits im darauffolgenden Jahr wieder nach Dänemark zurück, als ihm aufgrund des deutsch-dänischen Krieges nationalistische Resentiments entgegenschlugen. Er wurde Leiter der Kopenhagener Musikforeningen und 1866 Mitbegründer und Direktor des heutigen Kongelige Danske Musikkonservatoriums. Trotz seiner Bedeutung ist Gade heute kaum noch bekannt.

»So eine Figur wie Gade hat mich besonders interessiert, weil er ein Grenzgänger ist und Teil eines transkulturellen und binationalen Zusammenhangs, der in den jeweils nationalhistorischen Perspektiven der dänischen und der deutschen Musikgeschichtsschreibung praktisch in den Spalt dazwischen fiel«, so Oechsle. In der deutschen Geschichtsschreibung wurde er an den Rand gedrängt, weil es ja Sache der Dänen war, ihre eigene Musikgeschichte darzustellen. In der dänisch-nationalen Perspektive wurde Gade ebenfalls marginalisiert, weil er sehr europäisch ausgerichtet war. Zu einer Hauptfigur der dänischen Musikgeschichtsschreibung dieser Zeit ist Johann Peter Emilius Hartmann (1805 – 1900), der Schwiegervater Gades, geworden. Er hat Der Durchbruch gelang ihm mit seiner Dänemark kaum verlassen und die skandinavischen alten Volksweisen in seiner Musik stärker aufgegriffen.

Die Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte Dänemarks hat am Kieler Musikwissenschaftlichen Institut Tradition. »Wir wagen eine neue Sicht auf das Goldene Zeitalter. Uns interessiert vor allem die transnationale Perspektive, der europäische Blickwinkel. Gade haben wir wieder auf den Schild gehoben. Es gibt mittlerweile eine 20-bändige Gade- Gesamtausgabe und drei Gesamteinspielungen der Gade-Sinfonien. Als ich Student war, musste ich mit alten Tonbandkopien von Rundfunkmitschnitten der fünfziger Jahre arbeiten. Die dänische Musik der Romantik ist auf dem Weg zu internationaler Geltung, aufgrund der Qualität dieser Musik.«

Am 10. Juli hält Professor Siegfried Oechsle im Audimax einen Vortrag zum Goldenen Zeitalter der Musik in Dänemark. Veranstalter ist die Universitätsgesellschaft. (ne)
Stichwort: Goldenes Zeitalter
Goldenes Zeitalter ist ein Begriff aus der antiken griechischen Mythologie. Er bezeichnet eine als Idealzustand betrachtete Urphase der Menschheitsgeschichte. In der Neuzeit dient der Begriff »Goldenes Zeitalter« zur retrospektiven Charakterisierung von Blütezeiten.

Als das »Goldene Zeitalter« der Kultur, Kunst und Literatur Dänemarks (»Guldalder«) wird die Zeit von etwa 1800 bis 1848, in der Musik bis zirka 1866/70 bezeichnet. Es ist eine Epoche politischen Niedergangs aber hoher kultureller Blüte. In den Napoleonischen Kriegen wurde Kopenhagen 1807 durch Angriffe größtenteils zerstört, und Dänemark verlor in den Friedensverträgen 1814 viele Gebiete; die Folgen des napoleonischen Feldzuges waren eine Verarmung Dänemarks, eine hohe Arbeitslosigkeit und Lebensmittelmangel. »Quer zu dieser insgesamt durch Nöte, Einschränkungen und politische Spannungen gekennzeichneten Phase ist das kulturelle Leben quasi explodiert«, so der Kieler Musikwissenschaftler Professor Siegfried Oechsle. Berühmte Künstler des »Guldalder« sind unter anderem der Bildhauer Bertel Thorvaldsen, der Dichter Hans Christian Andersen, der Maler Christoffer Wilhelm Eckersberg und in der Musik die Komponisten Niels Wilhelm Gade und Johann Peter Emilius Hartmann.
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