Ungewollt nachtaktiv
Schlafwandeln ist an sich völlig harmlos, aber durch Unfälle kann es lebensgefährlich werden. Wer sehr unter den nächtlichen Aktionen leidet, kann sich im Schlaflabor untersuchen lassen.

Es gibt keine »schlafwandlerische Sicherheit«. Betroffene sind während des Schlafwandelns und ganz besonders beim Aufwachen oder gar Aufwecken überaus gefährdet, je nachdem, wo sie sich gerade befinden. Foto: pur.pur
Dr. Robert Göder, der Leiter des Schlaflabors am Zentrum für Integrative Psychiatrie der Kieler Universitätsklinik ist skeptisch, ob ein Schlafwandler tatsächlich eine solch komplexe Handlung unbewusst vollführen kann. Gänzlich ausschließen möchte er es jedoch nicht. Denn es gibt auch Berichte von Schlafwandlern, die etliche Kilometer mit dem Auto gefahren sind. »Das ist im Einzelfall schwer zu beurteilen«, so Göder. »Ich würde vermuten, dass die Gegenwehr des Opfers den Mann zum Aufwachen hätte bringen müssen.«
Mit ausgestreckten Armen und glasigem, starrem Blick umherlaufend, so stellt man sich einen Schlafwandler vor, und genauso kann es auch ablaufen. Manchmal setzt sich der Betroffene aber auch nur im Bett auf, schaut ratlos, verwirrt oder desorientiert umher, beginnt vielleicht an der Wäsche zu zupfen, schiebt Kissen oder Bettzeug hin und her und legt sich dann wieder hin. Im typischen Fall des Schlafwandelns verlässt der Betroffene das Bett, öffnet Türen oder Fenster, geht in die Dusche oder an den Kühlschrank und holt sich etwas zu essen. Kritisch wird es, wenn der Schlafwandler die Wohnung verlässt, vielleicht Treppen hoch oder herunter geht oder auf die Straße läuft. Etliche Gefahren lauern bei diesen nächtlichen Ausflügen. Schlafwandler können über Hindernisse fallen, Gegenstände wie Messer und Scheren in die Hand nehmen und sich dabei verletzen, sie können das Fenster öffnen und hinausstürzen oder die Treppe herunter fallen. Göder: »Einer unserer Patienten ist durch eine geschlossene Glastür gegangen und hat sich ernsthaft am Bauch verletzt, so dass er operiert werden musste.«
Dass man sich überhaupt im Schlaf bewegen kann, erklären Schlafforscher mit dem unvollständigen Aufwachen aus einer Tiefschlafphase. Göder: »Beim Schlafwandler ist die Stabilität des Tiefschlafs gestört. Teile des Gehirns werden wach, während die für das Bewusstsein entscheidenden Gehirnareale weiterschlafen. Dem Schlafwandler sind daher die Handlungen, die im Tiefschlaf ablaufen, nicht bewusst.« Die Ursachen des Schlafwandelns sind nicht bekannt. Untersuchungen weisen darauf hin, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. »Schlafwandeln tritt in Familien gehäuft auf«, so Göder. »Wenn ein Elternteil betroffen ist, ist das Risiko für Schlafwandeln des Kindes doppelt so hoch wie bei Kindern "unbelasteter" Eltern, und dreimal so hoch, wenn Vater und Mutter betroffen sind.« Aber auch bestimmte Lebensumstände, zum Beispiel Stress, chronischer Schlafmangel oder fiebrige Erkrankungen können die Neigung zum Schlafwandeln erhöhen.
Grundsätzlich betrachtet man Schlafwandeln bei Kindern nicht als Krankheit, sondern als ein »normales« Phänomen, das mit der Reifung des Gehirns verbunden ist. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren schlafwandeln. Mit dem Einsetzen der Pubertät normalisiert sich das Schlafverhalten jedoch in den meisten Fällen. Den Anteil der erwachsenen Schlafwandler schätzt man auf etwa ein Prozent.
Zur Verletzungsgefahr kommt hinzu, dass man sich selbst unheimlich ist. Nicht zu wissen, was man nachts unternimmt, verunsichert Betroffene oft sehr. Bei großer Unsicherheit empfiehlt Göder eine Beratung zum Beispiel in der Schlafambulanz oder bei einem Neurologen. »Wenn das Verhalten ausgeprägt oder selbstgefährdend ist, würden wir eine Untersuchung im Schlaflabor machen, auch um den Therapieerfolg einer Behandlung abzusichern«, erklärt der Schlafmediziner. Auch bei unsicherer Diagnose sei die Schlaflaboruntersuchung sinnvoll, um andere Formen von auffälligem Verhalten im Schlaf abzugrenzen. Hierzu zählen zum Beispiel epileptische Anfälle oder eine Traumschlafverhaltensstörung. (ne)
Zentrum für Integrative Psychiatrie, Schlafambulanz Tel 0431-9900-2664
- In regelmäßigem Rhythmus und ausreichend schlafen.
- Medikamente meiden, die das Schlafwandeln begünstigen, zum Beispiel einige Psychopharmaka.
- Autogenes Training oder andere Maßnahmen zur Stressbewältigung, falls Stress ein Auslöser für das Schlafwandeln ist.
- Wohnung sichern: gefährliche Gegenstände und Hindernisse aus dem Schlafzimmer entfernen, möglichst Fenster abschließen, Haus- und Balkontür abschließen, Küche abschließen, Treppe absichern. Hilfreich können auch Medikamente sein, die den Tiefschlaf abmildern. Die medikamentöse Behandlung sollte allerdings nur als letzte Maßnahme in Betracht gezogen werden, da der Tiefschlaf zur Regeneration des Gehirns wichtig ist.
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