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unizeit Nr. 36 vom 27.05.2006, Seite 8  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

»Das macht doch keiner länger mit«

Sie schreit nachts im Schlaf und schlägt um sich, wenn jemand versucht, sie zu beruhigen. Auf der Suche nach Hilfe kam die 26-jährige Patientin ins Schlaflabor.


Foto: pur.pur

Das Schlafwandeln kennt sie aus ihrer Kindheit. Sabine Richter* aus Neumünster berichtet: »Ich bin aus dem Haus gegangen und zur Bushaltestelle, um mit dem Bus in die Schule zu fahren. Als keiner kam, bin ich wieder zurückgegangen und habe mich ins Bett gelegt.« Das weiß sie aus Erzählungen, sie selbst erinnert sich an die nächtlichen Ausflüge nicht. Und dieser Umstand, nicht zu wissen, was nachts passiert, macht ihr auch sehr zu schaffen. »Ich weiß nicht, ob ich die Wohnung verlasse. Ich hoffe es nicht. Aber auch wenn ich mich einschließe, bringt das nichts. Ich bin mir sicher, dass mein Unterbewusstsein in der Lage ist, den Wohnungsschlüssel auch aus einer Schublade zu holen und die Tür aufzuschließen.«

Der Kieler Schlafmediziner Dr. Robert Göder kennt das: »Betroffene merken häufig nicht, dass sie schlafwandeln, es sei denn, sie wachen mit dem Schlafanzug unter der Dusche auf oder haben sich verletzt. Vielleicht fühlen sie sich nicht so gut ausgeschlafen oder entdecken, dass irgendetwas in der Wohnung umgeräumt oder umgekippt ist.« Das Problem von Göders Patientin ist aber nicht nur die Tatsache, dass sie in der Nacht Dinge tut, von denen sie nichts weiß. Sie hat zudem noch schreckliche Albträume und schreit im Schlaf. »Wenn ich dann aufwache, ist der Traum für mich die Wirklichkeit. Werde ich zum Beispiel im Traum von einem Hund angegriffen und wache dann auf, muss ich erst die ganze Wohnung absuchen, um sicherzugehen, dass kein Hund da ist. In dem Moment geht es für mich um Leben oder Tod.

Die Atmung wird flacher, das Herz rast.« Die junge Apothekenhelferin lebt allein. Eine Beziehung kann sie nicht zulassen. »Das macht doch keiner länger mit. Der schläft die erste Nacht neben mir, vielleicht auch noch die zweite und dann ... Ich schreie im Schlaf und schlage um mich, wenn mir dann jemand zu nahe kommt.«

Über die Ursachen für das auffällige Verhalten im Schlaf kann sie nur spekulieren. »Es gab auch Phasen, wo es weniger war. Vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben. Das habe ich noch längst nicht verarbeitet. Extrem war es auch, als ich in der Ausbildung war. Da fühlte ich mich sehr unter Druck.« Mit der Untersuchung im Schlaflabor soll jetzt geklärt werden, in welcher Schlafphase das auffällige Verhalten auftritt, um herauszufinden, ob es sich um Schlafwandeln handelt, und darauf aufbauend die Behandlung auszurichten. Das Schlafwandeln findet in der Tiefschlafphase statt. Möglich wäre aber auch eine Traumschlafverhaltensstörung. Hierbei sind die Schlafphasen mit schnellen Augen­bewegungen (rapid-eye-movement) gestört, also der REM-Schlaf, in dem wir hauptsächlich träumen.

Vier Nächte hat die junge Frau im Schlaflabor der Kieler Universitätsklinik verbracht. »Es ist nichts Dramatisches passiert«, berichtet Göder. Das sei aber auch nicht ungewöhnlich. Durch die ungewohnte Situation im Schlaflabor sei auch der Schlaf nicht immer so wie sonst. »Wir können aber trotzdem etwas erkennen. Auch wenn die Patienten nicht direkt schlafwandeln, kann man sehen, dass sie in der Tiefschlafphase häufiger aufwachen als man erwarten würde. Oder wir erkennen beispielsweise Veränderungen in der Muskelspannung während des Traumschlafes.« Ziel ist es nun, zusammen mit der Patientin ein kombiniertes Therapiekonzept zu erstellen. (ne)

* Name geändert
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