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unizeit Nr. 37 vom 15.07.2006, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Mikrowelten unter Wasser

Der russische Alexander von Humboldt-Stipendiat Dr. Sergey Dobretsov erforscht den Lebensraum von Algen, Seegras und dergleichen. Diese Lebensformen sondern chemische Substanzen ab und beeinflussen damit die Qualität des Ostseewassers.


Algen, wie hier der blutrote Meerampfer (Delesseria sanguinea), bieten Lebensraum für Fischeier und beeinflussen Strömung und Sedimenttransport in der Ostsee. Foto: Martin Wahl / Leibniz-Institut für Meereswissenschaften

Für die meisten Menschen ist die Ostsee Erholung: eine frische Brise, das Rauschen der Wellen und Segelschiffe am Horizont. Dr. Sergey Dobretsov von der Universität St. Petersburg blickt mehr in die Tiefe. Der Gastwissenschaftler am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften untersucht das Leben und die chemischen Wechselwirkungen am Meeresboden der Ostsee. Dort wachsen zahllose Makroorganismen wie Grünalgen, Braunalgen, Seegras oder Miesmuscheln in so genannten Mikrohabitaten. So bezeichnen Meeresbiologen das unmittelbare Umfeld der Makroorganismen, das wenige Quadratmeter und einige hundert Liter Wasser umfasst. Das kann zum Beispiel eine Miesmuschelbank sein, eine Seegraswiese, ein Algenbestand auf einem Granitfindling oder eine schlichte Sandfläche.

Algen und andere Makroorganismen »schwitzen« durch ihre dünne Oberfläche verschiedene chemische Stoffe aus. Dabei kann es sich um Abfallprodukte ihres Stoffwechsels handeln, um Stoffe zur Abwehr von Fressfeinden oder um Lockstoffe, die Bakterien, Sporen und Larven anziehen. Diese entscheiden aufgrund der »Chemie« in den Mikrohabitaten, wo sie siedeln und gedeihen können. »Durch die chemischen Substanzen, die Algen ausstoßen, kontrollieren sie, welche Gemeinschaften sich in ›ihren‹ Mikrohabitaten bilden«, erklärt der russische Zoologe und Mikrobiologe. »Wir erforschen diese Wechselwirkung in Feldexperimenten. Dazu haben wir die Unterwasserwelt auf ein Floß an die Meeresoberfläche geholt. Es befindet sich an der Schleuseninsel in der Nähe des Nordostsee-Kanals. Wir leiten Meereswasser an den Algenbeständen vorbei in verschiedene Becken. Dadurch reichert sich das Wasser mit Algenwirkstoffen an. Dann beobachten wir, welche Organismen sich wo ansiedeln. In einer zweiten Phase analysieren wir die chemischen Stoffe im Labor dahingehend, wie sie Larven beeinflussen.«

Die Arbeit von Dobretsov kann dabei helfen, Entwicklungen zu erklären, die in der Ostsee zu beobachten sind. So sei seit geraumer Zeit ein Schwund der Braunalgen zu verzeichnen, sagt Professor Martin Wahl, Biologe am Leibniz- Institut und Gastgeber des russischen Wissenschaftlers: »Der Rückgang der Braunalgen ist schlecht für die Wasserqualität in der Ostsee. Sie binden Kohlendioxid und erhöhen den Sauerstoffanteil im Wasser. Die Chemie in den Mikrohabitaten hat letztlich auch Einfluss auf die Fischbestände. Heringe laichen zum Beispiel gerne in Algenbeständen ab, wo genug Nahrung vorhanden ist und die Eier und Jungfische vor Räubern besser geschützt sind. Nicht zuletzt beeinflusst die Ansiedlung von Makroorganismen auch die Strömung und den Sedimenttransport in der Ostsee und damit auch die Erosion der Küsten.« Wahl ist Mitglied im Forschernetzwerk »Ozean der Zukunft«.

Dobretsov hält sich für mindestens ein Jahr in Kiel auf, eventuell kann sein Aufenthalt verlängert werden. Der Russe weiß die hiesigen Arbeitsbedingungen zu schätzen: »Die Kieler Universität ist sehr gut ausgestattet, außerdem sind die Leute hier sehr freundlich.« (js)
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