Darwin irrte nicht!
Nachdem auch in Deutschland zunehmend Evolutionskritiker zu Wort kommen, gehen Naturwissenschaftler in die Offensive. Es gibt keine Alternative zur Evolutionstheorie, betont der Kieler Zoologe Professor Thomas Bosch im Gespräch mit »unizeit«.

Thomas Bosch: Gar nichts. Die Grundaussagen der Evolutionstheorie wurden zunächst von Charles Darwin formuliert und später von Evolutionsbiologen weiter ausgefeilt. Sie lauten: Evolution findet immer statt, sie ist nicht umkehrbar, und sie ist auch nicht zielgerichtet, das heißt, es gibt keine Entwicklung zu einem erkennbaren Zweck. Evolution wirkt auf allen Ebenen, vom Molekül bis zum Ökosystem. Alle Organismen bis hin zum komplexesten Lebewesen, was möglicherweise der Mensch ist, entstehen durch Mechanismen wie genetische Vielfalt, Selektion (Auslese) und Zufallswirkungen. Das ist eine Theorie, aber sie macht Aussagen, die experimentell überprüfbar sind.
Ein Beispiel: Tiere haben einen großen Selektionsvorteil, wenn sie Licht wahrnehmen und als Informationsquelle nutzen können. Vermutlich aus diesem Grund haben die Tiere im Laufe der Stammesgeschichte komplexe Lichtsinnesorgane (Augen) entwickelt. Wenn der Selektionsvorteil ausbleibt – die Tiere etwa für lange Zeit und viele Generationen hinweg in ewiger Dunkelheit leben – sollten diese Strukturen und Organe wieder verkümmern. Genau das kann man bei einem mexikanischen Fisch (Astyanax mexicanus) beobachten, bei dem es sowohl Vertreter gibt, die nahe der Wasseroberfläche leben und daher dem Licht ausgesetzt sind wie auch Individuen, die seit langem in Höhlen ohne Licht leben. Wie von der Evolutionstheorie erwartet, haben die Höhlenfische ihre Augen vollkommen zurückgebildet. Der experimentell arbeitende Evolutionsbiologe kann durch Vergleiche von Morphologie und Molekularbiologie der beiden Formen versuchen, im Detail herauszufinden, an welchen Regelkreisen und Molekülen der Selektionsdruck wirklich ansetzt.

Professor Thomas Bosch.
Foto: pur.pur
Unter den Anhängern des »Intelligent Design« sind auch Wissenschaftler. Sie versuchen, mit logischen Argumenten der Evolutionstheorie den Boden zu nehmen. Lässt die Evolutionstheorie Fragen offen?
Ja. Die Evolutionstheorie kann vieles nicht erklären. Wir haben bis heute keine Erklärung dafür, wie komplexe Strukturen aus sich selbst heraus entstehen. Das ist eines der ganz großen Rätsel, die man mit den Grundgesetzen der Physik und der Biologie nicht beschreiben kann. Der Naturwissenschaftler hat immer Rätsel, und täglich stehen wir vor ungelösten Problemen. Aber alle Rätsel müssen mit naturwissenschaftlichen Theorien, mit Beobachtungen, mit Experimenten und mit Messungen gelöst werden. Und man muss eine Theorie auch mal verwerfen können. Die Evolutionstheorie lässt das ausdrücklich zu, wenn neue experimentelle Befunde das erfordern.
Aber derzeit gibt es keine anderen Theorien über die Entstehung des Lebens, die einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten?
Absolut nicht. Die Evolutionstheorie ist mittlerweile enorm komplex geworden. Sie wird von vielen Beobachtungen auch außerhalb der Biologie – etwa aus der Physik, der Chemie oder der Geologie – unterstützt. Bis heute gibt es keine Theorie, die zeigt, dass die Evolutionstheorie falsch ist oder nicht zutrifft. Es ist eine sehr lebendige, im Zentrum der heutigen Naturwissenschaft stehende Theorie, die von ganz verschiedenen Fachbereichen angegangen wird und zu einem echten Erkenntniszuwachs führt. Sie ist nicht einfach nur ein Glaube.
Aktuellen Umfragen zufolge glaubt jeder zweite US-Amerikaner, dass wir nicht das Ergebnis einer biologischen Entwicklung sind. Was meinen Sie, warum sind die Evolutionsgegner so erfolgreich?
Ich meine, das ist ein menschliches Problem. Es fällt dem Menschen offensichtlich nicht so leicht zu akzeptieren, dass er ein winzig kleines Rädchen im großen Getriebe des Lebens ist. Der Mensch sieht sich immer als etwas Besonderes. Diesem Wunsch entspricht das »Intelligent Design« mit der Darstellung des Menschen als »auf der Höhe der Entwicklung«. Wir kennen diese Auseinandersetzungen aus der Vergangenheit, als darum gestritten wurde, ob die Erde der Mittelpunkt des Weltraums sei oder nicht. Ich dachte, diese Zeit hätten wir seit dem Mittelalter überwunden.
Die Vertreter von »Intelligent Design« agieren allerdings auch sehr geschickt. So streiten sie nicht ab, dass es eine gewisse Entwicklung gibt. Schließlich gibt es Fossilien, die Millionen von Jahren alt sind. Auch dass es eine gewisse Höherentwicklung gibt, akzeptieren sie. Sie nennen das Mikroevolution. Die Entwicklung des Menschen klammern sie davon aus. Das sei die Makroevolution. Das ist naturwissenschaftlich gesehen bodenloser Quatsch.
Wie sollte man dieser Entwicklung begegnen?
Wir dürfen das nicht unterschätzen und müssen dieser Entwicklung offensiv entgegentreten. Es gibt mittlerweile Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil man sie nicht der Evolutionslehre aussetzen will. Mir liegt die E-Mail eines Lehrers aus Stuttgart vor, in der es heißt: »An unserer Schule mehren sich derzeit zu unserem Erstaunen Meinungen, die Evolutionstheorie sei einer kreationistischen Schöpfungstheorie untergeordnet.«
Es darf nicht so weit kommen wie in den Vereinigten Staaten, wo in einigen Bundesstaaten Schulbücher zur Evolution aus dem Unterricht verbannt werden.
Wir sind eine aufgeklärte, rationale und naturwissenschaftlich orientierte Gesellschaft. Das hat mit Glaube und Religion gar nichts zu tun. Das hat auch nichts mit der Frage zu tun, ob es einen Gott gibt oder nicht. Hier geht es um die Frage, wie entsteht Leben, wie entstehen Organismen, und welche Prozesse ermöglichen das. Auf diese Fragen gibt die Evolutionstheorie eine befriedigende Antwort. (ne)
Stichwort: Intelligent Design (ID)
Der Mensch ist zu komplex, um durch Zufall entstanden zu sein. Eine übergeordnete Kraft, eine Art intelligenter Baumeister muss dahinter stehen. Das sind die Hauptaussagen der Bewegung »Intelligent Design« (ID). Die Anhänger des ID machen seit einigen Jahren verstärkt mobil gegen die Evolutionstheorie und deren Vermittlung an amerikanischen Schulen, Museen und öffentlichen Einrichtungen. Sie stehen dem konservativen »Discovery Institute« in Seattle, Washington/USA nahe. Das Institut wird von christlichen Konservativen finanziert.
Im Unterschied zu den Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen, streiten die Vertreter des »Intelligent Design« evolutionäre Entwicklungen in der Natur nicht völlig ab. Sie akzeptieren, akzeptieren, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist und dass das Leben schrittweise entstanden ist. Dahinter sehen sie jedoch eine intelligente Ursache. Nach einem Urteil des obersten US-amerikanischen Gerichts darf Kreationismus nicht im Unterricht gelehrt werden.
Das »Intelligent Design« wird generell zu den Pseudowissenschaften gerechnet. Das Gedankengut ist allerdings fest in der amerikanischen Gesellschaft verankert. Laut Umfragen der letzten Jahre bekennt sich etwa die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung zum Kreationismus. Die deutsche Gesellschaft steht dagegen vermehrt hinter Darwin: In einer Forsa-Umfrage Ende 2005 sagten 61 Prozent der Deutschen, dass die Evolutionstheorie die richtige Erklärung für die Entwicklung aller Lebewesen sei.
Im Unterschied zu den Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen, streiten die Vertreter des »Intelligent Design« evolutionäre Entwicklungen in der Natur nicht völlig ab. Sie akzeptieren, akzeptieren, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist und dass das Leben schrittweise entstanden ist. Dahinter sehen sie jedoch eine intelligente Ursache. Nach einem Urteil des obersten US-amerikanischen Gerichts darf Kreationismus nicht im Unterricht gelehrt werden.
Das »Intelligent Design« wird generell zu den Pseudowissenschaften gerechnet. Das Gedankengut ist allerdings fest in der amerikanischen Gesellschaft verankert. Laut Umfragen der letzten Jahre bekennt sich etwa die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung zum Kreationismus. Die deutsche Gesellschaft steht dagegen vermehrt hinter Darwin: In einer Forsa-Umfrage Ende 2005 sagten 61 Prozent der Deutschen, dass die Evolutionstheorie die richtige Erklärung für die Entwicklung aller Lebewesen sei.
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität
► presse@uv.uni-kiel.de






