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unizeit Nr. 37 vom 15.07.2006, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Jobfalle

Informatiker finden hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt – vorausgesetzt, sie schließen ihr Studium ab und bilden sich regelmäßig fort.


Bei einem Schnupperkurs können Schülerinnen prüfen, ob Informatik das geeignete Studienfach für sie ist. Foto: Sonja Pfennig © Uni Kiel

»Schüler, die gern mit dem PC spielen, sind häufig die ersten, die ein Informatikstudium erwägen«, meint Professor Bernhard Thalheim, Lehrstuhlinhaber für Technologie der Informationssysteme. »Sie erwarten einfach Spaß. Zudem haben einige schon programmiert und denken, dadurch hätten sie gute Voraussetzungen.« Das ist allerdings eine Fehleinschätzung. Im Informatikstudium geht es nicht vorrangig darum, die praktischen Programmierkenntnisse zu vertiefen, vielmehr baut das Studium ein breites Fundament an Wissen auf. Es geht um Grundprinzipien, die sich auf ganz unterschiedliche Situationen anwenden lassen. Sie sollen helfen, Fragestellungen zu analysieren. »Wir bilden Menschen aus, die Probleme lösen können«, beschreibt Thalheim das Ziel des Studiums, »ohne dass sie an ein bestimmtes System gebunden sind, denn die Systeme verändern sich durch die Entwicklung ständig.« Viele Studienanfänger seien enttäuscht, da sie etwas Praktischeres erwartet hätten.

Die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Studium sei laut Thalheim Interesse an mathematischen Fragestellungen. »Weiter würde ich das aber gar nicht eingrenzen wollen.« Eine weitere Eigenschaft, die Studium und Beruf wider Erwarten fordern, ist die Begabung zur Kommunikation: »Der heutige Informatiker sitzt nicht mehr tagelang in dunklen Kammern vor flimmernden Kisten«, sondern er vermittle zwischen den Wünschen des Anwenders und der technischen Realisierbarkeit. Diese Seite der Informatik werde offenbar noch nicht überall wahrgenommen. Denn Frauen, denen man gewöhnlich besondere kommunikative Fähigkeiten zuschreibt, interessieren sich in Deutschland kaum für das Fach Informatik. Im letzten Wintersemester schrieben sich an deutschen Hochschulen nur 17,7 Prozent weibliche Anfänger für ein Informatikstudium ein. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus. »In Norwegen zum Beispiel liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern auch in der Informatik bei 50 zu 50. In Kuwait ist der Frauenanteil sogar noch höher.«

Thalheim ärgert sich, dass »wir in Deutschland mit ganz verschrobenen Vorstellungen von Informatik zu tun haben«. Häufig entscheiden sich im ersten Anlauf die falschen Abiturienten für das Fach. Das verzerrte Erwartungsbild und Probleme in der Mathematik führen zu der hohen Abbrecherquote von bundesweit an die vierzig Prozent.

Auch die Unsitte mancher Firmen, Studenten vor dem Diplom abzuwerben, macht den Hochschullehrern Sorgen: »Unternehmen versuchen, billige Arbeitskräfte zu finden, und versprechen das Blaue vom Himmel.« Der frühzeitige Ausstieg birgt allerdings Gefahren: Man macht sich von dem jeweiligen Arbeitgeber abhängig – was besonders prekär durch die »Hire-and-Fire«-Mentalität in der Branche ist. Thalheim: »Verlässt man dann die Firma oder wird gefeuert, steht man ohne Abschluss auf der Straße.« Wer das Studium nicht beendet hat, findet ganz schwer eine neue Anstellung. Die Folge: »Man muss erneut und fast von vorne studieren oder gleitet in ein so genanntes ›Informatiker-Proletariat‹ ab.«

Ähnliche Probleme können diplomierte Absolventen erleben, wenn sie durch längere Pausen, wie Elternzeit, den Anschluss verloren haben. Die technische Weiterentwicklung zwingt jeden ständig zum »Neulernen«, und schnell verliert man den Anschluss. Dieser Zwang zur Anpassung lässt keinen aus. »Auch ich muss alle zwei Jahre meinen Unterrichtsstoff grundlegend überarbeiten. Doch das hält jung«, versichert einer, der es wissen muss.

»Auch die Universität sollte sich dieser speziellen Herausforderung stellen, die in der Informatik steckt«, findet Thalheim. Eine mögliche Lösung sieht er in einem besonderen Alumniprogramm. Es würde den ehemaligen Kommilitonen erlauben, in Verbindung zu bleiben und den Anschluss an die Entwicklung zu halten. Die Universität könnte ihnen Auffrischungskurse anbieten. »Wir versuchen, ein lebenslanges Lernen zu ermöglichen und setzen auf gemeinsame Projekte mit der Wirtschaft«, blickt der Professor in die Zukunft.

Das A und O für alle, die Interesse an einem Informatikstudium haben, ist: die eigenen Vorstellungen überprüfen. Etwa in Form von Schnupperkursen und dem Vorkurs Informatik. Schon bei diesen Kursen gewinnt man einen ersten Eindruck vom Studium. »Für die jungen Frauen bieten wir darüber hinaus jährlich noch Aktionen beim Girls’ Day an. Gerade durch die Kommunikationsgabe, die der Berufsalltag von Informatikern verlangt, können sich Frauen hervorragend behaupten.« (zi/sck)
Schnupperkurs für Schülerinnen: 18. bis 20.Oktober 2006, www.girls-informatik.de
Einschreibung Bachelor- und Diplomstudiengang: 23. August
Vorkurse (Vermittlung von Wissensvoraussetzungen): 9. bis 13. Oktober 2006
Einschreibung Masterstudiengang: 21. und 22.September,
www.uni-kiel.de/140/a/einschreib.shtml
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