Ergreifende Grafik
Eine visuelle Abstraktion kann ein ganzes Katastrophennetzwerk aufscheuchen. Das Modell deckt Mängel in der Zusammenarbeit auf.

Netzwerkkommunikation während der Elbeflut 2002: Die Punkte symbolisieren die wesentlichen Sachthemen, ihre Größe und die Wichtigkeit, die ihnen beigemessen wird. Die Verbindungslinien zeigen, wie viel Aufmerksamkeit andere Themen binden. Abbildung: Willi Streitz
Die Katastrophenforschung geht dem nach, was normalerweise eher verborgen als an prominenter Stelle berichtet wird. Streitz: »Wir versuchen, unter die Oberfläche und hinter die Fassaden zu schauen. Dafür müssen wir – mit Hilfe wissenschaftlicher Techniken wie Abstraktion und Modellbildung – zunächst über den Zaun blicken, um dann mit veränderter Perspektive zurückschauen zu können.«
Im Bericht »Lernen aus der Katastrophe 2002 im Elbegebiet« hatten die Wissenschaftler vier strukturelle Mängel im System der Katastrophenabwehr aufgedeckt: Die unterschiedlichen Katastrophenschutzakteure waren nicht hinreichend miteinander verbunden. Die einzelnen Akteursgruppen waren selbstbezogen und orientierten sich immer weniger am Ganzen. Die Führung war zu schwach. Die Akteursgruppen isolierten sich und kümmerten sich mit steigendem Druck nur noch um das Operativ-Taktische. Um zu diesen Ergebnissen zu gelangen, hatte die Katastrophenforschungsstelle 18 Einsatzberichte unterschiedlicher Ebenen und Akteure ausgewertet. »Mit Hilfe der soziologischen Netzwerkanalyse können wir aufzeigen, welche Beziehungen zwischen den Akteuren bestanden, denn die Einsatzberichte benennen, wer bei welcher Gelegenheit mit wem kommuniziert und kooperiert. Sie zeigen aber auch, welche Akteure gemeinsame und gegensätzliche Interessen haben«, so Streitz.
Für die Analyse bedienen sich die Soziologen mathematischer Modelle: Zunächst werden positive, negative und neutrale Aussagen der Akteure zu festgelegten wesentlichen Themenkomplexen gezählt. Diese Zahlen liefern dann die Interpretation darüber, wie groß das Interesse am Thema ist: Je höher die Anzahl der Aussagen, desto mehr Einfluss hat der Akteur auf dieses Thema genommen. So wird das reale Entscheidungssystem abgebildet, und die Wissenschaftler können von den Verhältnissen der Zahlen zueinander auf die Verhältnisse in der Realität schließen. Aus der Häufigkeit und Dichte der Aussagen können sie ableiten, wie die Akteure miteinander, mit ihren Ressourcen und mit den tatsächlichen tatsächlichen Gegebenheiten umgingen. Die Forscher erkennen die Struktur der Entscheidungssysteme und schlussfolgern daraus Handlungsempfehlungen.
Auch am Ende des Elbeflutberichts geben die Katastrophenforscher konkrete Empfehlungen, wie die aufgedeckten Defizite überwunden werden können. Ob diese tatsächlich umgesetzt werden, steht jedoch auf einem anderen Blatt, wie Willi Streitz betont: »Katastrophenschutz wird in Deutschland in Ruhezeiten gern vernachlässigt. Die finanziellen Mittel hierfür wurden in den letzten Jahren kontinuierlich zusammengestrichen. Eine bundesweit einheitliche Regelung des Katastrophenschutzes mit klar definierten Zuständigkeiten würde so manches Defizit beheben, aber das scheiterte bislang an den Interessen der Länder, die sich ein solches System vom Bund nicht überstülpen lassen wollen.« (so)
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