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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 37 vom 15.07.2006, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Impfstoffe gegen Krebs

Mit einer speziellen Impfung versuchen Kieler Wissenschaftler, die körper­eigene Abwehr gegen Tumore zu mobilisieren. Erste klinische Tests sind in Vorbereitung.


Um den Krebs-Impfstoff herstellen zu können, benötigen die Wissenschaftler Zellen aus dem Blut der Patienten. Diese reifen in Zellkultur­flaschen mit einer speziellen Nährflüssigkeit zu dendritischen Zellen. Foto: pur.pur

Das Ziel ist klar: Die therapeutische Impfung gegen Krebs soll das Immunsystem des Krebspatienten darauf abrichten, Krebszellen als Feinde zu erkennen und zu vernichten. Dabei nutzt man für die Impfstoffherstellung typische Strukturen von Krebszellen, so genannte Tumorantigene, ähnlich wie man etwa abgetötete Polioviren für die Herstellung des Impfstoffes gegen Kinderlähmung nutzt. Durch die Impfung sollen beim Patienten tumorspezifische Abwehrzellen, so genannte zytotoxische T-Zellen oder Killerzellen, gebildet werden. Das ist sozusagen die schnelle Eingreiftruppe des Immunsystems, die die »Feinde« – also alle Zellen, die das Antigen tragen – aufspürt und zerstört.

Bereits seit vielen Jahren arbeiten Forscher auf der ganzen Welt an Impfstoffen gegen verschiedene Tumorerkrank­ungen. Einen Durchbruch bei der Entwicklung einer Krebs­impfung gab es bis jetzt noch nicht. Aber es gibt vielver­sprechende Ansätze. Einen davon haben Kieler Wissenschaftler jetzt weiterentwickelt.

Eine Arbeitsgruppe am Institut für Immunologie hat in Zusammenarbeit mit dem Kieler Mildred-Scheel-Haus sowie der Hals-Nasen-Ohrenklinik und der Frauenklinik zwei Impfstoffe entwickelt, die nach umfangreichen Voruntersuchungen jetzt bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren und bei Brustkrebspatientinnen getestet werden sollen. Die Herstellung der Impfstoffe erfolgt auf der Basis von dendritischen Zellen. »Diese besondere Zellpopulation vermag am besten, Antigene zu verarbeiten und für das Immunsystem sichtbar zu machen«, erklärt Professor Dietrich Kabelitz, der Direktor des Instituts für Immunologie. Sie zeigen quasi den Abwehrzellen im Körper, was »gut« und was »böse« ist. Das Prinzip der Impfstoffherstellung beschreibt sein Mitarbeiter Dr. Axel Heiser, der das Projekt leitet: »Wir entnehmen den Patienten Blut und isolieren daraus spezielle Blutzellen, die Monozyten. Durch Behandlung mit verschiedenen Wachstumsfaktoren entwickeln sich daraus innerhalb einer Woche dendritische Zellen. Diese beladen wir mit Tumorantigenen, die spezifisch für den Tumor sind, den die Patienten haben, und lassen sie dann unter speziellen Bedingungen weiter ausreifen. Anschließend müssen wir die Zellpräparate ausgiebig testen auf Bakterien, Viren, Pilze und Herstellungsrückstände. Erst wenn sie in jeder Hinsicht sauber sind, dürfen wir die Patienten damit impfen.« Die eingesetzten Tumorantigene sind Survivin (bei Kopf-Hals-Tumoren) und Her2/neu (bei Brustkrebs).

Dendritische Zellen.
Foto: Uni Kiel / Institut für Transfusionsmedizin

Das Prinzip der Impfung mit dendritischen Zellen ist nicht neu. Die Kieler Wissenschaftler haben jedoch das Verfahren der Impfstoffherstellung an verschiedenen Stellen verändert. Einen Vorteil versprechen sie sich zum Beispiel von der Beladung der dendritischen Zellen mit der Erbinformation (RNA) der Tumorantigene. Man kann mit diesem Verfahren nicht nur, wie oben beschrieben, gegen einzelne bekannte Tumorantigene immunisieren, sondern auch das komplette Antigenrepertoire der Tumorzellen einschließlich bisher unbekannter Tumorantigene in Form von RNA einsetzen. Ein ähnlicher Impfstoff wurde kürzlich sowohl im Tiermodell als auch bei Patienten mit Prostatakrebs erfolgreich eingesetzt, um tumorspezifische Immunreaktionen auszulösen. »Die Verwendung von dendritischen Zellen, die mit Tumorantigen in Form von RNA beladen wurden«, so Heiser, »könnte die Immuntherapie sowohl wirksamer als auch einer weitaus größeren Zahl von Krebspatienten zugänglich machen als bisherige Verfahren.«

Der Antrag für die geplante klinische Studie liegt zurzeit noch beim Paul-Ehrlich-Institut in Langen, das seit Inkrafttreten des neuen Arzneimittelgesetzes im Jahr 2005 bei Studien mit Impfstoffen seine Zustimmung geben muss. In der Studie geht es zunächst einmal darum, die Sicherheit und Verträglichkeit der Impfstoffe zu testen. Heiser: »Vor allem auf unerwünschte Reaktionen oder die Entstehung von Autoimmunität müssen wir achten. In allen bisherigen Studien war das zwar kein Problem, aber wir müssen es im Auge behalten.« Zunächst sollen 16 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren behandelt werden, dazu sind vier Impfungen im Abstand von jeweils zwei Wochen vorgesehen. Jeweils vor und nach der Impfung sowie nach drei und nach sechs Monaten wird den Patienten Blut abgenommen, um feststellen zu können, ob sich Killerzellen gegen das jeweilige Antigen gebildet haben. »Gleichzeitig schauen wir auch, ob der Tumor auf die Behandlung angesprochen hat«, ergänzt Dr. Jan-Bernd Weise von der HNO-Klinik. »Wenn die zytotoxischen T-Lymphozyten tatsächlich induziert werden können, besteht auch eine Chance zumindest auf den Stopp des Tumorwachstums oder sogar auf Heilung.«

Professor Kabelitz dämpft jedoch die Erwartungen. »Da wir in der jetzigen Phase nur Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung behandeln können, für die keine anderen Therapieoptionen mehr zur Verfügung stehen, sollten wir nicht zuviel erwarten. Es geht zunächst darum, das System zu etablieren und sich an die Machbarkeit heranzutasten.« (ne)
Stichwort: Dendritische Zellen
Dendritische Zellen werden auch als Wächterzellen des Immunsystems bezeichnet. Die hochspeziali­sierten Blutzellen nehmen körperfremdes (anti­genes) Material auf, wandern damit zum nächst­gelegenen Lymphknoten und machen dort andere Abwehrzellen, die T-Zellen, auf die Antigene »auf­merksam«, indem sie Eiweißstoffe (Peptide) auf ihrer Oberfläche präsentieren, die eine Abwehr­reaktion hervorrufen. Dieser Vorgang wird als Antigenpräsentation bezeichnet. Die aktivierten T-Zellen vermehren sich, wandern zum erkrankten Gewebe und zerstören den eingedrungenen Fremdstoff. Diesen Mechanismus nutzt man auch bei der therapeutischen Krebsimpfung.

Die dendritischen Zellen werden nach der Ausreifung im Labor mit Peptiden oder Antigenen beladen, die ausschließlich auf Tumorzellen vorkommen. Durch die Impfung sollen T-Zellen aktiviert und gezielt gegen die Tumorantigene »scharf gemacht« werden. Warum der Umweg über die dendritischen Zellen? Kann man nicht genauso gut Tumorantigene unter die Haut injizieren? Auch dazu gibt es Versuche. Aber mit diesem Vorgehen lässt sich nur die Antikörperproduktion ankurbeln. »Wir wollen aber eine T-Zellgestützte Immunantwort haben«, so Dr. Axel Heiser. Das Hauptargument für dendritische Zellen ist, das sie das Adjuvans (Hilfsstoff) der Natur sind, um zelluläre Immunantworten einzuleiten. Antikörper alleine würden nicht ausreichen. (ne)
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