Impfstoffe gegen Krebs
Mit einer speziellen Impfung versuchen Kieler Wissenschaftler, die körpereigene Abwehr gegen Tumore zu mobilisieren. Erste klinische Tests sind in Vorbereitung.

Um den Krebs-Impfstoff herstellen zu können, benötigen die Wissenschaftler Zellen aus dem Blut der Patienten. Diese reifen in Zellkulturflaschen mit einer speziellen Nährflüssigkeit zu dendritischen Zellen. Foto: pur.pur
Bereits seit vielen Jahren arbeiten Forscher auf der ganzen Welt an Impfstoffen gegen verschiedene Tumorerkrankungen. Einen Durchbruch bei der Entwicklung einer Krebsimpfung gab es bis jetzt noch nicht. Aber es gibt vielversprechende Ansätze. Einen davon haben Kieler Wissenschaftler jetzt weiterentwickelt.
Eine Arbeitsgruppe am Institut für Immunologie hat in Zusammenarbeit mit dem Kieler Mildred-Scheel-Haus sowie der Hals-Nasen-Ohrenklinik und der Frauenklinik zwei Impfstoffe entwickelt, die nach umfangreichen Voruntersuchungen jetzt bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren und bei Brustkrebspatientinnen getestet werden sollen. Die Herstellung der Impfstoffe erfolgt auf der Basis von dendritischen Zellen. »Diese besondere Zellpopulation vermag am besten, Antigene zu verarbeiten und für das Immunsystem sichtbar zu machen«, erklärt Professor Dietrich Kabelitz, der Direktor des Instituts für Immunologie. Sie zeigen quasi den Abwehrzellen im Körper, was »gut« und was »böse« ist. Das Prinzip der Impfstoffherstellung beschreibt sein Mitarbeiter Dr. Axel Heiser, der das Projekt leitet: »Wir entnehmen den Patienten Blut und isolieren daraus spezielle Blutzellen, die Monozyten. Durch Behandlung mit verschiedenen Wachstumsfaktoren entwickeln sich daraus innerhalb einer Woche dendritische Zellen. Diese beladen wir mit Tumorantigenen, die spezifisch für den Tumor sind, den die Patienten haben, und lassen sie dann unter speziellen Bedingungen weiter ausreifen. Anschließend müssen wir die Zellpräparate ausgiebig testen auf Bakterien, Viren, Pilze und Herstellungsrückstände. Erst wenn sie in jeder Hinsicht sauber sind, dürfen wir die Patienten damit impfen.« Die eingesetzten Tumorantigene sind Survivin (bei Kopf-Hals-Tumoren) und Her2/neu (bei Brustkrebs).

Dendritische Zellen.
Foto: Uni Kiel / Institut für Transfusionsmedizin
Der Antrag für die geplante klinische Studie liegt zurzeit noch beim Paul-Ehrlich-Institut in Langen, das seit Inkrafttreten des neuen Arzneimittelgesetzes im Jahr 2005 bei Studien mit Impfstoffen seine Zustimmung geben muss. In der Studie geht es zunächst einmal darum, die Sicherheit und Verträglichkeit der Impfstoffe zu testen. Heiser: »Vor allem auf unerwünschte Reaktionen oder die Entstehung von Autoimmunität müssen wir achten. In allen bisherigen Studien war das zwar kein Problem, aber wir müssen es im Auge behalten.« Zunächst sollen 16 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren behandelt werden, dazu sind vier Impfungen im Abstand von jeweils zwei Wochen vorgesehen. Jeweils vor und nach der Impfung sowie nach drei und nach sechs Monaten wird den Patienten Blut abgenommen, um feststellen zu können, ob sich Killerzellen gegen das jeweilige Antigen gebildet haben. »Gleichzeitig schauen wir auch, ob der Tumor auf die Behandlung angesprochen hat«, ergänzt Dr. Jan-Bernd Weise von der HNO-Klinik. »Wenn die zytotoxischen T-Lymphozyten tatsächlich induziert werden können, besteht auch eine Chance zumindest auf den Stopp des Tumorwachstums oder sogar auf Heilung.«
Professor Kabelitz dämpft jedoch die Erwartungen. »Da wir in der jetzigen Phase nur Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung behandeln können, für die keine anderen Therapieoptionen mehr zur Verfügung stehen, sollten wir nicht zuviel erwarten. Es geht zunächst darum, das System zu etablieren und sich an die Machbarkeit heranzutasten.« (ne)

Die dendritischen Zellen werden nach der Ausreifung im Labor mit Peptiden oder Antigenen beladen, die ausschließlich auf Tumorzellen vorkommen. Durch die Impfung sollen T-Zellen aktiviert und gezielt gegen die Tumorantigene »scharf gemacht« werden. Warum der Umweg über die dendritischen Zellen? Kann man nicht genauso gut Tumorantigene unter die Haut injizieren? Auch dazu gibt es Versuche. Aber mit diesem Vorgehen lässt sich nur die Antikörperproduktion ankurbeln. »Wir wollen aber eine T-Zellgestützte Immunantwort haben«, so Dr. Axel Heiser. Das Hauptargument für dendritische Zellen ist, das sie das Adjuvans (Hilfsstoff) der Natur sind, um zelluläre Immunantworten einzuleiten. Antikörper alleine würden nicht ausreichen. (ne)
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