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unizeit Nr. 38 vom 21.10.2006, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Gute Nacht, Uni

Campen auf dem Campus. 30 bis 40 Studierende der Christian-Albrechts-Universität protestieren damit seit Mai dieses Jahres gegen eine mögliche Einführung von Studiengebühren.


Foto: pur.pur

Es ist einer jener Herbstabende, an denen es Spaß macht, ein Unischläfer zu sein. Die Sonne scheint, die Luft ist lau, aus den Institutsgebäuden schlendern die letzten Mitarbeiter dem Feierabend entgegen. Nur im Lager der Unischläfer wird es immer lebhafter, denn wenn die Nacht naht, herrscht Präsenzpflicht auf dem Rasenstück zwischen Audimax und Mensa. Um ungebetene Gäste vom Lager fern zu halten, aber auch, weil es diese Mission einfach gebietet, im Schlaf hochschulpolitisch Flagge zu zeigen.

Studiengebühren sind sozial ungerecht und volkswirtschaftlich kontraproduktiv. Darin ist man sich einig auf dem Gelände mit seinen sechs Schlafzelten und einem etwas größeren Zelt, das als eine Art gemeinsames Wohnzimmer und Lagezentrum in einem dient. Doch bloß eine Meinung zu haben, genügt heutzutage nicht. Demonstrationen und Resolutionen allein bewirken ebenfalls nicht die Resonanz, die sich die Studiengebührengegner wünschen. Also schlafen sie. Über Wochen und Monate. Denn so was hat’s wahrscheinlich noch nie gegeben an der Kieler Uni.

Gegen derartiges Dauerzelten sprechen Gründe, die nicht in erster Linie mit hochschulpoli­tischen Erwägungen zusammenhängen. »Auf Isomatten schlafe ich einfach schlecht«, nennt Martin Alpers eine ganz banale Widrigkeit, der man sich als Unischläfer stellen muss. Der Physikstudent tut es klaglos, gehört sogar zu den anerkanntesten Stützen dieser Campgesellschaft. Seit Mai hat er mindestens die Hälfte aller Nächte im Zelt verbracht. Unruhigen Schlaf nimmt er ebenso in Kauf wie mieses Wetter. »Wenn ich Zeit hatte, hatte ich eigentlich noch nie Motivationsprobleme«, sagt Alpers, der sich das nicht allein mit der Notwendigkeit dieser Aktion erklärt.

Sie trotzen Wind, Wetter und auch den harten Isomatten: Die Kieler Unischläfer, die seit fünf Monaten auf dem Campus zelten. Foto: pur.pur

Die Unischläfer, deren harter Kern aus etwa 20 regelmäßig zeltenden Frauen und Männern besteht, sind im Lauf der Monate mehr geworden als nur eine unorthodoxe Protest- Formation. »Am Anfang habe ich praktisch niemanden von den anderen gekannt, jetzt würde ich die meisten als meine Freunde bezeichnen«, erzählt Florian Jansen, wie sich die Akzente in einer solchen Gemeinschaft von der Sache zur Seele verschieben. Auch Thomas Oschmann betont, dass diese Form des Miteinanders »menschlich eine Erfahrung« ist, auf die er nicht hätte verzichten wollen.

Trotzdem ist das Leben im Campuscamp nicht die pure Idylle. Am Anfang haben die Unischläfer noch jeden Abend gegrillt, einen Hauch von Romantik und Abenteuer genossen, sich fast gefühlt wie im Urlaub. Nach und nach schlich sich aber irgendwie der Alltag ein. Die Grillerei wurde langweilig, es meldeten sich die gewohnten Bedürfnisse zurück. Gemeinsam setzte man sich vor den Fernseher im »Wohnzimmer«-Zelt oder bereitete am PC Sachen fürs Studium vor. Selbst an einem Kühlschrank fehlt es nicht bei den Unischläfern, die mit solch bürgerlichem Inventar keine ideologischen Probleme haben. Schließlich gehe es hier nicht um einen Selbstentbehrungstrip, merkt einer von ihnen nüchtern an.

Wohl geht es aber darum, immer wieder die Regeln des Miteinanders auszutarieren. Das klappt erstaunlich harmonisch, berichten die Unischläfer, bei denen mit Fächern von Pä dagogik über Soziologie und Ethnologie bis zu Jura oder Physik die Bandbreite der Studieninhalte ebenso weit gespannt ist wie das politische Spektrum. Selbst der ewige Kampf der Geschlechter spielt sich in Bahnen ab, die sich von denen im ganz normalen Leben kaum unterscheiden. Die Männer geben zwar zu, es in einem derart rustikalen Umfeld mit Sauberkeit und Ordnung noch weniger genau zu nehmen als sonst, zugleich haben sich aber die Maßstäbe der Frauen nach unten verschoben. Allerdings nicht aus innerer Überzeugung, sondern »weil’s sonst zu anstrengend ist«, wie Mareike Bahlo anmerkt.

Dennoch gibt und gab es in der Gruppe Situationen, in denen man sich fragte, warum man sich das alles antut und nicht einfach wieder gemütlich ins eigene Bett zurückkehrt. Im August etwa, als Michel Hänisch und seine Freundin Jasmin Lange in einer stürmischen Regennacht das pure Fiasko erlebten. »Erst bekamen wir nasse Füße, dann hat der Wind auch noch das Zelt zerrissen«, erinnert sich Hänisch, den es bei dieser Erinnerung immer noch schaudert.

Campierend geht der Kampf gegen Studiengebühren trotz solcher Erfahrungen weiter. Und das auch bei Tag. Die wichtigste Zeit für die dann wachen Schläfer ist zwischen 11 und 14 Uhr, wenn die Studierenden zur Mensa strömen. Dann wird Überzeugungsarbeit geleistet, werden Unterschriften gesammelt und neue Mitstreiter rekrutiert. Denn auch wenn das kleine Zeltdorf schon seit fünf Monaten den Campus prägt, auffallend ist es immer noch. Und nur wer auffällt, wird wahrgenommen.

Aufhören wollen die Unischläfer deshalb noch nicht, sondern erst einmal die Studienanfänger informieren. Ende Oktober aber sollen die Zelte wirklich abgebrochen werden, sagen die Unischläfer und wirken darüber keineswegs erleichtert, sondern irgendwie ein bisschen traurig. (mag)
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